Kommentar: Pflanzenschutz oft plakativ als Gift dargestellt

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Manchmal ist eine Vielzahl von verschiedenen Wirkstoffen im chemischen Pflanzenschutz nötig. Foto: Jürgen Faelchle Fotolia

Thomas Wiehler, Geschäftsführer des Erzeugerrings für Hochbaumschulpflanzen Bayern. Foto: privat

Das Verbrauchermaganzin ÖKO-Test bemängelt in seiner jüngsten Ausgabe Pestizidbelastungen in Schnittrosen. Einige Kritikpunkte entsprechen den Tatsachen, bedürfen aber einer differenzierteren Betrachtung, ist sich Thomas Wiehler, Geschäftsführer des Erzeugerrings für Hochbaumschulpflanzen Bayern, sicher. Im zweiten Teil der dreiteiligen Kommentarreihe beleuchtet der Fachmann die Bereiche Medien, Anbau in Drittweltländern und die Rolle der EU.

Pflanzenschutz in den Medien und die Rolle der Anbauer in Drittwelt-Ländern:

Statt vom „Schutz der Pflanzen“ zu sprechen, stellen Medien Pflanzenschutzpräparate häufig (etwas zu plakativ) als „Gifte“ dar. Das ist freilich reißerischer, aber nicht immer sachlich. Unbestritten können einige Präparate unerwünschte Nebenwirkungen haben. Und ohne jede Frage sind Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit von Frauen, Fehlgeburten, Missbildungen und Todesfälle sowohl in Europa wie auch in Drittweltländern nicht tolerierbar. Hier bedarf es umfangreicher Untersuchungen im Vorfeld von Pflanzenschutzmittelzulassungen und entsprechendem Anwender- und Verbraucherschutz.

Was in Deutschland und weiten Teilen Europas diesbezüglich erreicht wurde und geleistet wird, gilt es auch auf andere Länder zu übertragen. Kulturgeograf, Filmemacher und Journalist Jonathan Happ beschreibt im ÖKO-Test Artikel, dass „Operator“ Spritzmittel mischen, die von Dritten über die Blumen gespitzt würden. Die „Sprayer“ haben angeblich keine Kenntnis, was sie da eigentlich versprühen. Eine derart grob fahrlässige Verhaltensweise ist in Deutschland durch die Pflanzenschutz-Sachkundeverordnung strengstens untersagt.

Vielfalt von Wirkstoffen kann im Pflanzenschutz notwendig sein

Die pauschale kritische Hervorhebung einer größeren Anzahl von Wirkstoffen kann beim Leser, die sich nicht intensiv mit der Materie auskennen, ein falsches Bild erzeugen. Statt auf einzelne/einige wenige Wirkstoffe zu setzen, kann eine Vielfalt notwendig sein. Seit Jahren ist bekannt, dass gerade ein Wirkstoffgruppenwechsel förderlich, wichtig und richtig ist. So wird die Gefahr von Resistenzbildungen bei den Schädlingen und Krankheiten deutlich verringert. Dessen ungeachtet ist der Nachweis von in Deutschland nicht zugelassenen Pflanzenschutzmitteln selbstverständlich inakzeptabel.

Pflanzenschutz: Die Rolle der EU und ihrer Mitgliedsstaaten:

Auch die EU und ihre Mitgliedsstaaten müssen sich kritische Fragen beim Warenimport gefallen lassen:

  • Öko-Test weist bei Stichproben Wirkstoffe nach, die in Deutschland nicht zugelassen sind. Warum führt der Staat beim Import selbst offenbar zu wenig Kontrollen durch und zieht zu wenig Ware aus dem Verkehr? Damit werden nicht nur Verbraucher gefährdet, sondern auch die hiesige Produktion, die unter derartigen Wettbewerbsverzerrungen leidet.
  • Warum gibt es letztere selbst innerhalb der EU, die bei der Pflanzenschutzmittelzulassung bis heute weit von einer Einheit entfernt ist? Paradoxer Weise dürfen landwirtschaftliche Produkte und Pflanzen des Gartenbaues Grenzen innerhalb der EU grundsätzlich frei passieren, auch wenn sie an den exportierenden Produktionsstandorten mit in Deutschland nicht zugelassenen Pflanzenschutzmitteln behandelt wurden? Was der Verbraucher auf den Tisch bekommt oder anderweitig erhält, muss demnach nicht immer nur mit den in seinem Heimatland zugelassenen Pflanzenschutzmitteln behandelt worden sein.

Fazit: Pauschalen Irrglauben zu chemischem Pflanzenschutz bekämpfen

Der verbreitete pauschale Irrglaube „Chemie ist schlecht“ und „keine Chemie ist gut“ muss ad absurdum geführt werden. Vielmehr gilt es Öffentlichkeitsarbeit zu leisten und ehrlich und sachlich fundiert aufzuklären. Ein erster Ansatz ist mehr auf regionale Ware zu setzen, bei der der Kunde idealer Weise den Produzenten persönlich kennt. Abschließend bleibt die Hoffnung, dass im Bereich des Pflanzenschutzes die Europäische Union irgendwann eine echte Einheit wird und ihre Bürger und Anbauer vor – nach hiesigen gesetzlichen Rahmenbedingungen – illegal produzierter Importware schützt.

Im kommenden Teil der Kommentarreihe, den Sie am kommenden Donnerstag auf www.taspo.de oder am Freitag in den TASPO News lesen können, befasst sich Branchenexperte Thomas Wiehler mit der Besonderheit des chemischen Pflanzenschutzes in Baumschulen.

 

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