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Oben ohne wenn‘s im Haus zu heiß wird – neuer Gewächshaustyp für jede Gelegenheit

Ein in Amerika verbreiteter, vollständig zu öffnender Gewächshaustyp macht seit einigen Jahren auch in Deutschland von sich reden. Dieser Bau kombiniert Folienhaus, Schattenhalle und Freiland, sagt Vonder Montage-Verkaufsleiter Robert Rouhof. 

Eine dieser Gewächshausanlagen befindet sich bei Kientzler Jungpflanzen in Gensingen. Dort sowie in den Betrieben Udo & Frank Stender (Hamburg) sowie Thomas Viehweg im niederrheinischen Issum-Sevelen stellte das niederländische Unternehmen vom 28. Februar bis 1. März den seit längerem in Amerika bekannten, seit einigen Jahren aber auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern aufkommenden Gewächshaustyp vor. Vonder Montage B.V. (NL-Punthorst) montiert die Gewächshausteile, die per Schiff vom Standort des Herstellers Cravo in Kanada kommen.

„Retractable Roof“ – Kürzel: RR – heißt der von Cravo im kanadischen Brantford hergestellte Gewächshaustyp. „Retractable“ steht für einziehbar oder ausfahrbar, „retractable roof“ quasi für „schließbares und ausfahrbares Dach“. Entsprechend der Bezeichnung lässt sich die aus dreilagiger Gitterfolie (Polyäthylen) bestehende Gewächshausbedachung in diesem Fall ähnlich eines Energieschirms via Motoren und Antriebswellen vollständig öffnen, und zwar von Binder zu Binder.

Generell ist dieser Gewächshaustyp vor allem für Kalthauskulturen gedacht. Daher nutzt Kientzler den 3.000 Quadratmeter großen RR-Block nach Angabe von Andreas Kientzler vor allem zum Überwintern von Stauden, Topfgehölzen sowie „für Pflanzen, die wir im Herbst im Gewächshaus vorkultivieren, dann frostfrei überwintern und ab Kalenderwoche 8 ausliefern“. Ein weiterer Grund, sich für diesen Gewächshaustyp zu entscheiden, war der Bedarf an Ausstellungspflanzen sowie Pflanzen für den Probeanbau und für Produktprüfungen.

„Es sind bessere Freilandbedingungen als beim Cabriohaus“, sagt Kientzler. In diesem Gewächshaus lasse sich prima kultivieren, ergänzt Gärtnermeister Marc Wiens. Er ist in dem Gensinger Jungpflanzenbetrieb zuständig für die Kulturführung. Die UV-Einstrahlung wirke sich aus und man komme mit weniger oder niedriger konzentrierten Wuchshemmstoffbehandlungen aus, beispielsweise bei Topfstauden, „Frühlingsflirt“ sowie jenen Beet- und Balkonpflanzen, die sich für einen Anbau unter Kalthausbedingungen eignen. Dazu rechnet er durchaus auch Pelargonien, nicht jedoch Impatiens Neu-Guinea. „14 Grad oder so“ würde er hier im Winter allerdings nicht fahren, ergänzt Andreas Kientzler. Dafür sei die Abdichtung nicht ausreichend.

Vielmehr hält der Gensinger Betrieb diesen Bau im Winter durch Warmluftgeräte möglichst frostfrei. Im kalten Februar 2012 waren die betreffenden Kulturen allerdings zeitweise leichten Frostgraden ausgesetzt. Die Anlage ist nämlich auf eine Temperaturdifferenz (Delta T) von 15 Grad Celsius ausgelegt. Bekanntlich war die Außentemperatur selbst in Regionen mit mildem Weinbauklima in einigen Nächten niedriger als die besagten minus 15 Grad Celsius. Die Anlage bei Kientzler wurde im Spätjahr 2009 errichtet.

Deutlich größer – insgesamt nämlich 9.000 Quadratmeter – ist der bereits 2008 entstandene Bau in der Gärtnerei Viehweg in Issum-Sevelen; Informationen hierzu waren in TASPO-Ausgabe 19/2009 (Betriebsbericht zu Gartenbau Viehweg, verfasst von Werner Oschek). Thomas Viehweg wird dort mit der Aussage zitiert, in diesem Haus lasse sich ein „ideales Klima zum Verfrühen von Stauden“ erzielen. Wie die Firma Kientzler nutzt Viehweg den RR-Block als Kalthaus, auch für Beet- und Balkonpflanzen. Im Sommer dient der Bau in dem niederrheinischen Betrieb als Schattenhalle für Helleborus.

Der Gewächshausblock bei Udo und Frank Stender in Hamburg hat eine ähnliche Größe wie jener bei Kientzler und wurde im Sommer 2011 errichtet. Verwendung: Kultur von Topfstauden. Robert Rouhof erwähnte unter anderem außerdem einen Bau in der Schweiz.

Das Unternehmen Vonder Montage ist auf Montagearbeiten ausgerichtet. Was Gewächshäuser angeht, so hat die Firma sich auf den Bau von Cravo spezialisiert. Zu den weiteren Hauptbereichen der seit 1998 bestehenden Firma aus Punthorst zählt die Erstellung von Containerflächen und großen Wasserbecken. Auf seiner Webseite nennt das Unternehmen auch „sonstige Montagearbeiten“ wie das Anbringen von neuer Folie auf bestehende Folienhäuser sowie das Verlegen von Be- und Entwässerungsrohren.

Die Firma Cravo Equipment Ltd. gilt als führender Hersteller für die „Retractable Roof“-Gewächshäuser in Amerika. Sie besteht seit 1977 und hat vor genau 30 Jahren – also 1982 – den ersten Bau dieses Typs realisiert. Es war – so lässt sich der Internetseite des kanadischen Gewächshausherstellers entnehmen – eine zum Akklimatisieren von Gehölzsämlingen genutzte Schattenhalle in Thunder Bay Ontario. Etwas später folgten Gewächshäuser in Kalifornien und Florida, ebenso in anderen US-Bundesstaaten sowie in Costa Rica (1997) und Australien (ab 1998).

Mit Blick auf die Historie dieses Gewächshaustyps erwähnt Cravo auch acht Hurrikane. Sie hatten in den USA im Zeitraum von 2003 bis 2009 gewütet und die betreffenden Konstruktionen nicht zerstört.

Der Sprung des RR-Gewächshaustyps nach Europa – zunächst nach San Remo in Italien – folgte Mitte des vergangenen Jahrzehnts, ehe 2006 die Anlage in der Gärtnerei Viehweg am Niederrhein entstand. Spezielle Verkaufsbüros hat Cravo außer am Heimatstandort auch in Mexiko, Spanien und in der Türkei. Neben den in mehreren Ausführungen verfügbaren Satteldach-Varianten gibt es den betreffenden Gewächshaustyp auch mit Flachdach, speziell konzipiert für großflächige Überdeckungen.

„Im Freiland ist stets das beste Klima für die Pflanzen“, erwähnte Cravo-Direktor Richard Vollebregt. Es gelte also, die Pflanzen möglichst lange Freilandbedingungen auszusetzen. Dies lasse sich mit diesem Folienhaustyp erreichen. Der Bau in Gensingen hat drei Schiffe mit jeweils 11,60 Meter Breite. Üblich sind Standardschiffbreiten von acht Meter und 9,60 Meter. Sowohl die Rinne als auch die meisten anderen Konstruktionsteile bestehen aus Stahl. Der Binderabstand beträgt 3,65 Meter. Wenn sich das Dach öffnet, fährt die dreilagige Folie von einem Binder zum nächsten. Der bewegliche Rand überlappt hier mit dem stationären Rand der anderen Seite.

Gemäß den Binderabständen wurden 3,65 Meter breite Folienbahnen gewählt, deren Länge sich in einem Stück quer über alle drei Schiffe zieht. Möglich wären Längen bis zu 60 Meter, sagt Rouhof. Die Lichtdurchlässigkeit bezifferte er auf 80 Prozent, wobei die Strahlung bei geschlossenem Dach als diffuses Licht im Pflanzenbestand ankomme. Über den Rinnen ist die Folie perforiert, damit das Regenwasser abfließen kann.

Die Dachfolie hängt an Drähten und hat keinen direkten Kontakt zu der auf Punktfundamenten stehenden Grundkonstruktion. Es ist eine Folie der Brandschutzklasse B2 (= normal entflammbar). Gegebenenfalls sollten Rauchmelder mit eingesetzt werden.

Die Rinnenhöhe wurde auf 4,30 Meter beziffert, was aber je nach vorliegenden Gegebenheiten variieren kann. Dachneigung: 22 Prozent. Eine Innenschattierung lässt sich zusätzlich einbauen. Sie würde in entgegengesetzter Richtung zum Dach öffnen und schließen. Das bei diesem Gewächshaustyp verwendete Getriebe stammt von Ridder Drive Systems. Hingewiesen wurde auch auf ein spezielles Steuerungsprogramm. (eh)