Klimawandel: wenn Stauden schwitzen

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Durch Rückschnitt um etwa ein Drittel Anfang Juni kann die Blütezeit von Helenium und Phlox paniculata um etwa zwei Wochen verzögert werden – bei hohen Astern sollte der Rückschnitt im Juli erfolgen, weiß Dieter Gaißmayer. Fotos: Dieter Gaißmayer

Der Klimawandel ist da und seine Folgen beeinflussen auch die Freilandpflanzenproduktion. Wie genau, darüber sprach das TASPO Magazin mit Dieter Gaißmayer, der in Illertissen eine Staudengärtnerei betreibt. 

Durch den Klimawandel hat sich die Vegetationsperiode verlängert: Das Frühjahr beginnt laut Angaben des Umweltministeriums Nordrhein-Westfalen 16 Tage früher und der Herbst nimmt um 17 Tage zu. Axel Heinrich von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften spricht sogar von einer um sechs Wochen längeren Vegetationsperiode. Gleichzeitig verlagern sich die Niederschlagsmengen, die Winter werden feuchter, die Sommer trockener.


Wie wirken sich die Folgen des Klimawandels auf die Staudenproduktion aus?

Freilandkulturen werden insgesamt risikobelasteter. Die Wetterextreme nehmen zu. Der November 2011 beispielsweise war der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Viele Stauden, Gehölze und Blumenzwiebeln sind dadurch bereits wieder angetrieben, dann folgte im Februar der Temperaturabsturz auf minus 20 Grad Celsius. Damit kamen viele Pflanzen nicht zurecht. Außerdem treten Hagel, Starkregen und extreme Trockenheit vermehrt auf.

Ab zirka 30 Grad Celsius leiden viele Stauden in den Mutterpflanzenquartieren und schließen ihre Stomata. Durch den Stress sind sie anfälliger für Krankheiten. Auch Schädlinge werden durch den Klimawandel gefördert und Schädlingsprobleme nehmen gravierend zu. Nach der Erfahrung mit diesem extremen Winter wird sich aber auch das Kaufverhalten der Kunden weiter ändern. Sie werden im Herbst deutlich weniger kaufen. Dadurch konzentriert sich noch mehr auf das Frühjahrsgeschäft und die Durststrecken für die Betriebe werden länger.


Welchen Einfluss hat der Klimawandel auf die Sortimente? Und wer zählt zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern?

Phlox paniculata gehört zu den Stauden, die sich mit den Klimaveränderungen schwer tun. Er liebt einen mäßig frischen Standort und Kühle. Problematisch ist die Verlagerung der Jahreszeiten und die abrupten Temperatursprünge innerhalb weniger Tage von kalt auf sehr warm. Hinzu kommt die anhaltende Trockenheit im Frühjahr während der Wachstumsphase, wenn die Pflanzen dringend ausreichend Feuchtigkeit brauchen. Als Folge treten beim Phlox paniculata vermehrt Älchen und Blattflecken auf. Diese Art kann als Opfer des Klimawandels bezeichnet werden.

Eine Alternative zu P. paniculata ist Phlox amplifolia. Sein Naturstandort liegt in den Appalachen/USA. Er verträgt Wurzeldruck und Trockenheit wesentlich besser. Zurzeit selektiere ich mit Kollege Walter Schimana geeignete Sorten von Phlox amplifolia. Er ist der Phlox der Zukunft. Dem Kunden wird der Unterschied zwischen P. paniculata und amplifolia kaum auffallen.

Zu den Verlierern des Klimawandels zählen aber auch Pflanzen aus kühleren Klimazonen. Eisenhut, Angelica oder Felberich tun sich eindeutig schwerer. Zu den Gewinnern gehört zum Beispiel Acanthus spinosus. Er war bisher immer friedlich, wird jetzt aber invasiv.

Da sich der Herbst oft sehr viel länger hinzieht, wird bei einigen Pflanzen die Ausbildung von Samen gefördert. Früher wurden zum Beispiel bei Miscanthus frühblühende Sorten selektiert, jetzt besteht die Gefahr, dass sich das Chinaschilf durch Selbstaussaat nicht nur im Garten ausbreitet, sondern auch in der Natur. Deshalb sind neue Züchtungsziele wichtig. Züchtungsziel müssen jetzt spätblühende Sorten sein oder solche mit sterilen Blüten. Dieses Problem tritt nicht nur bei Miscanthus auf, sondern bei vielen anderen Gräsern. Auch Astern versamen sich stärker, wenn der Herbst sich in die Länge zieht.

Kritisch zu betrachten sind auch stark ausläufertreibende Pflanzen. So hat sich ein ursprünglich als nicht ausreichend winterhart eingestufter Bambus (Phyllostachys aureosulcata) trotz Wurzelsperre massiv ausgebreitet. Hier müssen wir Gärtner bewusst Verantwortung übernehmen. Wenn eine Pflanze droht invasiv zu werden, müssen wir zumindest den Kunden deutlich darauf hinweisen, besser noch die Art oder Sorte aus dem Sortiment nehmen und nicht mehr verkaufen.


Was ist bei der Pflanzenverwendung zu beachten? Worauf muss bei der Pflege geachtet werden?

Bei einigen Stauden verändert sich der Blütezeitpunkt. So blühen Herbstanemone, Rudbeckia ‘Goldsturm‘, Astern, Phlox und Helenium deutlich früher. Wir empfehlen unseren Kunden daher einen Teilrückschnitt. Wenn man hohe Astern etwa Mitte Juni um ein Drittel zurückschneidet, treiben sie neu aus und blühen später. Gleichzeitig verbessert sich ihre Standfestigkeit. Schneidet man nur die Hälfte des Asternbestandes zurück, kann man dadurch den Blühzeitraum verlängern. Zusätzlich empfiehlt es sich, Verblühtes relativ schnell zu entfernen, um ein eventuelles Versamen zu verhindern. (sibo)

 

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