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ASCE in Wien: Jahrestagung bedeutender europäischer Friedhöfe

Vom 22. bis 24. September fand die zehnte Jahrestagung der ASCE (Association of Significant Cemeteries in Europe) in Wien statt. Gastgeber waren die Friedhöfe Wien. Auf dem Programm standen Vorträge und Exkursionen, die Feier des zehnten Geburtstags mit Sachertorte, die Wahl eines neuen Präsidenten und der intensive Erfahrungsaustausch unter den knapp 100 Teilnehmer aus ganz Europa.

10. ASCE-Jahresversammlung im MuseumsQuartier Wien. Foto: Friedhöfe Wien/Prammer

Vom 22. bis 24. September fand die zehnte Jahrestagung der ASCE (Association of Significant Cemeteries in Europe) in Wien statt. Gastgeber waren die Friedhöfe Wien. Auf dem Programm standen Vorträge und Exkursionen, die Feier des zehnten Geburtstags mit Sachertorte, die Wahl eines neuen Präsidenten und der intensive Erfahrungsaustausch unter den knapp 100 Teilnehmer aus ganz Europa. Zur zehnten Jahrestagung der bedeutenden europäischen Friedhöfe im MuseumsQuartier Wien konnten die Friedhöfe Wien-Geschäftsführer DI Erhard Rauch und Dr. Markus Pinter rund 100 ASCE-Vertreter begrüßen. Der 2001 in Bologna gegründeten und mittlerweile größten europäischen Friedhofsvereinigung gehören 63 Friedhöfe in 20 Ländern von Spanien bis Bosnien-Herzegovina und von Estland bis Italien an. Mitglieder können öffentliche und private Einrichtungen sein, die das materielle wie auch immaterielle Kulturgut historischer und/oder künstlerisch bedeutender europäischer Friedhöfe schützen oder diese betreiben.
Wichtiger Tagungspunkt war die Wahl eines neuen Präsidenten: Lidija Pliberšek, Direktorin von Friedhöfe und Krematorium Maribor (Slowenien), folgt in dieser Funktion María Luisa Yzaguirre (Friedhöfe Barcelona) nach. Pliberšeks Ziele: weitere ASCE-Mitglieder, ein verstärkter Dialog mit Kunden, Angehörigen und Einwohnern sowie ein höherer Bekanntheitsgrad der ASCE-Projekte. Damit setzt sie die Linie von Yzaguirre fort, die nicht nur die „Europäische Friedhofsroute“ (siehe Kasten) ins Leben gerufen hat, sondern auch beim Anzapfen von Brüsseler Fördertöpfen sehr erfolgreich war. Dem neu gewählten neunköpfigen Lenkungsausschuss gehören unter anderem Friedhöfe Wien-Geschäftsführer Pinter und Martin Ernerth von der Stiftung historische Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin-Brandenburg an.

Herausforderungen durch gesellschaftliche Trends

„Flexibles und schnelles Handeln ist ein Gebot der Stunde“, betonte Dr. Christian Fertinger, Bestattung und Friedhöfe Wien-Geschäftsführer, in seiner Eröffnungsrede. Die Ausgliederung von Bestattung und Friedhöfen aus der Stadtverwaltung und Eingliederung als Konzernbereich in die zu 100 Prozent im Eigentum der Stadt Wien stehende Wiener Stadtwerke Holding AG „habe Freiräume geschaffen“.
Ein Dutzend Vorträge standen unter dem Motto „Bedeutende Friedhöfe und neue gesellschaftliche Trends. Kremationen, neue Gräbergruppen, Multikulturalität & mehr“. Die Bestattungskultur habe sich im letzten Jahrzehnt stark verändert, analysierte Lutz Mertens, Verwalter des Alten Zwölf-Apostel-Kirchhofs in Berlin: „Feuerbestattungen ersetzen Erdbestattungen, Gemeinschaftsgräber verlorene Familienstrukturen.“ Naturbestattungen brauchten nicht einmal mehr herkömmliche Friedhöfe. Die Privatisierung des Bestattungs- und Friedhofsmarktes habe die Entwicklung individueller Bestattungsformen verstärkt. Die steigenden Einäscherungen begreift Mertens aber auch als Chance: Weil sie Basis seien für Gemeinschaftsgräber, Baumbestattungen und die „Nachnutzung“ historischer Grabstätten, etwa als Grabmal für Freunde historischer Architektur.
Welche Entscheidungen noch hinter Kremationen stehen können, erklärte Amanda Thursfield, Direktorin des Nicht-katholischen Friedhofs für Fremde in Rom, wo viele Künstler, beispielsweise Gottfried Semper, ruhen. „Sie sind für mobile Familien ein gutes Angebot. Urnen können eine Zeit lang auf einem Friedhof bestattet und bei Standortwechsel überführt werden.“ Von Lutz Mertens genannte Entwicklungen wie Grabstätten für Paare, Gräbergruppen für Frauen, Kinder, HIV-Opfer, Wiesen für anonyme Beisetzungen und Baumbestattungen gibt es auch in Frankreich, wie Muriel Perrin-Ghys von den Freunden des Französischen Bestattungsmuseums in Paris demonstrierte.
Barbara Leisner vom Hamburger Friedhof Ohlsdorf nannte für den größten Parkfriedhof der Welt diese und weitere „Neuerscheinungen“ wie Ruhewald und Schmetterlingsgräber: Alle Grabsteine ziert dieses Motiv, bestimmte Sträucher und Blumen ziehen Schmetterlinge an.

Friedhöfe – Orte eines engagiert geführten Dialogs

Anne-Flor Vanmeenen vom belgischen „Haus für den Menschen“ stellte auch bei Kindergräbern einen Wandel fest: Die Gräber dienten als „Kommunikationsplattform“, würden verspielter, Inschriften familiärer. Teddybären, Regenbögen und – wiederum – Schmetterlinge ersetzten Engel und Tauben – Fotos zeigten die verstorbenen Kleinen in Alltagssituationen.
Mercè Corbera vom spanischen Friedhof Terrassa: „Wir haben sogar einen Kinderspielplatz, damit die Kunden mit der ganzen Familie kommen.“ Es gibt ein Restaurant und reichlich Parkplätze. Liebenswürdig solle der Friedhof wirken, zum Spazierengehen anregen, die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Stadt fördern. Und: „Die Menschen sollen merken, dass wir uns um den Friedhof kümmern.“ Also engagiert sind – so wie Jutta Erb-Rogg, Managerin des evangelischen Friedhofs Bornstedt in Potsdam.
Sie hat es geschafft, den Friedhof zu retten, der vor dem Verfall stand – obwohl er Teil des Weltkulturerbes Schloss Sanssouci ist. Mit Geld aus dem staatlichen Konjunkturprogramm, Patenschaften zur Sanierung historischer Grabstätten, in denen die Sponsoren ihre letzte Ruhe finden können, und einer Öffnung des Friedhofs durch intensive Kommunikation.
Der viktorianische Ford Park Cemetery im britischen Plymouth verdankt seine Wiedergeburt ehrenamtlichen Stiftungsmitgliedern. Der Vorsitzende Henry A. Will listete die Rettungsmaßnahmen auf: „Umsatz mit Hilfe von Begräbnissen, Landschaftspflege, die Restaurierung der Architekturdenkmäler unter anderem mit Geld aus dem eigenen Kulturerbe-Lotterie-Fonds, Naturschutz zur Bewahrung der reichen Fauna, der Umbau der Kapelle in ein Besucherzentrum, das auch für den Leichenschmaus zu mieten ist, und Zusammenarbeit mit Schulen und der Universität.“

Konservierung und Kontraste – das neue Antlitz der Gräber

Auch der Glasnevin Cemetery in Dublin verdankt sein Überleben einer – allerdings mit Geldmitteln ausgestatteten – Stiftung. „Die Vergangenheit für zukünftige Generationen erhalten“ ist die Vision der Geschäftsführer George McCullough und Mervyn Colville. Mit Attraktionen wie dem Museum, das an Le Corbusiers Kapelle in Ronchamp erinnert, Top-Sehenswürdigkeit werden soll und – man denke an die vielen irischen Auswanderer – ein Zentrum der Ahnenforschung ist.
Die Stiftung setzt für die Zukunft stark auf Technik: Alle Gräber sollen mit Hilfe von GPS wie auch iPhone-Applikationen zu finden sein; Codes entlang des „Touristenpfades“ auf weitere Informationen im Internet verweisen; und Google StreetView einen genauen Überblick über den Friedhof ermöglichen. Daneben plant die Stiftung die Restaurierung des Friedhofs.
„Architektur formt Gesellschaft“: Die Behauptung von Luigi Bartolomei von der Universität Bologna war gewagt, die gezeigten Bilder überraschend. Das historische Fabrikgebäude stellte sich als Krematorium heraus, das geschmacklose Wohnzimmer als Verabschiedungsraum eines italienischen Funeral Home. Entspiritualisierte, profitorientierte Bauten, die eine säkularisierte Gesellschaft hervorbrächten, so der Architekt. Und der mit meditativen Entwürfen begegnet werden könne.
Überraschend waren auch die Urnengräber, die Tiina Tuulik von der Estnischen Kunstakademie in Tallin zeigte: von Künstlerinnen entworfene, von bronzezeitlichen Hügelgräbern inspirierte Steinkreise, in die Urnengräber eingebettet werden. Und die nach wenigen Jahren, moosbewachsen, fast wieder mit der Natur vereint sind. Oder mäandrierende Urnenmauern zwischen den Bäumen der lichten baltischen Wälder, wo Friedhöfe meist liegen.
Innovationen auch anderswo im Norden Europas: Margaret Eckbo von der Osloer Stadtverwaltung stellte ein patentiertes Verfahren vor, das plastikverpackte Leichen – ab den 1950er Jahren vielerorts eine Gepflogenheit – leichter verwesen lässt. Gefrorener Friedhofsboden wird mit elektronischen Geräten aufgewärmt. Wenn es unbedingt sein muss, denn: „Wir versuchen, im Winter möglichst wenige Begräbnisse zu haben.“
Architekt Manfred Wehdorn präsentierte die Renovierungsprojekte der letzten Jahrzehnte auf dem Wiener Zentralfriedhof. Dieser ist der zweitgrößte Friedhof Europas und einer von insgesamt 46, die die Friedhöfe Wien GmbH verwaltet. Die Karl-Borromäus-Kirche, ein Jugendstil-Juwel, war ebenso saniert worden wie Eingangsensemble, Kolumbarien und Gruftanlagen. Restaurierungs-Glanzstücke waren das Kuppelmosaik der Kirche aus 21.000 Einzelteilen mit eingeschmolzenem Blattgold, die Bodenfliesen aus 62.000 Einzelstücken, in historischen Verfahren nachproduziert, und die farbenprächtige Schablonenmalerei an den Wänden des Gotteshauses.
Das Rahmenprogramm der ASCE-Tagung zeigte all diese Schätze und führte auch zu den Musiker-Ehrengräbern des Zentralfriedhofs. Die Friedhöfe Wien-Geschäftsführer waren mit der ASCE-Tagung sehr zufrieden: „Wir haben viel Lob für die Organisation bekommen. Aber auch für das, was wir in Wien zum Thema Friedhöfe leisten.“ 2012 findet die ASCE-Jahresversammlung in Maribor statt.
Helga Bock, <br/> Bestattung und Friedhöfe Wien GmbH<br/> Foto: Friedhöfe Wien/Prammer<br/> Fotos: Friedhöfe Wien/Prammer<br/> Foto: Glasnevin Trust<br/> Foto: Enrico Marchi<br/> Foto: Friedhöfe Wien/Prammer<br/> Foto: Tallinna Kalmistud<br/> <br/>