DGG: „Wildpflanzen werden zu den neuen Stars im Garten“

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„Gärtnern für die biologische Vielfalt“ – das ist das Motto des Projekts „Tausende Gärten – Tausende Arten“, das die Deutsche Gartenbau-Gesellschaft (DGG) 1822 leitet und an dem bundesweit Privatpersonen, Kommunen, Vereine und Firmen teilnehmen können. Die TASPO sprach mit Bettina de la Chevallerie, DGG-Geschäftsführerin und Gesamtprojektleiterin, und DGG-Präsident Prof. Dr. Klaus Neumann über das Projekt.

Welcher Grundgedanke steht hinter dem Projekt?

Bettina de la Chevallerie: Die Idee hinter „Tausende Gärten – Tausende Arten“ ist, Gärten mit einheimischen Wildpflanzen zu gestalten und Naturgärten zu einem Gartentrend in Deutschland zu machen. So entstehen wertvolle Lebensräume für Tier und Mensch. Einheimische Wildpflanzen leisten einen wichtigen Beitrag für die biologische Vielfalt. Sie locken Insekten, Vögel und viele weitere Tiere in den Garten. Bis 2025 wollen wir ein starkes Netzwerk von Gärtnereien und Gartencentern aufbauen, die einheimisches Saat- und Pflanzgut produzieren und in den Verkauf bringen. Auf unserer Website gibt es viele weitere Informationen und unterschiedliche Möglichkeiten mitzumachen. Zudem werden vorbildlich naturnah gestaltete Gärten ausgezeichnet.

Prof. Dr. Klaus Neumann: Der Grundgedanke lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: „Think global – act local“, das heißt, die globalen Veränderungen hinsichtlich Klima, Artenverlust, Biodiversitätsarmut im Großen verstehen und im Kleinen dagegen angehen. Das Ziel ist also, durch einen kleinen Beitrag, ob auf dem Balkon, im Haus, im Garten, im Kleingarten oder in der städtischen Parkanlage, etwas für mehr Artenreichtum zu erreichen. Dabei spielt die Gartengröße keine Rolle. Eine lebenswerte, artenreiche, gesunde und ästhetisch ansprechende Umwelt hängt nicht von der Größe des Gartens ab, sondern von der Bereitschaft, etwas zu tun. Daher ist der Blumenkasten auf dem Balkon genauso bedeutend wie die 120 Hektar große Golfanlage. Das Projekt folgt der fast 200-jährigen Tradition der Gründungsväter der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft, Lenné, Schinkel oder Humboldt, neue Ideen für lebenswerte Städte und Parks zu entwickeln.

Wie ist die Idee zu dem Projekt „Tausende Gärten – Tausende Arten“ entstanden?

Bettina de la Chevallerie: Die Deutsche Gartenbau-Gesellschaft hat der Gedanke fasziniert, die biologische Vielfalt zu fördern und einen neuen Gartenmarkt zu erschließen, der für ganz normale Hobbygärtnerinnen und -gärtner heimische Wildpflanzen zum Verkauf anbietet. Echte heimische Wildpflanzen gibt es bislang kaum in Gartenmärkten und Gartencentern zu kaufen. Sie sind aber ein wichtiger Beitrag für den Erhalt der biologischen Vielfalt. Das Thema Insektensterben ist in aller Munde. Die Insekten finden oft nicht mehr genügend Nahrung. Heimische Wildpflanzen sind eine ideale Nahrungsquelle und lassen sich im Gartenbau zur Gestaltung attraktiver Rabatten oder zum Anlegen von Wildblumenwiesen verwenden. Das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ aus Bayern oder Initiativen aus anderen Bundesländern zeigen, dass die Diskussion in der Mitte der Bevölkerung angekommen ist.

Als wir 2019 unsere Projektskizze einreichten, wurden wir gefragt, ob wir mit anderen, die eine ähnliche Projektidee entwickelt hatten, zusammenarbeiten möchten. Das wollten wir und sind nun ein großes Verbund- und Kooperationspartnerprojekt zusammen mit dem Wissenschaftsladen Bonn, der Agentur tippingpoints, dem Naturgarten e.V. und dem Verband deutscher Wildsamen- und Wildpflanzenproduzenten. Unser Projekt wird im Rahmen des Bundesprogramms Biologische Vielfalt mit Mitteln des Bundesumweltministeriums und des Bundesamts für Naturschutz gefördert.

Dr. Klaus Neumann: Die Idee basiert auf dem bald 200-jährigen Credo der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft – Fachwissen mit neuen Ideen und Konzepten zu verbinden. Damals waren es die Gründungsväter Peter Joseph Lenné, Friedrich Schinkel oder Alexander von Humboldt, die neue Ideen für lebenswerte Städte und Parks entwickelt haben. Heute sind es wissenschaftliche, ökologische und botanische Erkenntnisse für die ästhetische Gestaltung von Gärten und Parkanlagen in der urbanen Stadt des 21. Jahrhunderts, um nachhaltig gegen Arten- und Biodiversitätsverlust anzugehen.

Welche Vorteile und Chancen ergeben sich für die Grüne Branche und den Garten als solches aus diesem Projekt?

Prof. Dr. Klaus Neumann: Heimische Wildpflanzen – von der Staude bis zum Gehölz – tragen auch aus wirtschaftlicher Sicht viel Potenzial in sich. Mit dem Trend zum naturnahen, insektenfreundlichen Garten werden Wildpflanzen zu den neuen Stars im Garten. Selbstverständlich muss die Grüne Branche, müssen Baumschulen, Garten- und Landschaftsbau und Zierpflanzen-Gärtnereien, wirtschaftlich vorrangig Produkte in den Markt bringen, die ein Leben und Überleben garantieren. Wir haben in unserer Grünen Branche auch Verantwortung, und das bedeutet, neben den wirtschaftlichen Belangen kann dieses Projekt auch deutlich machen, dass wir uns sehr bewusst zu heimischen Pflanzen, zur heimischen Flora und zum Artenreichtum durch eben diese heimischen Pflanzen bekennen. Wenn die Grüne Branche beispielhaft auf Klimawandel und die veränderten Lebensbedingungen für Pflanzen und Tiere hinweist, dann hat sie die Möglichkeit, mit entsprechenden Produkten etwas anzubieten, was dieser Entwicklung entgegenwirkt.

Bettina de la Chevallerie: Die Grüne Branche erhält von unserer Seite in vielerlei Hinsicht Unterstützung im Rahmen der Kampagne „Tausende Gärten – Tausende Arten“. Wir unterstützen mit Flyern, Aufstellern, Banderolen und Töpfen. Gerade erarbeiten wir im Austausch mit Gartenbetrieben ein Schulungskonzept, das unter anderem Online-Seminare vorsieht, damit Gärtnereien oder Gartencenter ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiterbilden können, um ihre Kunden über den Nutzen von heimischen Arten besser zu informieren.

Ist das Projekt auf eine bestimmte Gartengröße ausgerichtet, ist es beispielsweise nur für Schrebergärten geeignet, oder ist es davon unabhängig?

Bettina de la Chevallerie: Die Größe eines Gartens spielt keine Rolle. Selbst der kleinste Garten kann dazu beitragen, dass heimische Arten wie die Taubnessel, der Heilziest oder die Hundsrose ihren Platz finden und damit die Gartenhummel, die Gartenwollbiene oder den Rosenkäfer anlocken. Gerade Schrebergärten eignen sich ganz hervorragend. Sie sind in ihrer Vielzahl Trittsteine für Biotope und wir können in Zusammenarbeit mit den zuständigen Gartenfachberatern Aufklärungsarbeit leisten, dass jeder dazu beitragen kann, mit ein paar Quadratmetern Lebensgrundlagen für Bienen, Hummeln, Schwebfliegen, Käfer oder Vögel zu schaffen. Auch Vorgärten eignen sich hervorragend. Wir versuchen zu vermitteln, dass Schottergärten „out“ sind und wünschen uns auch eine Zusammenarbeit mit den Kommunen und Städten. Hessen plant zurzeit eine neue Vorgartensatzung, sodass in den Bebauungsplänen reine Schottergärten verboten werden sollen.

Inwieweit können sich Privatpersonen an dem Projekt beteiligen?

Prof. Dr. Klaus Neumann: Alle, die Neugier und Lust auf das Gärtnern mit einheimischen Wildpflanzen haben, sind herzlich eingeladen, sich zu beteiligen. Egal, ob Privatpersonen, Vereine, Firmen, öffentliche Institutionen wie Ministerien, Kommunen, Kitas oder Schulen. Denken wir an die vielen tausend Hektar Grün im Bereich von Schulen oder Sportanlagen, dann wird klar, welcher Artenreichtum hier entstehen könnte.

Bettina de la Chevallerie: Es ist jederzeit möglich mitzumachen. Mitgebracht werden muss nur Spaß am naturnahen Gärtnern. Vorbildlich naturnah gestaltete Gärten werden zudem ausgezeichnet. Ab Herbst haben wir auf unserer Website eine grüne digitale Landkarte, wo sich Privatpersonen oder Vereine, die Vielfalt gepflanzt haben, aber auch prämierte Gärten oder Gärtnereien und Gartencenter, die Wildpflanzen verkaufen, registrieren und mit Fotos präsentieren können. Ab Frühjahr sollen die von uns entwickelten Pflanzen-Starterpakete in den ersten Gärtnereien und Gartencentern zu finden sein, sodass auch Kundenbestellungen möglich sind.

Und inwieweit können sich Betriebe, Vereine und Verbände an dem Projekt beteiligen?

Bettina de la Chevallerie: Ein Betrieb kann sich jederzeit überlegen, einzusteigen und Stauden zu produzieren und zu vermarkten. Wir bieten Unterstützung und Beratung. Eine Mail an uns genügt, um in Kontakt zu kommen. Wir setzen auf zertifizierte regionale Herkunft und arbeiten hauptsächlich mit dem Saatgut-Produzenten Rieger Hoffmann und mit dem Verband deutscher Wildsamen- und Wildpflanzenproduzenten (VWW) zusammen. Alle Betriebe, die mit uns kooperieren, bekommen eine Bestellliste für die Arten von uns und können ihr Saatgut direkt beim Saatgut-Produzent bestellen. In den kommenden Jahren erweitern wir das Sortiment um Wildrosen und Gehölze.

Weitere Voraussetzungen sind, dass möglichst torffrei in recycelbaren Töpfen produziert und auf Pestizide verzichtet wird. Von zentraler Bedeutung ist ebenso, dass die heimischen Wildpflanzen aus den von uns festgelegten vier regionalen Bereichen (Nord, Süd, West und Ost) stammen. Dadurch wird die Erhaltung der genetischen Vielfalt heimischer Wildpflanzen gefördert und für den Verkauf eine echt heimische Herkunft gewährleistet. Die Bereiche sind Naturgroßräume, die anhand standörtlicher Merkmale aus den 22 Ursprungsgebieten Deutschlands hergeleitet wurden. Ursprungsgebiete sind zum Beispiel Ostdeutsches Tiefland, Rheinisches Bergland oder Schwäbische Alb.

Wie funktioniert das Zusammenspiel von Betrieben, Verbänden, Vereinen und Privatpersonen?

Prof. Dr. Klaus Neumann: Es steht und fällt mit den Menschen, die die Idee aufgreifen und weitertragen. Egal, ob Zuhause, im Betrieb, Verband oder Verein. Im Moment sind wir dabei, das Netzwerk zu vergrößern und Synergieeffekte zu schaffen. Wenn der eine vom anderen erfährt, ergeben sich oft neue und spannende Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Gefördert wird das Projekt im Bundesprogramm Biologische Vielfalt mit Mitteln des Bundesumweltministeriums und des Bundesamts für Naturschutz (BfN).

Wie entwickelt sich das Projekt in Zeiten von Corona?

Bettina de la Chevallerie: Da wir erst Anfang des Jahres gestartet sind, konnten wir zunächst im stillen Kämmerlein unseren Flyer, die Website, Informationsmaterialien und vieles mehr entwickeln. Wir mussten uns an Online-Konferenzen gewöhnen. Das war nicht immer ganz einfach, zählt doch immer der direkte Kontakt. Zum Anfang des Lockdowns war es sehr schwer, an Gartenbetriebe heranzutreten, viele hatten Existenzsorgen und konnten den Fokus nicht sofort auf die Etablierung einer neuen Marke für das Segment Wildstauden richten. Wir haben aber auch beobachtet, dass in Zeiten von Corona gerade Gärtnereien, die nicht schließen mussten, einen großen Zulauf hatten und dass das private Gärtnern neben dem Spazierengehen im Park zentrale Bedeutung gewann.

Mittlerweile machen vermehrt Betriebe mit und auch der Verband Deutscher Garten-Center will sich die Vermarktung von Wildstauden auf die Fahne setzen. Ausgefallen sind natürlich Veranstaltungen, die wir bundesweit geplant hatten, viele Fachvorträge zum Beispiel im Rahmen der Europäischen Zookonferenz oder beim Weltkongress Gebäudegrün fielen aus. Aber wir stellen fest, dass wir über das Telefonieren oder via Mail oder Videokonferenz trotzdem viele neue Synergien erschließen können und unser Netzwerk kontinuierlich wächst.

Was erhoffen Sie sich von diesem Projekt?

Bettina de la Chevallerie: Ich wünsche mir, dass die Akzeptanz für naturnahe Gärten in der Bevölkerung wächst, wir Tausende von Mitmach-Akteuren gewinnen und sich heimische Pflanzen in unseren Gartenmärkten dauerhaft etablieren und damit auch das Wissen über unsere heimische Flora und Fauna. Für die Deutsche Gartenbau-Gesellschaft wünsche ich mir, dass wir zum Beispiel in Form von Mitgliedschaften mehr Unterstützung und Wertschätzung für unsere ehrenamtliche Arbeit erfahren. In zwei Jahren (2022) feiert die DGG ihr Jubiläum und ist dann 200 Jahre alt.

Wie verläuft das Projekt im Einzelnen, welche Phasen gibt es, und wie wird es betreut?

Bettina de la Chevallerie: In diesem Jahr haben wir die Grundlagen geschaffen. Wir haben unsere Infokampagne gestartet, bauen ein Netzwerk aus Gärtnereien, Gartenbau-Betrieben und Gartenmärkten auf und stellen uns im nächsten Jahr, wenn die Corona-Pandemie hoffentlich überstanden ist, bei Tagungen und Veranstaltungen vor. Ein Highlight im kommenden Jahr wird die Bundesgartenschau in Erfurt mit unserem Auftaktsymposium sein.

 

Weitere Informationen zum Projekt

Das Projekt „Tausende Gärten — Tausende Arten“ wird durchgeführt von der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft 1822 (Gesamtprojektleitung), dem Wissenschaftsladen Bonn (WILA) und der Agentur für nachhaltige Kommunikation tippingpoints. Kooperationspartner sind der Naturgarten e. V. und der Verband deutscher Wildsamen- und Wildpflanzenproduzenten (VWW). Gefördert wird im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit sowie durch die Berlin Immo Invest Gruppe, die Berliner Sparkasse und den Eigenheimerverband Deutschland.