Grüne Branche

Blumen- und Pflanzenhandel in Europa trotzt der Wirtschaftskrise

Die Wirtschaftskrise erschüttert den europäischen Blumen- und Pflanzenmarkt nicht essenziell. Die EU ist weltweit nach wie vor mit über 40 Prozent am Weltaufkommen der größte Produzent und mit 500 Millionen Europäern der intensivste Konsument von Blumen und Pflanzen. Es bedarf jedoch größerer Anstrengungen, um ein Marktwachstum in Europa zu erzielen, das zumindest der Inflation folgt und die sinkende Nachfrage in den südeuropäischen Krisenländern kompensiert. 

Der größte Schnittblumenimporteur, die Niederlande, hat seine Importwerte aus Südamerika und Afrika im ersten Halbjahr 2012 um rund zehn Prozent gesteigert gegenüber dem Vorjahr. Foto: Rafael Ben-Ari - Fotolia.com

Der europäische Topfpflanzenhandel weist seit Jahren eine positive Handelsbilanz aus. Das EU-Außenhandelsdefizit bei Schnittblumen steigt aufgrund der Lieferungen aus den energiebegünstigten Produktionsstandorten in Afrika und Südamerika weiter an. In Griechenland, Spanien und Portugal leidet der Blumen- und Pflanzenmarkt unter der Wirtschaftskrise. Der Schnittblumen- und Topfpflanzenhandel wird durch die hohe Nachfrage in Deutschland und England stabilisiert. Wachstumsmärkte zeigen sich in Osteuropa.

Der größte Globalplayer, die Niederlande, kann 2012 seine Dominanz im internationalen Handel weiter ausbauen. Und das, obwohl allgemein die Bezugswege der Hauptverbrauchsländer differenzierter werden. Die Direktimporte der Nachfrageländer schwächen den traditionellen Markteintrittspunkt Niederlande. Tendenzen von Direktlieferungen der Produktionsbetriebe aus Übersee in den europäischen Einzelhandel werden vermehrt beobachtet. Auch der Internethandel nimmt auf Großhandelsebene zu. Er wird derzeit noch gebremst, da die logistischen Strukturen noch nicht ausgereift sind. Expertenmeinungen gehen aber in Zukunft durch die Digitalisierung von größeren Änderungen in den Vertriebskanälen aus.

Die Schnittblumenimporte in die EU sind laut Eurostat im ersten Halbjahr 2012 gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen. Der größte Schnittblumenimporteur, die Niederlande, hat seine Importwerte aus Südamerika und Afrika um rund zehn Prozent gesteigert. Auch die Direktimporte von Deutschland nehmen im ersten Halbjahr 2012 um zehn Prozent zu, in erster Linie aus den afrikanischen Ländern Kenia und Äthiopien. Expertenmeinungen gehen davon aus, dass diese Steigerungsraten auch auf Preiserhöhungen zurückzuführen sind. Die Preissteigerungen konnten insbesondere bei Lieferungen aus Südamerika beobachtet werden.

Der niederländischen Exportstatistik zufolge liefern die niederländischen Exporteure zu rund 85 Prozent in andere EU-Mitgliedstaaten, sodass davon ausgegangen werden kann, dass sich die Marktversorgung im EU-Binnenmarkt mit Schnittblumen leicht erhöht hat. Von Januar bis August 2012 beliefen sich die niederländischen Exporte in die EU auf knapp zwei Milliarden Euro und erhöhten sich um vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die niederländischen Schnittblumenlieferungen nach Deutschland erhöhten sich im Vergleichszeitraum um knapp neun Prozent, nach England um knapp 14 Prozent.

Die Exporte der EU zeigen, dass Russland als Zielmarkt zunehmend eine Spitzenposition erreicht und den Schweizer Markt auf den zweiten Platz verdrängt. Der russische Markt, als größter Wachstumsmarkt in Osteuropa, hat seine Schnittblumenimporte im 1. Halbjahr 2012 um 26 Prozent gesteigert. Hauptlieferant sind die Niederlande, die durch verbesserte Kompetenz in der Logistik ihre Exporte nach Russland stark steigern konnten (Januar bis August 2012: plus 40 Prozent).
Wachsende Bedeutung als Exporteur hat die Türkei. In den vergangenen zehn Jahren hat die Türkei ihr Exportvolumen vervielfacht und die inländische Produktion stark ausgeweitet.

In den Krisenstaaten Südeuropas sind die Importwerte weiter gesunken. Auch Frankreich hat seine Schnittblumenimporte leicht zurückgefahren. Hohe Arbeitslosenzahlen schwächen zudem die Nachfrage. Selbst im Valentinsgeschäft zeigten sich in Spanien Umsatzrückgänge.

Die stetigen Zuwachsraten im Topfpflanzenhandel halten weiter an. Der innereuropäische Handel mit Topfpflanzen hat laut Eurostat um etwa drei Prozent zugelegt. Ihre Importe ausgeweitet haben Deutschland, die Niederlande und Polen. Das Importvolumen Belgiens und Englands hat im Beobachtungszeitraum abgenommen. Diese Entwicklungen spiegelt auch die niederländische Exportstatistik wider, die von Januar bis August 2012 ähnlich hohe Änderungen verzeichnet. Die holländischen Topfpflanzenexporte nach Deutschland stiegen in den ersten acht Monaten 2012 um drei Prozent.

Auch die skandinavischen und baltischen Länder wurden verstärkt beliefert. Ähnlich wie bei den Schnittblumen zeigt sich Russland bei den holländischen Topfpflanzenexporten mit großen Zuwachsraten. In den südeuropäischen Krisenstaaten sind bei den Topfpflanzenlieferungen ebenfalls große Rückgänge zu beobachten. Liquiditätsprobleme des Handels und vermehrte Firmenpleiten führen zur vermehrten Vorsicht bei der Belieferung dieser Länder. Die geringere Nachfrage von Griechenland, Spanien und Portugal wird durch Importsteigerungen von Deutschland, Niederlande, Polen und anderen osteuropäischen Ländern kompensiert.

Im Vergleich zu 2011, wo die Angebotszeiträume von Frühlingsblühern, Schnittblumen, Beet- und Balkonpflanzen zeitlich aufeinander fielen, führte der Witterungsverlauf in 2012 zu einem guten, gleichmäßigen Abverkauf der einzelnen Sortimente. Der Absatz von Frühjahrsblühern verlief gut. Durch den Kälteeinbruch im Februar kamen die Beet- und Balkonpflanzen später auf den Markt und hatten einen relativ langen Verkaufszeitraum bis in den Juni hinein. Auch der Schnittblumenabsatz für Valentinstag und Muttertag war (bei regionalen Unterschieden) zufriedenstellend. Ein Indiz für ein gutes Herbstgeschäft kann der frühe Ausverkauf in den deutschen Azerca-Betrieben sein.

2012 lässt auf eine leichte Verbrauchssteigerung hoffen. Grund dafür ist das Wetter und das gute Konsumklima, das relativ unbeeindruckt von der Wirtschaftskrise geblieben ist. Die Deutschen gehören derzeit zu den optimistischsten Verbrauchern Europas. In den ersten acht Monaten 2012 wurde im deutschen Einzelhandel nominal 2,3 Prozent (real 0,2 Prozent) mehr umgesetzt als im Vorjahr. Experten erwarten, dass mindestens das Marktvolumen von 2011 in Höhe von 8,6 Milliarden Euro erreicht wird. Die bis dato erzielten Preise unterstützen diese Annahme. Diese Entwicklung kann aber erst verifiziert werden, wenn Anfang 2013 die Verbrauchsstatistiken der AMI/GfK vorliegen.

Die Schnittblumennachfrage teilt sich zwischen hochwertigem Strauß des Fachhandels und Konsumprodukt zum Eigenbedarf im Sortimentshandel auf. Zwar ist der Konsument tendenziell bereit, für hochwertigere Dinge mehr Geld auszugeben, wie Untersuchungen zeigen. Aber wird es gelingen, diesen Trend auch für Blumen zu nutzen? Es bedarf neuer Strategien, wenn der Fachhandel das Segment des Eigenbedarfs für sich zurückerobern will. Der Fachgroßhandel mahnt für den Facheinzelhandel eine stärkere Profilbildung an.

Die großen Wachstumspotenziale im Bereich der Beet- und Balkonpflanzen scheinen ausgeschöpft. Das Interesse an diesem Produktbereich wird durch Neuzüchtungen und Besonderheiten für die Konsumenten lebendig gehalten. Eine wichtige Maßnahme, um zukünftig das hohe Verbrauchsniveau beizubehalten. Ähnlich verhält es sich mit den blühenden Topfpflanzen.

Der Vorstoß in den Geschenksektor belebt die Nachfrage mit neuen Verwendungsmöglichkeiten. Züchtung und hohe Qualität sind aber gefordert, um einem „Trading down“-Problem entgegenzuwirken, wie es beispielsweise bei den Orchideen der Fall ist: Nach Angaben von FloraHolland stieg im Juli 2012 die Menge an verkauften Phalaenopsis um rund 30 Prozent; der Durchschnittspreis ging um 14 Prozent zurück. Wenn der Topfpflanzenmarkt durch Importe an einfachen Qualitäten zu Niedrigstpreisen überschwemmt wird, ist es sehr schwer, die Wertigkeit der Pflanzen für den Konsumenten beizubehalten oder zu erhöhen.

Die deutschen Schnittblumenimporte sind im ersten Halbjahr 2012 deutlich gestiegen. Diese Zunahme ist je zur Hälfte auf niederländische Importe und Importe aus Afrika verteilt. Die deutschen Topfpflanzenimporte sind im gleichen Zeitraum ebenfalls stark gestiegen, hierbei entfallen 75 Prozent auf Importe aus den Niederlanden. Die niederländischen Lieferungen haben somit stark zugenommen.

Es stellt sich die Frage, ob die derzeitigen größeren Umstrukturierungen in deutschen Vermarktungs- und Handelsorganisationen diese Entwicklung begünstigt haben. Steigende Kosten, insbesondere beim Transport, werden durch die Produktpreise und durch den Verkauf größerer Mengen nicht aufgefangen. Der deutsche Großhandel antwortet auf den Kosten- und Wettbewerbsdruck mit neuen Servicekonzepten, die ihm einen stabileren Platz in der Lieferkette einbringen.
Insgesamt ist sehr viel Bewegung im deutschen Blumen- und Zierpflanzenmarkt. Es gibt viele Probleme zu lösen, auch wenn sich diese noch nicht in Statistiken niederschlagen.

(Quellen: EUROSTAT, HBAG, AMI, AIPH, BGI, Productshap Tuinbouw, destatis, Ifo-Institut, IfW, IWH sowie Expertenbefragung)

Fazit: Die Markteinschätzung in Bezug auf die Absatzvolumen an Blumen und Pflanzen bestätigt die Entwicklung der vergangenen Jahre. In Ländern mit hohem Blumen- und Pflanzenkonsum sind Änderungen kurzfristig vom Verlauf der Witterung und langfristig von der Präferenzstruktur der Verbraucher abhängig. In Ost- und Südeuropa ist eine positive Nachfrageentwicklung stärker an den Wirtschaftsverlauf gekoppelt. Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass der Abschwung in den Krisenländern an Schärfe verlieren wird.

Die Warenströme werden differenzierter. Mit zunehmender Nutzung der neuen Kommunikationstechnologien werden sich das Handelsverhalten und damit auch die Handelsstrukturen verändern. Welche Auswirkungen die zukünftig noch stärker steigenden Transportkosten auf den Welthandel mit Blumen und Pflanzen haben, bleibt abzuwarten. Sicherlich werden diese Entwicklungen sowohl die Produktionsstandorte als auch die Lieferbeziehungen beeinflussen. Der Erfolg des europäischen Blumen- und Pflanzenhandels wird zukünftig in der Optimierung der Lieferketten liegen. (Dr. Marianne Altmann, Co Concept Marketingberatung, im Auftrag der IPM Essen)