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Bestattungskultur: Friedhof gewinnt Zuspruch

"In der modernen Gesellschaft wird der Tod nicht mehr vorrangig von Jenseits-Vorstellungen bestimmt. Darin liegt eine der Ursachen für aktuelle Trends im Bestattungswesen", erklärt Professor Dr. Gerhard Richter (Freising) bei einem Friedhofs-Seminar des Bayerischen Gemeindetages am 15. November in Ismaning. Erdbegräbnisse in Reihen- und Wahlgrabstätten seien weniger als früher gefragt, Urnenbestattungen sowie namenlose Beisetzungen häufiger als noch vor wenigen Jahren.

Trotz der starken Orientierung auf die Diesseitigkeit bleiben die Friedhöfe nach Meinung Richters weiterhin sehr wichtig als Orte der Trauer und der Trauerverarbeitung sowie als "Forum für gemeinsames Feiern, Erinnern und Gedenken". Während die individuelle Grabstätte für immer mehr Menschen unwichtig sein wird, gewinne der Friedhof als Ort des Abschieds, Trauerns, Erinnerns, Kommunizierens, Begegnens und Feierns an Bedeutung. Nach Angabe des Freisinger Landschaftsarchitekten und Friedhofsexperten werden gruppenspezifische Begräbnisse und Beisetzungsformen zunehmen. Als kultureller Raum der Stadt und Gemeinde müsse der Friedhof künftig weitergehenden ästhetischen und symbolischen Ansprüchen entprechen. Große symbolische Kraft sei beispielsweise dem Tor zum Friedhof - also der Eingangssituation - beizumessen. Die Abschiedsräume, die Aussegnungshalle und die Bepflanzung hätten für die Hinterbliebenen besonders starke trauerbegleitende und kraftspendende Bedeutung. Generell müssten sich die Friedhofsträger künftig stärker bemühen, den Friedhof bürgernah zu gestalten. Auch gelte es, mehr Beteiligung der Bürger, beispielsweise über einen Kulturbeirat, zu schaffen. Richter rechnet damit, dass es neben den kommunalen und kirchlichen Friedhöfen zunehmend Friedhöfe in privater oder genossenschaftlicher Trägerschaft gibt. Die hoheitliche Aufgabe der Kommunen, Bestattungsraum vorzuhalten, bleibe aber trotz der Privatisierungstendenzen erhalten. Ebenso werde sich der Trend, Teilaufträge an private Betriebe zu vergeben, fortsetzen. Als Beispiele hierfür nannte er unter anderem Grabaushub, Sicherungsarbeiten und Pflegearbeiten (einschließlich Rasenschnitt, Heckenschnitt, Wegearbeiten, Winterdienst). Zu den besonderen Bedürfnissen der Friedhofsbesucher zählen:

- Mehr Sitzgelegenheiten,

- Fahrzeuge für Gehbehinderte,

- mehr Informationen, wie zum Beispiel Hinweisschilder,

- spezielle Treffpunkte für Alte und Behinderte.

Der gelegentlich in Fachkreisen vorgetragenen Behauptung, es gebe einen Verfall der Friedhofskultur, widersprach Richter bei seinem Ismaninger Vortrag. Der Kulturraum Friedhof genieße derzeit große Aufmerksamkeit in den Medien und die Thematik "Tod, Bestattung, Trauer" werde nicht mehr tabuisiert. Die Menschen als mündige Bürger würden immer öfter ganz individuell über Art und Form der letzten Ruhestätte entscheiden.