Phytosanitäre Probleme: Was wird aus dem Reiserschnittgarten Weinsberg?

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Ortsbesichtigung auf dem Insultheimer Hof. Foto: Edwin Hanselmann

Etwa 450 Obstsorten – neben Kern- auch Steinobst – wurden im Reiserschnittgarten Weinsberg (nahe Heilbronn) vorgehalten. Rund 13.000 Reiserbäume stehen in Weinsberg noch. Aufgrund der phytosanitären Probleme hat diese ehemals vom Land Baden-Württemberg geführte, dann von der Branche über eine Betreibergesellschaft weitergeführte Anlage nun aber keine Zukunft mehr. 

Seit etwas mehr als einem Jahr ist der RSG Weinsberg nur noch begrenzt lieferfähig. Das Regierungspräsidium Stuttgart hatte auf Basis der Ergebnisse von Stichprobenuntersuchungen angeordnet, etwa die Hälfte der Birnbäume und vier Fünftel der Apfelbäume zu roden. Grund: Phytoplasmen. Damit ging auch ein großer Teil des zuvor breiten Sortiments verloren.

Wie wichtig die Erhaltung eines Reiserschnittgartens in Baden-Württemberg für die Branche wäre, hatte die Betreibergesellschaft in den letzten Monaten herausgestellt. Beispielsweise sei bei ersatzloser Streichung der Weinsberger Anlage ein Versorgungsengpass bei der Produktion gesunder Obstgehölze zu befürchten, gerade auch bei Steinobst. Zugleich drohe erheblicher Verlust genetischer Ressourcen bei regionaltypischen Sorten.

Mit solchen und einigen weiteren Argumenten konnte die vom Berufsstand getragene Betreibergesellschaft bereits eine größere Zahl von Interessenten – vor allem aus dem Kreis der Baumschulen (einschließlich BdB sowie dessen Landesverbänden Baden, Bayern und Württemberg) – davon überzeugen, sich finanziell beim Neuaufbau eines Reiserschnittgartens zu engagieren. Es ging um die Zusage von Einlagen in Höhe von jeweils 500 bis 25.000 Euro. Die baden-württembergische Landesregierung signalisierte ebenfalls ihre Hilfe. Aus phytosanitären Gründen soll dieser Wiederaufbau nicht in Weinsberg sein. Stattdessen sieht das Konzept den Aufbau einer neuen Anlage im Insultheimer Hof vor.

Entstehen soll ein in Gesellschaftsform (GmbH & Co. KG) organisiertes privates Unternehmen, das nach der Anschubfinanzierung eigenständig wirtschaftet. Als Personalbedarf (hauptamtlich) ist eine Vollzeitstelle veranschlagt. Mit entsprechendem Marketing und Erschließung neuer Geschäftsfelder (wie Zierobst, Beerenobst) soll die Nachfrage intensiviert werden. Für einen Übergangszeitraum will man beide Gärten – also Weinsberg und die neue Anlage – parallel bewirtschaften, nach Etablierung des neuen Standorts den Betrieb in Weinsberg dann aufgeben.

Hatten Reisermuttergärten ehemals in fast jedem Bundesland als staatliche Einrichtungen bestanden, so wendete sich das Blatt, als der Gesetzgeber Ende der neunziger Jahre die frühere Obstvirusverordnung durch die Anbaumaterialverordnung AGOZ – eine in deutsches Recht umgesetzte EU-Regelung – ablöste. In den meisten Bundesländern wurden daraufhin die Reisermuttergärten geschlossen.

Übrig geblieben sind vier Standorte. 2010 erfolgte die Schließung der Anlage in Magdeburg wegen Apfeltriebsucht (Neuaufbau nicht gesichert!). Neben Weinsberg sind derzeit die Anlagen in Bonn (ORG Rheinland) und Hannover in Betrieb.

Laut Studie des Julius Kühn-Instituts aus dem Jahr 2010 wurden von den deutschen Reiserschnittgärten jährlich etwa 2,8 Millionen Stück Vermehrungsmaterial (Augen/Veredlungsköpfe) abgegeben. Größere Kapazität haben die Reiserschnittgärten in den Niederlanden mit 14 Millionen Stück Vermehrungsmaterial. Sie verfügen aber über weniger Obstsorten (rund 300 Sorten gegenüber 846 Sorten der Reiserschnittgärten in Deutschland). 99 Prozent der Reiser gehen an Baumschulen zur Erzeugung von Obstbäumen.

Eine Information vom Reiserschnittgarten Weinsberg hebt das Steinobst hervor. Dieses bilde hier einen Schwerpunkt, weil „es insbesondere in Süddeutschland eine große Rolle spielt und den hiesigen Obstbau von der Konkurrenz abhebt“. (eh)

 

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