Grüne Branche

Corona-Krise: „Hilfsangebote für Gartenbau noch nicht ausreichend“

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Seit Ende März befindet sich die Bundesrepublik aufgrund der Corona-Pandemie nun bereits im Ausnahmezustand. Wie alle Branchen ist davon auch der Gartenbau betroffen. Wie schwer diese Betroffenheit jedoch ist und was die Grüne Branche noch zu erwarten hat, fragten wir Jürgen Mertz, Präsident des Zentralverbands Gartenbau (ZVG), im exklusiven TASPO Interview.

„Ich bin überzeugt, dass uns die Corona-Pandemie und damit verbundene Einschränkungen noch weiter begleiten werden“, so ZVG-Präsident Jürgen Mertz im Interview mit der TASPO. Foto: ZVG

In normalen Jahren wird von März bis Mai mit einem Umsatz von 3,4 Milliarden Euro mit Blumen und Pflanzen gerechnet. Mit wie viel Umsatz oder Einbußen rechnen Sie dieses Jahr?

Es ist noch zu früh, verlässliche Aussagen treffen zu können. Es wird aber deutlich, dass die Betroffenheit nach Regionen und Sparten und Vermarktungswegen sehr unterschiedlich ist. Der Gartenbau in Deutschland hat eine vielfältige Produktions- und Vermarktungsstruktur. Was sich jedoch bereits abzeichnet, ist die besonders hohe Betroffenheit der Produzenten von Frühjahrsblühern und Schnittblumen.

Die wochenlang angeordneten Schließungen des gärtnerischen Fachhandels und der Floristen in einigen Bundesländern, gerade zu Beginn der Frühjahrssaison, haben den Betrieben stark zu schaffen gemacht. Das hat sich rückwirkend auf die ganze Vermarktungskette, insbesondere die Produktion, ausgewirkt. Abzuwarten bleibt nun außerdem, wie Obst- und Gemüseproduzenten, die sich auf die Belieferung der Gastronomie spezialisiert haben, in den kommenden Wochen ihre Ware absetzen können.

Viele Betriebe berichten, dass sie durch die starken Umsätze der vergangenen Wochen ohne größere finanzielle Schäden aus der Krise hervorgehen werden, wenn es nicht wieder größere Einschränkungen geben sollte. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Auch dazu eine Aussage zu treffen, erscheint mir noch zu früh. Gerade für die so wichtige Beet- und Balkonpflanzen-Saison gilt: Abgerechnet wird frühestens im Juni. Fakt ist aber: Auch wenn sich aktuell die Absatzströme wieder normalisieren, konnte im März und auch noch im April viel Ware nicht abgesetzt werden. Je nach Sortimentsbreite der Betriebe wirkt sich das mehr oder weniger negativ auf die Bilanz aus. Die weitere Entwicklung bleibt unsicher.

Die Bundespolitik hat gemeinsam mit den Ländern beschlossen, dass der Gartenbau und mit ihm der gärtnerische Fachhandel zur Grundversorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln beiträgt. Deshalb wurde in den Leitlinien der Bund-Länder-Vereinbarung Mitte März ausdrücklich bestimmt, dass Bau- und Gartenbaumärkte öffnen dürfen. Die Bundesländer haben dies allerdings ganz unterschiedlich umgesetzt, was zu einem wahren Flickenteppich an Auslegungen geführt hat. Dies war für alle Beteiligten nicht zufriedenstellend. Für mögliche weitere Maßnahmen fordern wir daher ein bundeseinheitliches Vorgehen.

Ich bin überzeugt, dass uns die Corona-Pandemie und damit verbundene Einschränkungen noch weiter begleiten werden. Umso wichtiger ist es, Sicherheitsabstände, Kontaktbegrenzungen und alle anderen Vorgaben einzuhalten – zur Sicherheit der Kunden aber vor allem auch der Mitarbeiter. Um für Transparenz zu sorgen und die Sicherheitsmaßnahmen zu dokumentieren, haben wir in Zusammenarbeit mit anderen Verbänden die Seite mit-abstand-gruen.de ins Leben gerufen. Ich freue mich für alle Gärtner, die jetzt großen Zuspruch haben. Alles Weitere bleibt abzuwarten.

Verschiedene Hilfen und Unterstützungsmaßnahmen wurden von der Bundesregierung angesichts der Corona-Krise auf den Weg gebracht. Waren und sind diese ausreichend und fließen die Mittel überhaupt schnell genug?

Die Bundesregierung hat ein ganzes Maßnahmenpaket verabschiedet. Über Soforthilfen für Kleinunternehmen, KfW-Schnellkredite, Liquiditätssicherungsdarlehen mit und ohne Bürgschaften bis hin zu den Maßnahmen der Kurzarbeit und den Möglichkeiten der Stundungen von unterschiedlichen Steuern. Hier hatten wir als ZVG immer wieder die Berücksichtigung des Gartenbaus eingefordert. Gerade bei Ausweitung des Soforthilfeprogramms auf die Gartenbau-Betriebe hat sich gezeigt, wie wichtig die politische Vertretung der Branche ist. Der landwirtschaftliche Teil des Gartenbaus mit den Sonderkulturen Gemüse, Obst sowie Zierpflanzen und Baumschulware wäre nach den ursprünglichen Plänen nicht Teil der Soforthilfe gewesen. Zusätzlich haben die gärtnerischen Institutionen, wie die Gartenbau-Versicherung und die Gemeinnützige Haftpflichtversicherungsanstalt Kassel (HAVA), auch die Möglichkeit von zinslosen Stundungen angeboten.

All diese Maßnahmen helfen den Betrieben. Doch gerade bei den Hausbanken hat sich gezeigt, dass noch immer aufwendige, detaillierte Liquiditätsplanungen verlangt werden. Dies ist in Anbetracht von schnell benötigten Geldhilfen unverständlich. Hier muss eine viel schnellere Bearbeitung durch die Banken erfolgen.

Die Niederlande haben ein 600-Millionen-Euro-Subventionspaket für ihren Gartenbau geschnürt. Wie ist dies für den deutschen Gartenbau zu bewerten, und welche Maßnahmen würden Sie vorschlagen?

Der Zierpflanzenbau in den Niederlanden, der extrem exportabhängig ist, ist besonders stark von der Corona-Krise betroffen. Unsere niederländischen Verbandskollegen tun alles dafür, dass ihrem Sektor geholfen wird. Wir sind mit ihnen im ständigen Austausch, bilateral und über unseren europäischen Verband. Viele Maßnahmen, wie Stundungen, Bürgschaften für Kredite, sind in den Niederlanden ähnlich wie bei uns. Mit dem Nothilfefonds sollen jetzt Umsatzeinbußen, die mehr als 30 Prozent betragen, ausgeglichen werden. Die bisherigen Hilfsangebote für den Gartenbau in Deutschland sind sehr wichtige Maßnahmen, aber sie sind noch nicht ausreichend.

Die Forderung des ZVG, besonders betroffenen Betriebe nicht rückzahlbare Zuschüsse zu gewähren, wurde bislang noch nicht erfüllt. Um diese Forderung mit Fakten zu belegen, wird aktuell von uns eine genaue Betroffenheitsanalyse durchgeführt, die wir dann mit der Politik diskutieren werden. Der föderale Flickenteppich bei der Schließung mit unterschiedlichen Auslegungen auf Länder-, Landkreis- und sogar Kommunalebene stieß auf großes Unverständnis und trägt bei den Unternehmen zu einer massiven Unsicherheit bei. Wir leben nicht nur in einem föderalen Staat, sondern auch in der Europäischen Union mit einem gemeinsamen Binnenmarkt. Die Corona-Krise trifft alle Mitgliedstaaten. Ein gemeinsames Vorgehen ist hier unabdingbar. Hilfsmaßnahmen in einzelnen Ländern dürfen nicht zu Wettbewerbsverzerrungen im EU-Binnenmarkt führen.

Das komplette Interview mit ZVG-Präsident Jürgen Mertz zur Corona-Krise lesen Sie in der TASPO 19/2020, die in unserem Online-Shop abrufbar ist.

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