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Praktiker in der Finanzkrise

Mehr als eine halbe Milliarde Euro Verlust soll die angeschlagene Baumarktkette Praktiker im vergangenen Jahr gemacht haben. Das meldete das Handelsblatt am Freitag in seiner Online-Ausgabe. 2011 sei bereits das dritte Verlustjahr in Folge – 2009 und 2010 war das Minus allerdings noch deutlich kleiner als 554,7 Millionen Euro. 

Die Börse reagierte geschockt, heißt es weiter. Zum Handelsauftakt am Mittwoch verlor die Aktie rund 13 Prozent. „Die Praktiker-Aktie würde ich weiterhin nicht einmal mit der Kneifzange anfassen“, sagte ein Händler. Laut Handelsblatt wurden die Papiere vor einem Jahr noch für mehr als 8 Euro gehandelt, Freitag früh war sie für weniger als 1,90 Euro im Angebot.

Zu dem immensen Verlust, der sich auf mehr als ein Sechstel des Umsatzes beläuft, sollen den Angaben zufolge vor allem Abschreibungen auf Vermögens- und Firmenwerte sowie die Kosten für den Konzernumbau geführt haben. Der Baumarktkonzern, zu dem auch die Marke Max Bahr gehört, braucht dringend Geld für seine Sanierung. Laut Vorstandschef Thomas Fox sind es rund 300 Millionen Euro.

Für das laufende Jahr ist der Sanierer optimistisch und rechnet mit besseren Geschäften. Der Konzernumsatz soll leicht über das Vorjahresniveau von rund 3,2 Milliarden Euro klettern. Getrieben werde die Entwicklung trotz der laufenden Restrukturierung vom deutschen Markt, während im Ausland mit einem Umsatz auf Vorjahresniveau gerechnet werde. Beim operativen Ergebnis stellte der Vorstand eine deutliche Verbesserung in Aussicht, legte sich aber nicht auf eine konkrete Prognose fest. Keine Frage: Baumärkte sind gerade jetzt angesichts erster Frühlingsstrahlen ein Eldorado für all jene, die während der Woche ihr handwerkliches Geschick nicht ausleben können – das könnte Praktiker laut Handelsblatt etwas Kraft geben.

Allerdings gilt der 55-jährige Thomas Fox nicht als Handelsstratege, den Praktiker dringend bräuchte. Seine Spezialität, so schreibt es das „manager magazin“ in der aktuellen Ausgabe, ist es, in der Insolvenz Kosten zu kappen. So soll er es zuvor schon bei der Warenhausfirma Karstadt, beim Möbelhersteller Schieder und bei der Drogeriekette Ihr Platz praktiziert haben. Es kursieren Gerüchte, das Fox bei Praktiker eine Planinsolvenz anstrebt, damit er sich von teuren Mietverpflichtungen losreißen kann. Praktiker dementiert.

Die Finanzsituation des Unternehmens ist so angespannt, dass kürzlich auch Anleihegläubiger aufgefordert wurden, ihren Beitrag zur Restrukturierung des Unternehmens zu leisten. Bei der bis 2016 laufenden Anleihe, die vor gut einem Jahr begeben wurde, sollte der Kupon von 5,875 auf ein Prozent gekürzt werden – der Versuch, die Gläubiger ins Boot zu holen, scheiterte gestern. Die notwendige Beteiligung von mindestens der Hälfte des Anleihekapitals kam nicht zustande, wie Praktiker auf der Internetseite mitteilte.

Diese mehr oder weniger verzweifelte Suche nach Geld umschrieb die Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) mit „Praktiker spielt Griechenland.“ Analysten wie Christoph Schlienkamp sehen dies als falsches Zeichen, seien die zwölf Millionen Euro, die so eingespart werden sollen, doch ein Klacks gegen die 300 Millionen Euro, die eigentlich nötig wären. Die Lage von Praktiker ist seiner Ansicht nach unverändert kritisch, deswegen rät er zum Verkauf der Aktie.

Schon länger steckt das ehemalige Heimwerker-Paradies Praktiker in schweren finanziellen Turbulenzen. Der Hornbach-Konkurrent aus dem Saarland ist mit seinem Discount-Konzept gescheitert, verbucht seit Monaten schmerzhafte Umsatzrückgänge und schreibt seit geraumer Zeit rote Zahlen. Auch vom neuen Werbestar Boris Becker lassen sich die Kunden nicht in die Läden locken. Nachdem das Ergebnis im Dritten Quartal um mehr als 90 Prozent eingebrochen war, hat die Kette Ende November ein Sanierungsprogramm mit der Schließung von Märkten beschlossen. Mehr noch: 1.400 der 11.000 Jobs könnten wegfallen. Zudem soll der Vorstand verkleinert und die Konzernzentrale nach Hamburg verlegt werden.

Weil Praktiker früher alles auf die Preiskarte gesetzt hat, ist die Baumarktkette immer mehr in Schieflage geraten. Auch viele Einzelhändler teilen dieses Schicksal, in der Branche herrscht in Deutschland seit Jahren ein aggressiver Preiskampf. Nirgendwo ist die Selbstzerfleischung so ausgeprägt. Dabei zeigt der Fall Praktiker („20 Prozent auf alles – außer Tiernahrung“), dass die Billig-Strategie langfristig in einem Teufelskreis enden kann.

Praktiker, mit Sitz im saarländischen Kirkel, will schon seit einiger Zeit vom Image als Billiganbieter wegkommen und verzichtet seit Ende 2010 auf seine bekannten „20 Prozent auf alles“-Aktionen, mit denen die Kette Anfang 2010 noch großflächig geworben hatte. Schon im vergangen Jahr brachte das Unternehmen „Praktiker 2013“ auf den Weg: Märkte wurden umgebaut, Eigenmarken eingeführt. Mehr Beratung soll jetzt die Kunden locken. Rabattaktionen gibt es nur noch selten und dann nur für Stammkunden. (Quelle: Handelsblatt online, 29.03.2012)