Logistik: „Unternehmen müssen jetzt investieren“

Veröffentlichungsdatum: , Claudia Kordes

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Logiline ist ein mittelständisches, Inhaber geführtes Logistikunternehmen mit Sitz in Hannover und mehreren Standorten in Deutschland. Kunden aller Branchen bietet Logiline als Logistikdienstleister intelligente Lösungen. Logistik-Experte Olaf-Ulrich Krause beschreibt im Interview aktuelle Herausforderungen, die jedes Unternehmen betreffen. Die Erwartungen der Kunden sind groß, die Herausforderungen auch.

Der Ausnahmefall wird zur Tagesordnung – welche Entwicklungen machen es aktuell so schwer, Frachtraum zu bekommen?

Der Gartenbau steht vor den gleichen Problemen wie viele andere Branchen auch: Die Pandemie, die Krise in der See- und Luftfracht, der Lockdown in Shanghai und der Ukraine-Krieg sind aktuelle Herausforderungen. In den vergangenen beiden Jahren war die Logistik gleich mit zwei umwälzenden Trends, Digitalisierung und die Corona Pandemie konfrontiert.

Durch die Corona-Pandemie kam es zu großräumigen Ausfällen auf den globalen Handelsrouten. Hamsterkäufe in den Supermärkten und Ereignisse wie die kurzfristige Blockade im Suezkanal stellten zusätzliche Schwierigkeiten dar. Gleichzeitig stieg das Aufkommen im Online-Handel enorm, weil Verbraucher während der Schließungen im Einzelhandel zunehmend Waren im Internet bestellten und damit den E-Commerce Boom weiter befeuerten.

Im Moment gibt es in verschiedenen Segmenten wie Gartenmöbel, Pflanzgefäße oder Dekoration große Probleme, den Nachschub zu sichern. Ist die Rückkehr zu regionaler Produktion eine Lösung?

Wie sich die deutsche und globale Wirtschaft entwickeln werden, ist aufgrund der unsicheren Lage und neuer energiepolitischer Verwerfungen schwer vorhersehbar. Klar ist aber auch, dass eine radikale Rückverlagerung der Produktionsstätten ins Inland als protektionistische Reaktion nicht der richtige Weg wäre. Wie sich die Abkehr von globalen Lieferketten auf die heimische Produktion auswirkt, hat auch das ifo-Institut untersucht:

Das Resultat war, dass sich das BIP mit dieser Maßnahme um zehn Prozent verringert. Wenn internationale Handelspartner nun ähnliche Strategien verfolgen, wären die Auswirkungen noch drastischer.

Deglobalisierung lässt sich nicht umsetzen, welche Ansätze sind zielführend um die Lieferketten resilienter, flexibler und digitaler zu gestalten?

Logistikimmobilien spielen da langfristig eine wesentliche Rolle. Viele Unternehmen investieren hier in die Zukunft. Neubauten wie zum Beispiel von Hellmann Worldwide in Bremen mit 1500 qm Büro-, 8000 qm Umschlagfläche und 100 Toren für Lkw setzen da neue Standards in Sachen Technik, Digitalisierung, Automatisierung und Prozess-Steuerung. Alles Bereiche, die auch den Gartenbau betreffen, mit seinem hohen Frachtvolumen zu den Saisonspitzen. Das Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, die eigenen Standorte digital und topmodern auszurüsten.

Dabei muss der Blick auch über den Tellerrand hinausgehen. Es gehört zur Grundfunktion der Logistik, alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette effizient miteinander zu verknüpfen, Daten und Abläufe zu harmonisieren und für einen möglichst effizienten Warenfluss zu sorgen. Der Fortschritt ist an dieser Stelle nicht aufzuhalten. Unternehmen aller Branchen müssen sich Gedanken machen, wie sie die eigenen Standorte fit für die Zukunft machen

Welche Projekte und Innovationen sind voranzutreiben, damit Logistikprozesse krisenfest und effizient bleiben?

Innovation ist im Grunde genommen die beste Verteidigung. Es geht um das richtige Mindset, sprich die Bereitschaft, neue Anwendungen, Tools und Technologien im eigenen Betrieb einzuführen und zu prüfen wie diese Effizienz und Flexibilität verbessern können. Diese positive Einstellung, Innovationen zu testen und flexibel zu bleiben, bietet auch Vorteile bei kurzfristigen Ausnahmesituationen. Künstliche Intelligenz und Algorithmen, verknüpft mit Wetterdaten, können im Gartenbau vielversprechende Ansätze darstellen um den Handel mit dem hohen Sendungsvolumen im Bereich der „Frischware“, mit den ständig expandierenden Produktsortimenten und den schwer zu bearbeitenden Auftragsspitzen wie Valentinstag, Muttertag oder den Start in die Frühjahrssaison zu unterstützen.

Wo besteht am dringendsten Handlungsbedarf?

Konkret sind vor allem Investitionen in Fachkräfte und Technologie grundsätzlich empfehlenswert. Beides funktioniert nur zusammen. Ich brauche gut ausgebildete Fachleute, die die Prozesse verstehen und mit den neuen Technologien zurechtkommen. Es geht um die bestmögliche Technik und die Personen, die diese Technik anwenden. Ein Beispiel: Amazon hat zuletzt vor 20 (!) Jahren die Produkte für die Kundenbestellungen anhand einer gedruckten Einkaufsliste eingesammelt. Die für den Job verantwortlichen Personen gingen dann durch die Lagerhäuser, um die Artikel zu holen. Heute ist es bei Amazon genau umgekehrt: Die Artikel kommen vielerorts mittels moderner Transportroboter zu den Arbeitsstationen der Mitarbeiter gefahren. Sicher erkennt sich der eine oder andere Gartenbaubetrieb in Sachen gedruckter Einkaufsliste wieder.

Und das andernorts Transportroboter bereits normal sind, zeigt recht gut, was für ein Weg noch vor der Branche liegt. In Bezug auf die Saison- und Versandspitzen auch hier noch ein Amazon-Beispiel: Der Online-Riese nutzt zur Bewältigung des hohen Paketvolumens innovative Planungstools. Damit lässt sich im Voraus planen, wie viele Personen benötigt werden um die Kunden zuverlässig zu beliefern. Auch wird geplant, wie viele Lkw benötigt werden, um die Bestände wieder aufzufüllen. Das Beste daran ist jedoch, dass es so Planungssicherheit gibt, die es ermöglicht zuverlässigere Schichtpläne zu erstellen und Mehrarbeit zu vermeiden. Gerade im Gartenbau, wo sich die Hauptgeschäftszeit auf das Frühjahr konzentriert, ist das eine sehr gute Lösungsmöglichkeit.

Das Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, dass Unternehmen ihre eigenen Standorte und Immobilien digital und topmodern ausrüsten. Welches Learning gibt es noch?

Richtig! Und das Beispiel zeigt, dass der Blick über den Tellerrand hinausgehen sollte. Denn auch die zahlreichen Akteure entlang der Wertschöpfungsketten sollten, ja müssen sich sogar für reibungslose Abläufe miteinander verknüpfen und Daten und Abläufe harmonisieren, damit für einen möglichst effizienten Warenfluss gesorgt ist. Hier spielen auch die un- und mittelbaren Nachbarn der Logistik eine wichtige Rolle, um die logistische Versorgung der Wirtschaft und Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Das zeigt sich vor allem bei der Logistik der sogenannten letzten Meile, also der Lieferung an Endempfänger in den Innenstädten. Hier ist kein Platz für große Fahrzeuge, da die Infrastruktur von Privat-Pkw, Fahrrädern, Fußgängern, ÖPNV und so weiter genutzt wird. Logistikprozesse müssen künftig – denken sie nur an das hohe Volumen im E-Commerce – in der Feinverteilung in ökonomischer, ökologischer als auch sozialer Hinsicht nachhaltig gestaltet werden. Hier kommt die Idee der Routenzüge ins Spiel: In dicht besiedelten Gebieten fährt ein Fahrzeug ähnlich einem Routenzug an einen zentralen Ort. Von dort aus werden die Pakete abgeholt oder zur Haustür gebracht. Der Clou bestünde darin, mindestens einen der beiden Schritte zu automatisieren: Entweder den Routenzug – oder die Auslieferung.

Digitalisierung und Vernetzung in der Logistik leisten auch einen großen Beitrag zu mehr Datensicherheit?

Das Thema ist in diesem Wirtschaftsbereich einer der wichtigsten Treiber von Innovationen. Denn gerade in Zeiten immer größerer Sendungsmengen, kürzerer Produktlebenszyklen und unvorhergesehener Krisen ist die Logistik aufgefordert, immer bessere Vorhersagen zu treffen. Zu Lieferzeiträumen, zu möglichen Verzögerungen, zu alternativen Routen oder Verkehrsträgern.

Um solche Analysen schnell, zuverlässig und transparent treffen zu können, bedarf es eines hohen Digitalisierungsgrades, einer Menge Daten in der richtigen Qualität und leistungsfähiger Algorithmen. So kann es über die Zeit möglich werden, mithilfe von vergangenen Verkehrs-, Wetter- und Sendungsdaten Vorhersagen zu möglichen Engpässen zu treffen und rechtzeitig Alternativen abzuwägen. In diesem Bereich steckt noch viel Potenzial. Das Forschungsgebiet Data Analytics im Supply Chain Management erfährt eine wachsende Aufmerksamkeit. In den letzten Jahren erfassen die Unternehmen in diesen Lieferketten immer durchgängiger die relevanten Prozessdaten, und

der verfügbaren Rechenleistung sind kaum noch Grenzen gesetzt. Eine Vision wird also langsam Wirklichkeit: Immer mehr Entscheidungen entlang der Lieferkette können (teil-) automatisiert auf Basis von Daten solide getroffen werden. Denken sie nur alleine an das Zusammenspiel von „Wetter“ und „Pflanzenkauf“.

Wo bleibt bei all diesen automatisierten, datengetriebenen und optimierten Prozessen der Mensch?

Digitalisierung ist nur ein Mittel zum Zweck! Ich glaube an People-Business und das wir gerade in Zeiten von fehlenden Ressourcen in persönliche Beziehungen investieren müssen. Besonders mit der Logistik. Der Mensch muss stets im Mittelpunkt stehen, einerseits als Empfänger der Versorgungsleistung der Logistik, andererseits als Fach- und Führungskraft in Logistikunternehmen, in den Logistikabteilungen von Industrie und Handel oder in den spezialisierten Hardware-, Beratungs- und Dienstleistungsunternehmen – von IT-, über Intralogistik- und Telematik-Anbietern, bis hin zu Supply Chain-Beratern.