Artenreiche Biotope: „Lebensräume über Gartengrenzen hinweg“

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Die Beobachtung von Lebensgemeinschaften am Naturstandort und die anschließende gärtnerische Interpretation gehören zu den großen Leidenschaften von Sven Nürnberger. Der Gärtnermeister, der seit 2009 im Palmengarten Frankfurt in leitender Position arbeitet, spricht im Interview mit dem Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (BGL) unter anderem über Pflanzenvielfalt, Klimawandel und die Debatte um gebietsheimische Pflanzen.

Herr Nürnberger, aus verschiedenen Büchern und Vorträgen kennt man Sie als Botschafter für ein tieferes Verständnis von Lebensräumen und naturnahen Pflanzkombinationen. Sind denn nicht Privatgärten meist viel zu klein, um dort tatsächlich vielfältige Ökosysteme zu schaffen?

In großen Gartenarealen eröffnen sich natürlich weiträumigere Möglichkeiten und es kann prinzipiell mehr Lebensraum für Lebensgemeinschaften entstehen. Doch wenn man schaut, wie sich in kleinsten Nischen Natur etablieren und sogar vernetzen lässt, bieten sich auch in kleineren Gärten vielfältige Möglichkeiten. In Zeiten, in denen Insektenhotels, Dachgärten, insektenfreundliche Wiesen und naturnahe Pflanzkombinationen zunehmend en vogue sind, kann es spannend sein, auch kleinräumige Biotope oder naturnahe Pflanzkombinationen artenreich anzulegen. Wenn künftig die Dichte der „lebendigen“ Gärten in Wohngebieten zunimmt, entstehen dadurch auch effektive Lebensräume über die Gartengrenze hinweg.

Wir sollten unseren Blick schärfen, welche Möglichkeiten sich in welchem Gartentyp eröffnen. Die Beobachtung von natürlichen Habitaten hilft dabei, unser Verständnis für bestehende Lebensgemeinschaften zu erweitern. Es sind sowohl ökologische als auch ästhetische Aspekte, die uns inspirieren. Wir entdecken Analogien von Lebensbereichen, zum Beispiel exponierter Felsstandort – Trockenmauer/Natursteintreppenabgang, Frühlingsgeophyten im Laubwald – halbschattige reife Gartenpartien, Fieberkleebestände im Ufersaum – die sich auch im Gartenteich etablieren lassen. Ausschnitte von Lebensbereichen, die uns ansprechen, lassen sich häufig auch en miniature verwirklichen und vernetzen. In der Natur wechseln sich Standortverhältnisse oft auch kleinräumig vernetzt ab.

Wie sieht das im öffentlichen Grün aus, insbesondere auch mit Blick auf die Veränderungen infolge des Klimawandels?

Die Kommunen stehen vor großen Aufgaben, um klimaangepasste Pflanzen und Pflanzungen kurzfristig anzupassen und dabei den Spagat mit dem Flächennutzungsdruck insbesondere in den Städten zu bewältigen. Naturnahe Ideen und die Verwendung von attraktiven und stresstoleranten Staudenpflanzungen werden zunehmend in das Stadtbild integriert, was sich an Blütenwiesenprojekten und begrünten Verkehrsinseln zeigt. Es wäre wünschenswert, wenn das Tempo beim Ausbau von klimaverbessender Vegetation insgesamt forciert würde. Wir brauchen so viel effektive Vegetation wie nur möglich, dabei sollten geschlossene Vegetationsdecken, die Schonung von Böden, die Pflanzung von schattenspendender Vegetation und der Bau von Wasserrückhaltungssystemen im Fokus stehen.

Es geht noch viel zu viel Wasser an die Kanalisation verloren, welches dringend für eine klimaschaffende kühlende Vegetation im öffentlichen Grün benötigt wird. An das künftige Klima angepasste Pflanzen spielen dabei eine herausragende Rolle, besonders Pflanzen, die größere Trockenperioden überdauern können, doch brauchen wir auch Pflanzen, die zur Kühlung und bestenfalls Wolkenbildung beitragen. Wir haben heute viele Möglichkeiten mit Bewässerungssystemen den Wasserverbrauch zu minimieren. Wenn wir es schaffen, eine Balance zwischen hitze- und trockenstresstoleranten Pflanzungen, klimaschaffender Vegetation herzustellen, die dabei ökologisch wertvoll ist und attraktiv für die Betrachter erscheint, wären wir einen großen Schritt weiter. Wir haben heute viele Möglichkeiten nachhaltige Grünprojekte zu schaffen (unter anderem vertikale Gärten, Hinterhöfe, Firmengebäude out- und indoor). Es wird Zeit, dass wir unsere Grünflächen effektiver, naturnäher und attraktiver umwandeln. Ein Vegetationsgürtel, der sich vom öffentlichen Grün der City über die Privatgärten und Parks bis in den ländlichen Raum fortsetzt, wäre von großem Nutzen.

Wie sehen Sie die Debatte um heimische – oder sogar gebietsheimische – Pflanzen in Zeiten des Klimawandels?

Das Problem sehe ich eher nicht in Privatgärten, sondern vor allem im ländlichen Raum, in den Agrarwüsten und den angrenzenden Landschaften. Viele heimische Arten haben heute kaum die Möglichkeit, Gebiete neu oder wieder zu besiedeln. Die Entfernungen zwischen kleinen Populationen sind oft zu groß, viele Arten sind kleinräumig isoliert und stark gefährdet. Gebietsnahe Saatgutherkünfte sind daher ein guter Weg für den Aufbau von verlorengegangenen Ressourcen. In den Ballungsräumen und allgemein in den Gärten lässt sich schon lange wahrnehmen, dass sich die viel höhere Diversität auch durch gebietsfremde und fremdländische Pflanzenarten und insektenfreundliche Kultursorten erreichen lässt. Unsere Gartenkultur insgesamt und dementsprechend das öffentliche Grün würden sehr an Attraktivität, Vielfalt und neuen Möglichkeiten hinsichtlich des Klimawandels einbüßen, wenn wir nur auf heimische Pflanzen setzen würden. Mit vernetzten Lebensgemeinschaften meine ich daher nicht nur pflanzensoziologisch korrekte Pflanzungen, sondern die Ausschöpfung der Möglichkeiten, um Lebensbereiche vielfältig und ökologisch wertvoll zu gestalten, auch mit sogenannten Exoten.

Es wird wichtig sein zu vergleichen, welche Regionen den künftigen klimatischen Veränderungen Mitteleuropas entsprechen. Die Vegetationselemente aus Steppengebieten, mediterranen und subtropischen Regionen spielen daher eine wichtige Rolle in den Ballungsräumen des Flachlandes. Wir sollten dabei aber nicht übersehen, dass es auch weiterhin kühlere und feuchtere Regionen, zum Beispiel Mittelgebirge, Alpenvorland geben wird. Die Anforderungen an Stresstoleranz kann sich bei den Gartenpflanzen nicht nur auf Trocken- und Hitzebeständigkeit beziehen, denn es können auch nasse und/oder kalte Jahresverläufe mit Dürrejahren wechseln. Pflanzengruppen, die auf wechselfeuchten Standorten siedeln, könnten künftig besonders wertvoll werden. Bei allen Veränderungen wird es auch notwendig sein, zu beobachten, welche Pflanzenarten sich zu invasiven Gartenflüchtlingen entwickeln. Der Erhalt und die Schaffung größerer natürlicher Wälder und Wiesen sowie Landschaftsschutzgebiete wird eine wichtige Aufgabe werden und da können die gebietsheimischen Arten von großer Bedeutung sein.

Zurück zum Privatgarten: Was würden Sie einer Landschaftsgärtnerin, einem Landschaftsgärtner empfehlen, wenn der Auftrag lautet, eine tote Schotterwüste in einen lebendigen Steingarten zu verwandeln?

Zunächst ist der Schotter ein hervorragendes Material, um ein wertvolles Habitat herzustellen. Ob insektenreiche Trockenrasen, Küstenstandorte oder die Nachempfindung von Gebirgsböden (Steingarten) – der Schotter kann für Themen dieser Art sehr dienlich sein. Sofern der Untergrund nicht mit invasiven Wurzelunkräutern (zum Beispiel Fallopia) belastet ist, sollte man das Geotextil entfernen. Je nach Thema kann dann ein neuer Horizont mit schottriger Substratschicht, oder Schotter als Drainageschicht im Untergrund hergestellt werden. Mit einer Sand- und Kiesaufschüttung oder einer durchlässigen Substratmischung mit dem anstehenden Oberboden kann ein gutes Milieu für kontrastreiche Küstenbewohner oder Pflanzen der Macchia/Garrigue geschaffen werden.

Auch kleine Steingartenthemen lassen sich auf Vorgartenflächen etablieren. In meinem elterlichen Garten unterhielt ich im Vorgartenbereich in der Vergangenheit einen artenreichen Steingarten mit Trockenmauerwall und zwei Mooranlagen auf acht mal zehn Metern. Anhand von Modellierungen lassen sich auf kleinen Flächen viele Nischen für unterschiedliche Ansprüche schaffen, zum Beispiel kleine Dünen, Mulden und im Falle eines Gesteinsaufbaus sonnige und absonnige Bereiche.

Funktionierende Pflanzkombinationen sind natürlich für den GaLaBau ein wesentliches Thema. Was empfehlen Sie jungen LandschaftsgärtnerInnen, um sich hier weiterzubilden?

Es ist wichtig, die Biologie der Pflanzen, die ich verwende, auch gut zu kennen. Die Recherche anhand guter Gartenliteratur und dem Internet führt schnell zum Ziel. Ebenso wichtig sind der Besuch von Fachseminaren und der Austausch mit KollegInnen. Es ist wichtig und interessant zu wissen, wo unsere Gartenpflanzen herkommen. Die Standortbeobachtung ist dabei eine nicht zu unterschätzende Hilfe, bekommt man doch ein Gefühl für die klimatischen Verhältnisse, die geologischen Faktoren und den Aufbau von Vegetationsbildern. Solche Naturerlebnisse prägen sich ein. Dann werden sie bei künftigen Arbeiten wieder in die Erinnerung geholt und rufen nach Umsetzung.

Es muss sich dabei nicht immer um das große Ganze handeln; gerade auch kleine Aspekte, wie ein moosbewachsener Baumstumpf im Morgenlicht oder der Fruchtschmuck eines herbstlichen Sorbus, können inspirieren. Der prüfende Blick auf die Gegebenheiten eines Gartens, also die Lebensbereiche der Pflanzen, die Bodenverhältnisse, Feuchtegrade etc. und insbesondere das Ausloten, welche Lebensbereiche lassen sich bei Neuanlagen schaffen – das sollte prinzipiell am Anfang einer Planung stehen, damit nachfolgend die Ideen aus der Natur einfließen können. Junge LandschaftsgärtnerInnen sollten sich stets vor Augen halten, dass sie aus baulichem Know-how und den Kenntnissen der Pflanzenverwendung etwas Ganzes entstehen lassen können. Die ganzheitliche Gartengestaltung bedienen zu können, kann sehr erfüllend sein und fördert den kreativen Umgang mit Materialien und Pflanzen.

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