Betriebswirtschaft: CO2-Abgaben und Carbon Leakage

Veröffentlichungsdatum: , Deutsche Baumschule

Die CO2-Abgabe ist bereits im Diesel- oder Gaspreis enthalten – und schlägt „unter Glas“ mehr zu Buche. Foto: Green Solutions

Welche Auswirkungen hat die CO2-Bepreisung auf deutsche Baumschulen? Sind Kompensationszahlungen zu erwarten? In der Deutschen Baumschule 3/2022 finden Sie einen ausführlichen Artikel zum Thema CO2-Abgaben und Carbon Leakage von Finn Awisus. Ergänzend dazu hier Details zur Berechnung des Carbon-Leakage-Indikators von Robert Luer (beide Zentrum für Betriebswirtschaft im Gartenbau).

Könnten Teile der deutschen Produktion ins Ausland abwandern?

Durch die Einführung einer Besteuerung von CO2-Emissionen durch die deutsche Bundesregierung im Jahr 2021 besteht die Gefahr, dass Teile der deutschen Produktion ins Ausland abwandern und dort weiterhin CO2 emittieren. Um diesem Carbon Leakage entgegen zu wirken, beschloss der Bundestag die BEHG-Carbon-Leakage-Verordnung (BECV), auf dessen Basis besonders gefährdete Sektoren Kompensationen für die zu leistenden Abgaben erhalten können. Besonders gefährdete Branchen werden mit Hilfe des Carbon-Leakage-Indikators (CLI) identifiziert.

Überschreitet der CLI eines Sektors den Wert 0,2 (beziehungsweise 0,15), kann er in die Liste beihilfebefähigter Sektoren aufgenommen werden. Für die deutsche Baumschulwirtschaft kann im Mittel der Jahre 2018 bis 2020 ein CLI von 0,03 ermittelt werden. Eine Anerkennung als beihilfebefähigter Sektor scheint vor diesem Hintergrund als sehr unwahrscheinlich. Die Emissionen beziehungsweise der Außenhandel müssten in der vorliegenden Berechnung um mehr als das Sechsfache unterschätzt werden, um einen CLI von 0,2 zu erhalten.

Ermittlung des Carbon-Leakage-Risikos eines Sektors

Nach Abschnitt 6 BECV können nachträglich Sektoren als beihilfefähig anerkannt werden. Dazu wird das Carbon-Leakage-Risiko eines Sektors mit Hilfe des nationalen Carbon-Leakage-Indikators (CLI) ermittelt (vgl. § 21 Absatz 1 BECV). Die Berechnung des CLI wird wie folgt vorgenommen:

Für die Anerkennung als beihilfefähiger Sektor muss eine Berechnung des CLI mit Hilfe der aktuellsten drei Jahre erfolgen. Datenlücken müssen konservativ geschätzt werden. In der vorliegenden Berechnung werden Daten aus den Jahren 2018 bis 2020 verwendet. Wenn für das Jahr 2020 noch keine Daten vorliegen, wird der Mittelwert der Jahre 2018 und 2019 verwendet.

Abschätzung der Emissionsintensität

Für die Höhe der CO2-Emissionen der Baumschulwirtschaft liegen keine belastbaren Daten vor. Alternativ wird eine grobe Abschätzung der Emissionen über den durchschnittlichen Treibstoffverbrauch je bewirtschafteter Fläche sowie über den durchschnittlichen Heizmaterialaufwand vorgenommen. Dazu wird auf Zahlen des Zentrums für Betriebswirtschaft im Gartenbau (ZBG) sowie auf die Baumschulerhebung 2021 des Statistischen Bundesamtes zurückgegriffen.

Aus dem Kennzahlenvergleich des ZBG können drei unterschiedliche, für die vorliegende Berechnung relevante Energieaufwendungen identifiziert werden. Für diese werden unterschiedliche Berechnungsfaktoren für die notwendige Hochrechnung verwendet:

• Heizmaterial für die Produktion: umgelegt über die Gewächshausfläche, es wird unterstellt, dass ausschließlich mit Erdgas zu einem Preis von 0,04 Euro je kWh geheizt wird (laut Brennstoffpreisvergleich des Landwirtschaftsamts Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald lag der Preis für Erdgas in den Jahren 2018 und 2019 nie unter vier Cent je kWh netto). Durch den niedrigen Preis werden die Emissionen tendenziell überschätzt.

• Heizmaterial sonst.: umgelegt über den Betriebsertrag, es wird unterstellt, dass ausschließlich mit Erdgas zu einem Preis von 0,04 Euro je kWh geheizt wird. Durch den niedrigen Preis werden die Emissionen überschätzt.

• Aufwand Treib- und Schmierstoffe: umgelegt über die Freilandfläche. Es wird unterstellt, dass der Aufwand ausschließlich für Dieselkraftstoff zur Bewirtschaftung der Freilandflächen verwendet wird. Es muss aber davon ausgegangen werden, dass hier auch Treibstoffe für den Transport berücksichtigt sind.

Im Durchschnitt der in den letzten Jahren am Betriebsvergleich des ZBG teilnehmenden Baumschulbetrieben werden 1.588 Quadratmeter Gewächshausfläche für die Produktion verwendet und 1.901 Euro für die Beheizung dieser Flächen eingesetzt (siehe Tabelle 1). Es wird unterstellt, dass die Flächen ausschließlich mit Erdgas zu 0,04 Euro je kWh beheizt werden (dies führt zu einer Überschätzung der Emissionen, siehe oben). Daraus ergibt sich ein Energieeinsatz von knapp 30 kWh je Quadratmeter Gewächshausfläche. Laut Emissionsberichterstattungsverordnung 2022 (EBeV 2022) wird je kWh Erdgas 0,182 Kilogramm CO2 ausgestoßen. Daraus ergibt sich eine mittlere CO2-Emission von 5,45 Kilogramm je Quadratmeter Gewächshausfläche.

Aufwendungen für Heizmaterial, Treib- und Schmierstoffe

Neben dem Heizmaterial-Aufwand für die Produktion werden beim Betriebsvergleich des ZBG auch solche Heizmaterial-Aufwendungen abgefragt, die nicht mit Produktionsaktivitäten in Verbindung stehen. Darunter fällt zum Beispiel die Beheizung von Sozial- oder Büroräumen. Im Schnitt der vergangenen Jahre machte dieser Aufwand 1.723 Euro aus. Auch hier wird unterstellt, dass ausschließlich mit Erdgas zu 0,04 Euro je kWh geheizt wird. Mit Hilfe dieser Annahme kann ein Heizenergie-Einsatz von 42,60 kWh je 1.000 Euro Betriebsertrag (BE) errechnet werden. Umgerechnet in CO2-Emissionen ergibt sich ein Wert von 7,76 Kilogramm je 1.000 Euro BE.

Nach den Veröffentlichungen des ZBG beträgt der mittlere Aufwand für Treib- und Schmierstoffe je Hektar Freilandfläche 569 Euro. Dividiert durch den durchschnittlichen Preis für Dieselkraftstoff in den Jahren 2018 und 2019 in Höhe von 1,28 Euro ergibt sich ein mittlerer Dieseleinsatz von 445 Liter je Hektar bewirtschaftete Fläche. In der Berechnung werden zwar auch andere Flächen wie zum Beispiel solche mit landwirtschaftlicher Bewirtschaftung berücksichtigt, allerdings gehen Baumschulflächen mit über 95 Prozent in die Berechnung ein. Laut EBeV 2022 wird bei der Verbrennung eines Liter Diesels 2,676 Kilogramm CO2 emittiert. Daraus ergibt sich eine mittlere CO2-Emission von 1.190 Kilogramm je Hektar Freilandfläche.

Laut aktueller Baumschulerhebung werden in Deutschland auf rund 317 Hektar unter hohen begehbaren Schutzabdeckungen Baumschulkulturen produziert. Multipliziert mit den durchschnittlichen CO2-Emissionen je Quadratmeter Gewächshausfläche ergibt sich eine CO2-Emission von 17,3 Millionen Kilogramm aufgrund der Beheizung von Gewächshausflächen. Der Produktionswert der Baumschulwirtschaft lag in den Jahren 2018 bis 2020 laut Eurostat im Schnitt bei 996 Millionen Euro. Zusammen mit dem Umrechnungsfaktor für sonstige Heizenergie (7,76 Kilogramm CO2 je 1.000 Euro Betriebsertrag) kann eine CO2-Emission in Höhe von 7,73 Millionen Kilogramm berechnet werden.

Um die durch Treibstoffe emittierte CO2-Menge zu berechnen, wird der abgeschätzte Umrechnungsfaktor (1.190 Kilogramm CO2 je Hektar Freilandfläche) mit der im Freiland bewirtschafteten Baumschulfläche multipliziert. Laut aktueller Baumschulerhebung sind dies 16.843 Hektar. Daraus ergibt sich eine CO2-Emission in Höhe von 20,1 Millionen Kilogramm. In Summe ergibt sich eine abgeschätzt (und tendenziell überschätzte) Gesamt-CO2-Emission in Höhe von 45,1 Millionen Kilogramm.

Berechnung der Bruttowertschöpfung

Die Bruttowertschöpfung wird berechnet, in dem der von Eurostat veröffentlichte Produktionswert mit einem Bruttowertschöpfungsfaktor multipliziert wird. Dieser Faktor wird aus den Daten des Betriebsvergleichs des ZBG berechnet (für das Jahr 2020 liegen noch keine Daten vor, es wird daher der Mittelwert der Jahre 2018 und 2019 verwendet). In den aktuellsten drei Jahren stieg der Produktionswert der deutschen Baumschulwirtschaft deutlich an. Im Mittel betrug er 996 Millionen Euro. Der Bruttowertschöpfungsfaktor betrug laut ZBG im Schnitt 52,9 Prozent Daraus ergibt sich eine mittlere Bruttowertschöpfung über die letzten drei Jahre in Höhe von rund 527 Millionen Euro.

Berechnung der Emissionsintensität

Aus der abgeschätzten CO2-Emission und der berechneten Bruttowertschöpfung kann die CO2-Emissionsintensität nach Formel 1 berechnet werden. Pro erwirtschafteten Euro wird demnach 0,085 Kilogramm CO2 ausgestoßen.

Berechnung der Handelsintensität

• Außenhandel: Um jährliche Schwankungen auszugleichen, wird die durchschnittliche Handelsintensität der Jahre 2018 bis 2020 errechnet. Für die Ermittlung des Außenhandels wird auf die von Eurostat veröffentlichte Statistik „DS-645593“ zurückgegriffen. Die detaillierten Produkte der übergeordneten Gruppen „G_06: lebende Pflanzen und Waren des Blumenhandels“ werden den Teilsektoren „Zierpflanzenbau“ und „Baumschule“ zugeordnet. Bei der Berechnung der Handelsintensität ist sowohl der Handel mit Drittstaaten als auch der innergemeinschaftliche Handel voll zu berücksichtigen. Im Mittel der zurückliegenden Jahre wurde demnach Baumschulware im Wert von 221 Millionen Euro importiert und 207 Millionen Euro exportiert.

• Gesamtmarkt: Der Gesamtmarkt in Deutschland setzt sich, wie in Formel 3 dargestellt, aus dem Umsatz einer Branche und der Summe der Einfuhren zusammen. Für den Umsatz wird der Produktionswert der jeweiligen Jahre verwendet (vgl. Abschnitt Bruttowertschöpfung). Die Datenherkunft der Einfuhren ist bereits im Abschnitt Außenhandel erläutert. Im Zeitraum zwischen 2018 und 2020 hatte der Gesamtmarkt eine durchschnittliche Höhe von 1.218 Millionen Euro.

• Handelsintensität: Aus dem Außenhandel und dem Gesamtmarkt wird die Handelsintensität wie in Formel 3 erläutert berechnet. Sie beträgt im Mittel der zurückliegenden Jahre 0,352.

Berechnung des Carbon-Leakage-Indikators

Aus der grob geschätzten Emissionsintensität und der Handelsintensität kann der Carbon-Leakage-Indikator wie in Formel 1 dargestellt berechnet werden. Er beträgt demnach 0,03. Laut BECV können Sektoren mit einem CLI größer 0,2 als beihilfeberechtigte Sektoren aufgenommen werden. Sektoren mit einem CLI zwischen 0,15 und 0,2 können noch anhand qualitativer Kriterien aufgenommen werden. Beide Grenzwerte liegen deutlich über dem für die deutsche Baumschulwirtschaft abgeschätzten Wert.

Die Ermittlung der Höhe der CO2-Emissionen basiert – wie erläutert – nicht auf einer amtlichen Statistik, sondern wurde auf Basis einiger Annahmen abgeschätzt. Um einen CLI von 0,2 zu erreichen, müssten die CO2-Emissionen allerdings mehr als sechsmal so hoch sein und etwa 300 Millionen Kilogramm pro Jahr betragen (zum Vergleich: laut Agrarstrukturerhebung 2016 betragen die CO2-Emissionen für die Beheizung von Gewächshäusern des gesamten Gartenbaus 700 Millionen Kilogramm). Wenn dies auf den Energie-Einsatz übertragen wird, müsste der Erdgaseinsatz je Quadratmeter Gewächshausfläche in Baumschulbetrieben bei etwa 200 kWh liegen und damit höher als in einem durchschnittlichen Unterglas-Gemüsebaubetrieb. Der Dieselverbrauch je Hektar Freilandfläche müsste bei fast 3.000 Litern liegen.

Ein weiterer wesentlicher Grund für den niedrigen CLI liegt in der geringen Handelsintensität. Diese ist im Zierpflanzenbau und im Unterglas-Gemüsebau fast dreimal so hoch. Der Anteil der deutschen Produktion am Gesamtmarkt ist demnach vergleichsweise hoch. Die CO2-Besteuerung kann zu einer Benachteiligung der deutschen Baumschulproduktion im Vergleich zur Produktion im europäischen Ausland führen. Allerdings würde erst bei einer Erhöhung des Außenhandels um mehr als das Sechsfache ein Risiko der Produktionsabwanderung nach BEHG-Carbon-Leakage-Verordnung vorliegen. (Robert Luer, Zentrum für Betriebswirtschaft im Gartenbau)

► Mehr zum Thema CO2-Abgaben und Carbon Leakage lesen Sie im eingangs erwähnten Beitrag in Deutsche Baumschule 3/2022.