Grüne Branche

Arbeitnehmer-Freizügigkeit: Saison-AK bald teurer?

Die Agrargewerkschaft Bauen– Agrar–Umwelt (IG BAU) hat die Tarifverträge für Saisonarbeitskräfte gekündigt, dies geht aus einer aktuellen Pressemitteilung hervor. IG BAU-Bundesvorsitzender Klaus Wiesehügel begründet die Entscheidung mit der seit 1. Mai dieses Jahres gültigen allgemeinen Arbeitnehmerfreizügigkeit für Arbeitnehmer aus den sogenannten EU-8-Ländern, womit die Notwendigkeit, die Mindestbedingungen für osteuropäische Arbeiter zu regeln, entfalle. 

„Arbeitnehmer aus den neuen EU-Ländern, die zum Arbeiten in hiesige Agrarbetriebe kommen, haben nun die gleichen Rechte, wie jeder andere Arbeitnehmer hierzulande“, so Wiesehügel. „Das heißt, für sie gelten die normalen Tarifverträge des Agrarsektors. Wir haben in dem Bereich damit unsere Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort umgesetzt“, betonte er.

Vor Inkrafttreten der Freizügigkeit unterlag der Einsatz von Saisonkräften aus Osteuropa im hiesigen Agrarsektor einer Kontingentierung, die jährlich rund 330.000, zumeist als Erntehelfer beschäftigte Arbeitnehmer umfasste. Für die über die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit (ZAV) vermittelten Arbeitskräfte waren gesonderte Tarifverträge notwendig, die unter anderem Lohn, Unterbringung und Verpflegung regelten.

Mit dem Aufheben der zahlenmäßigen Beschränkung kommen nach Ansicht der IG BAU nun höhere Lohnkosten auf die landwirtschaftlichen Unternehmen zu, denn der Lohn der normalen Tarifverträge ist nach den Worten Wiesehügels um bis zu zehn Prozent höher als der in den Tarifverträgen für die Saisonarbeitskräfte.

„Dies ist der Preis, den die Arbeitgeber nun für die von ihnen geforderte Freizügigkeit zu zahlen haben“, so der IG Bau-Bundesvorsitzende. Der Gesamtverband der Deutschen Land- und Forstwirtschaftlichen Arbeitgeberverbände (GLFA) sieht die Kündigung des Tarifvertrages mit einiger Verwunderung.

Wie Hauptgeschäftsführer Burkhard Möller gegenüber der TASPO erklärte, ist die Kündigung der auslaufenden Tarifverträge für Saisonarbeitskräfte zunächst ein „ganz normaler Vorgang“. Mit dem generellen Wegfall einer Tarifvereinbarung ab 2012 würde aber immerhin eine Orientierungsgröße zur Lohngestaltung verloren gehen, denn die meisten Landarbeitertarifverträge gelten nicht für zeitweise beschäftigte Arbeitskräfte und das seien die vormaligen Saisonkräfte ja.

Darüber hinaus gelten Tarifverträge nur dann, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer den Tarifvertragsparteien angehören. „Ich glaube nicht, dass viele polnische Arbeitnehmer der IG BAU angehören“, so Möller. Wie es im kommenden Jahr weitergehe, entscheide sich im Wesentlichen an der Frage, ob die Bundesregierung die EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit auch für Bürger aus Rumänien und Bulgarien zum 1. Januar 2012 umsetze oder ob ihre zahlenmäßige Einsatzbeschränkung für die nächsten zwei Jahre aufrecht erhalten werde.

„Sollte die Freizügigkeit nicht kommen, wird sich die Entlohnung der rumänischen und bulgarischen Saisonkräfte nach der Feststellung des sogenannten ortsüblichen Lohnes richten“, so Möller. Und der ortsübliche Lohn wiederum werde sich an dem im Vorjahr (also 2011) gültigen Tariflohn orientieren.

Nach seiner Ansicht zeigt die hohe Zahl der jährlich wiederkehrenden Saisonkräfte, dass Lohn- und Arbeitsbedingungen in Deutschland von Arbeitnehmerseite akzeptiert werden.

(Kathrin Scheumann)