TASPO GartenMarkt

Ältere Kunden, ältere Mitarbeiter – Umdenken ist wichtig

Die Kunden werden immer älter, auch im Mitarbeiterbereich werden künftig zunehmend ältere Arbeitnehmer beschäftigt sein. Aber Unternehmen haben sich noch nicht ausreichend auf diese Veränderungen eingerichtet. Dies ist die Kernaussage von Delia Balzer vom Braunschweiger Informatik- und Technologiezentrum und Projektleiterin von „Linga“, der „Landesinitiative Niedersachsen generationengerechter Alltag“. Im Rahmen der Ahlemer Betriebsleitertage Produktion machte sie den Gartenbaubetrieben deutlich, welche Potenziale in der Gruppe der älteren Menschen liegen. 

Hier steckt Wirtschaftskraft: Auf Einschränkungen im Alter muss sich der Einzelhandel bei seinen Kunden deutlich mehr einstellen. Foto: Wodicka/LVG Ahlem

„Zum einen liegen hier eine enorme Wirtschaftskraft und damit wirtschaftliche Chance für Unternehmen – bis zum Jahr 2035 wird der Konsumanteil der über 50-Jährigen von jetzt 52 auf 58 Prozent steigen, darunter viele Best-Ager in der Altersgruppe von 65 bis 74 Jahren“, so Balzer. Die ältere Generation verfügt also über eine sehr hohe Kaufkraft. Und: Die ältere Gesellschaft wächst und stellt mit steigendem Selbstbewusstsein immer höhere Ansprüche an den Markt, wie es auf der Homepage von Linga heißt. „In der Realität sind bisher nur sehr wenige Unternehmen und Geschäfte auf die individuellen Bedürfnisse dieser Kunden eingestellt“, bedauert Balzer.

Deutlich machten dies Versuche mit Testpersonen, die mithilfe einer gelb gefärbten Brille mit begrenztem Sichtfeld und dünnen Stoffhandschuhen im Sehen und Fühlen eingeschränkt waren, somit ein älteres Lebensalter simuliert wurde. Diese sollten bestimmte Produkte aus dem Supermarkt lesen und öffnen. Dies gelang bei vielen Produkten aber nicht, da deren Verpackung trotz der älteren Konsumenten nicht auf deren Bedürfnisse und Handicaps ausgerichtet war: Bei einem hochwertigen Gebissreiniger, typisches Produkt für diese Zielgruppe, war die Aufschrift aufgrund der Farbwahl und mangelnder Kontraste überhaupt nicht lesbar. Die Lasche einzeln verpackter Marmeladen war bei eingeschränkter Haptik nahezu nicht zu fassen. Und aus vielen, handelsüblichen Tablettenverpackungen ließ sich der Inhalt kaum herausdrücken – um nur eine kleine Auswahl der Beispiele zu nennen.

„Wir laden auch die Unternehmen und Unternehmer ein, statten sie mit Alterssimulationsmitteln aus und lassen sie das Handling ihrer Produkte selbst testen.“ Das sei in der Regel sehr lehrreich, resümiert Delia Balzer, öffne die Augen für die Bedürfnisse der älteren Generation. Eine gute Möglichkeit biete dies auch Unternehmen der grünen Branche, sich in die ältere Kundschaft oder Belegschaft hineinzuversetzen. Modulare Alterssimulationsanzüge wie der in Ahlem vorgestellte „Gerd“ beispielsweise, der in drei Schweregraden auf verschiedene Altersstufen aufgerüstet werden kann, sind auch tageweise mietbar, auf Wunsch mit Beratung/Seminar. Melanie Horscht, Mitarbeiterin der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, schlüpfte vor den Tagungsteilnehmern mutig in „Gerd“ und ging angesichts ihrer plötzlich doch sehr schweren und behäbigen Gliedmaßen schnell dazu über, den bereit stehenden Armlehnstuhl einem normalen Stuhl vorzuziehen. „Ich merke deutlich, um wie viel schwerer das Bewegen und Sehen im Alter ist“, stellt die 27-Jährige etwas bestürzt fest.

Mit welchen Einschränkungen haben ältere Menschen also zu kämpfen? Je nach Gesundheitszustand beginnt dieser Prozess schleichend, die ersten Einschränkungen können bereits in einem Alter von 50 Jahren auftreten, so Balzer. Dafür sollten sich Unternehmen sensibilisieren: Dass die Bewegungsfähigkeit eingeschränkt ist, weshalb Sitzgelegenheiten vorhanden sein müssen, möglichst mit Armlehnen zum besseren Hochkommen. Produkte in unteren Regalplätzen oder ganz oben sind für Altersprodukte tabu, da die Bück- und Streckzone älterer Menschen kleiner wird. Da sich das Farbsehen verändert, sind manche Farben im Alter nicht mehr so gut zu erkennen, oft sehen bestimmte Blautöne beispielsweise aus wie Grün. Auch das ist zu beachten, ebenso wie ein geringeres Kontrastsehen, sodass Aufschriften sehr kontrastreich gewählt werden müssen. Lupen zum Lesen kleinerer Schrift sollten immer gut erreichbar vorhanden sein.

Welche Angebote man seinen älteren Kunden auch macht, zu beachten ist dabei immer deren Bedürfnis nach Selbstständigkeit, Autonomie, Lebensqualität. „Das Gesicht des Alters hat sich nun einmal gewandelt“, sagt Balzer – Ältere wirkten heute meist wesentlich jünger und aktiver. Versteht sich von selbst, dass spezielle altersgerechte Produkte deshalb entsprechend zu verpacken, nicht als solche zu deklarieren sind. „Der Golf Plus wäre als Seniorenauto gefloppt“, ist sich die Expertin sicher. Nichtsdestotrotz brauchen Ältere aber spezielle Angebote – das leicht und gut erkennbar bedienbare Handy beispielsweise, mit Notrufknopf, das dennoch chic ist. Eine Branche, die dies sehr früh erkannt habe, sei die Sanitätsbranche, die mit funktionalen, behindertengerechten Ausstattungen wahre Wellnessoasen geschaffen habe.

„Einige altersgerechten Dinge haben nahezu einen Siegeszug angetreten“, sagt Balzer – der alte „Hackenporsche“ beispielsweise, der heute sogar Schulkindern als Ranzentrolley das Leben erleichtert. Der gärtnerische Einzelhandel kann bei Älteren vor allem mit Serviceangeboten punkten, ist sich Balzer sicher. „Ältere investieren viel in ihren Garten – aber da eben zunehmend auch in Dienstleistung.“ Lieferservice für Pflanzen und Substratsäcke, nennt sie als Beispiel. Aber auch breite Wege, lesbare Aufschriften, freundliche, zuvorkommende Bedienung oder Angebote wie Rollatoren oder Einkaufswagen mit Lupe und Öffnung für den Krückstock, genügend Sitzmöglichkeiten, ausreichende Toiletten – „über das meiste davon freuen sich auch andere Kunden, wie Familien mit Kindern“.

Alterssimulationsanzüge können im Unternehmen auch mehr Sensibilität für den Umgang mit älteren Mitarbeitern wecken – beispielsweise für die Ausgestaltung der Arbeitsplätze. Wie wichtig es ist, sich um die älteren Beschäftigten zu kümmern, sie möglichst lange zu halten, machte Balzer eindrucksvoll deutlich: Sie bat einen 63-jährigen Betriebsleiter, den Saal zu verlassen. „Das passiert, wenn das Wissen in Rente geht – so schnell verschwinden 40 Jahre Berufserfahrung aus einem Betrieb.“ Auf den demografischen Wandel müssten sich Betriebe jetzt und rechtzeitig einstellen – entsprechende Maßnahmen, so ergab eine Umfrage im Publikum, hat noch keiner der anwesenden Betriebe ergriffen.

Ein großer Fehler, denn, wenn ältere Mitarbeiter im Betrieb als leistungsschwach, teuer und nicht innovativ angesehen würden, liegt das laut Balzer an der Unternehmensführung, nicht am Alter. Eine aktuelle Studie der Uni Bayreuth habe bewiesen, dass Vorurteile zur Wahrheit werden, wenn ein solches negatives Bild im Betrieb vorherrsche. „Es gibt in der Realität keinen Zusammenhang zwischen Motivation und Alter.“ Und auch keine höheren Krankenstände im Alter. „Ältere Arbeitnehmer sind eher weniger häufig krank, die Jüngeren bleiben eher mal bei einem Schnupfen zu Hause.“ Allerdings seien Ältere wenn, dann auch länger krank – vor allem infolge von Muskel- und Skeletterkrankungen. „Prävention ist deshalb wichtig“ – eine gute Führung und gesundheitsfördernde Maßnahmen zusammen können laut Balzer langfristig helfen, die Arbeitsfähigkeit zu erhalten.

Für kleine und mittelständische Unternehmen biete sich die Möglichkeit, sich hier in betrieblichen Allianzen zusammen zu tun, beispielsweise gemeinsame Sportprogramme anzubieten oder gemeinsam einen Präventions-Coach zu engagieren. „Wichtig ist: Keine Maßnahme ohne Diagnose. Eine Altersstrukturanalyse ist notwendig, um frühzeitig zu handeln.“ Spezielle Zeiträume, in denen Betriebe Maßnahmen durchführen sollten, gäbe es nicht. „Es ist nie zu spät, laut einer Studie bringen solchen Maßnahmen bis ins hohe Alter etwas. Aber Betriebe sollten unbedingt frühzeitig damit beginnen, beispielsweise auch Faktoren wie Übergewicht, Rauchen oder Alkohol in diesem Rahmen angehen.“ Balzer empfahl außerdem, im Betrieb altersgemischte Teams zu bilden, damit Wissen und Können weiterfließt an alle Mitarbeiter. Stärken und Schwächen glichen sich in altersgemischten Teams an. Auch Bildung stärke das Potenzial der Älteren. Sie fördere die Konzentration, Problemlösungsstrategien, Motivation, die Identifikation mit dem Unternehmen.
„Der Führung wird, neben gesundheitsfördernden Maßnahmen im Betrieb, künftig ein höherer Stellenwert beigemessen“, ist Delia Balzer sich sicher. Arbeitnehmer müssten durch eine kluge Personalpolitik gesund bis zur Rente im Betrieb gehalten werden, das Unternehmen sollte aber auch für den Nachwuchs attraktiv sein. „Lernen müssen daher vor allem auch die Unternehmen: Sie brauchen ein neues Bild vom Alter, das den neuen ’fitten’ Alten entspricht.“ (kla)