Grüne Branche

Digitalwelten von (über-)morgen – und was sie den Gartenbau angehen

, erstellt von

Was haben uns die neusten digitalen Technologien zu bieten? Das wollten die Besucher des „Digital Kindergarten“ im Hamburger Millerntor-Stadion herausfinden, anschauen und ausprobieren. Unternehmer, Marketing- und Kommunikationsprofis, Geschäftsführer, Studenten, Angestellte und Selbstständige, Influencer, Blogger, Technik-Freaks und Journalisten tummelten sich dort, wo sonst die Fans des FC St. Pauli ihre Mannschaft anfeuern.

Digitales Riesen-Event mit Festival-Charakter

Initiator des Digital Kindergartens war Mirko Kaminski, Geschäftsführer der Hamburger Marketing-Agentur achtung!, die das digitale Riesen-Event mit Festival-Charakter zum zweiten Mal organisiert hatte. In 50 Vorträgen auf drei Bühnen, 60 Tech-Spielecken, 13 Workshops und einem großen, bunten „Gadget Garden“ wurde zugehört, experimentiert, diskutiert, getwittert und genetzwerkt. Es ging um Themen wie Künstliche Intelligenz und Kreativität, Gaming und E-Sports, Virtual und Augmented Reality (VR und AR), E-Commerce, Influencer Marketing, Big Data und Robotics, Filterblasen und Fake-News, Disruption, E-Mobilität und vieles mehr.

Einige Digitalwelten sind schon sehr weit weg von der Grünen Branche und unserem Denken. Warum zum Beispiel der ehemalige Formel-Eins-Rennfahrer Nico Rosberg acht Vollzeitkräfte beschäftigt, um den Wert seines Personal Brandings ins Unermessliche zu steigern, dürfte interessant, aber nicht mal für die Stars unserer Branche praxisrelevant sein. Und ob es wichtig ist, Zwei- und Dreijährige spielerisch an digitale Medien heranzuführen, darüber lässt sich diskutieren, aber nicht unbedingt im Gartencenter oder in der Baumschule.

Doch andere Digitaltechniken, -ansätze und -welten können durchaus interessant sein für den Gartenbau und so manchem Gärtner oder Gartencenter-Betreiber sinnvolle Inspirationen liefern. Hier eine kleine Auswahl an Vorträgen aus dem „Digital Kindergarten“, der vielleicht einen Bezug zur Grünen Branche hat oder in Zukunft haben könnte.

„Paper is the new digital. Kanalübergreifendes Programmatic Advertising auf einheitlicher Daten- und Technologiebasis“ – Referenten: Lars Schlimbach und Yvonne Richter, Deutsche Post

Zusammenfassung: Ist die E-Mail das Ende des gedruckten Briefs? Im Gegenteil! Gerade nach Inkrafttreten der neuen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) sind Brief-Mailings wichtiger denn je, so die beiden Referenten der Abteilung Dialogpost der Deutschen Post. Denn für die Neukunden-Akquise sei der gute alte Brief zum einzigen Direkt-Medium geworden – E-Mails, die nicht über die Empfangserlaubnis des potenziellen Kunden verfügen, verbietet die DSGVO. Dass es dennoch zwischen Offline-Kontaktanbahnung und Online-Weiterverarbeitung keinen Bruch geben muss, dafür brachten die beiden Referenten etliche Beispiele aus dem Produktportfolio der Deutschen Post.

Was geht’s den Gartenbau an? Eine Menge! Die DSGVO gilt für die Grüne Branche genauso wie für alle anderen Unternehmer. Und es ist tatsächlich so: Newsletter an Noch-Nicht-Kunden ohne deren Einverständnis per Double-Opt-In sind verboten. Für Neukunden-Kampagnen ist das gute alte Briefmailing ein sinnvoller Weg. Doch das weitere Schicksal derjenigen Adressen, die sich aus dem Briefmailing rekrutiert haben, ist heutzutage komplett digital. In Datenbanken werden sie verwaltet, die Folge-Mailings sind Newsletter, Kunden, die reagieren, reagieren meistens online. Damit das digitale Rad nach einem Briefmailing nicht neu erfunden werden muss, gibt die Abteilung „Dialogpost“ der Deutschen Post ihren Mailing-Kunden allerlei Hilfsmittel an die Hand.

„Win the moment! – Use every touchpoint to win customers“ – Referent: Bernd Wagner, Salesforce, München

Zusammenfassung: Das IT-Unternehmen Salesforce bietet werbetreibenden Unternehmen – egal ob B2B oder B2C – eine Art Software-Werkzeugkasten, der die Flut aller eingehenden Kundendaten so kanalisiert, dass die Kunden ein einheitliches Einkaufserlebnis über alle Kanäle erleben können. Die Abfolge und Organisation der Touchpoints („Kontaktpunkte“, an denen der Kunde mit dem Unternehmen in Berührung tritt) ist dabei wichtig. Referent Bernd Wagner zeigte an einem Beispiel aus der Modewelt – eines Modegeschäfts mit Filialen und Online-Shop – wie das funktioniert: Touchpoints sowohl online als auch offline zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu nutzen.

In der Fiktion tätigte eine „gläserne“ Stammkundin allerlei Interaktionen mit „ihrem“ Modelabel. Gläsern heißt hier: Sie hatte dem Modegeschäft zum Tracking, zur Ortung und allem anderen ihre Zustimmung erteilt, wobei ihr der Anbieter über die digitale Schulter schauen kann. Die fiktive Kundin fand einen Rabattgutschein in der Post, erhielt einen Newsletter, auf den sie reagierte, besuchte eine Filiale des Modegeschäfts, in der sie einen bestimmten Weg zurücklegte, und tätigte verschiedene Einkäufe.

Die Flut von Daten zu verarbeiten, die solche Kunden durch ihre Interaktionen auslösen, dabei helfen Wagner und sein Team. Mit dem Ziel, dass entlang der Customer Journey der Kundin die besten und erfolgversprechendsten Touchpoints locken.

Was geht’s den Gartenbau an? Das wird sofort sichtbar, wenn man einfach „Modegeschäft“ durch „Gartencenter“ ersetzt. Selbstverständlich muss auch der Gartenfachhandel die Flut von Daten, die er mit Einwilligung seiner Kunden über diese erhält, sinnvoll nutzen können. Und so kanalisieren, dass seinen Kunden laufend Touchpoints angeboten und hervorragende Shopping-Erlebnisse ermöglicht werden. Der Idealfall aller Bemühungen: Das komplette Angebot des Gartencenters wird in den Augen der Kunden als Service wahrgenommen – gar nicht als Werbung.

„Missverständnisse über Chatbots, die so falsch sind wie Liebe in der Herbertstraße“ – Referent: Stefan Trockel, Mitgründer und CEO mercury.ai, Bielefeld

Zusammenfassung: Die Company des Referenten bietet eine Software-Plattform zum Erstellen und Managen von AI-Assistenten/Chatbots und der Automatisierung von Dialogen. Digitale Dialogsysteme interagieren mit „echten“ Sprechern beispielsweise in Messenger Apps, mit Smart Speakern, auf Webseiten und überall da, wo digitale Sprachassistenten sinnvoll sind. Mercury.ai verspricht hier eine Software-as-a-Service-Plattform mit besonderem Fokus auf möglichst natürlichem Dialog. Das Unternehmen nutzt verschiedene Technologien, die heute gerne unter Künstlicher Intelligenz (KI) zusammengefasst werden und Unterhaltungen zwischen Mensch und Computer ermöglichen. Unternehmen haben damit die Möglichkeit, Teile ihrer Kundenkommunikation – sei es Information oder Support – zu automatisieren.

Was geht’s den Gartenbau an? Im Gartenbau geht das Thema Chatbots und KI alle Unternehmen an, die davon profitieren oder in Zukunft profitieren werden, wenn ihre Kunden mit einem Chatbot sprechen statt mit einem echten Menschen. Schon heute ist das vor allem in Gartencentern und Fachgeschäften vorstellbar, wenngleich auch noch nicht überall Alltag. In Zukunft wird das Kompensieren des Fachkräftemangels mittels KI möglicherweise auch für alle Sparten des Gartenbaus eine sinnvolle Strategie sein. Vorstellbar wäre etwa, dass Pflegeanleitungen oder Pflanzenschutzberatung in Teilen von einer KI erledigt wird. Oder dass generell ein „künstliches“ Kundenmanagement im Büro Anrufer und Kundenwünsche zumindest vorfiltert.

„Das Menschenmögliche neu denken“ – Referent: Karel Golta, Gründer und Geschäftsführer Indeed Innovation, Hamburg

Zusammenfassung: „Im Moment machen wir so viel falsch, dass es gar nicht so schwer ist, etwas richtig zu machen“, begann Karel Golta seinen Vortrag über das Thema Innovationen. Seine provokante Frage: Sind die Digitalisierung und das exponentielle Technologie-Wachstum wirklich Innovationstreiber? Oder lösen sie nur Probleme, die sie zuvor erst selbst geschaffen haben?

Seine Forderung: Der Begriff „Innovation“ müsse neu definiert werden. Innovation im klassischen Sinne ist in unserem Wirtschaftssystem positiv besetzt – zu Unrecht, davon ist Golta überzeugt. Denn Innovation sei immer nur das, womit der technische Entwickler Geld verdient, vollkommen unabhängig von Fragen nach ihrer Sinnhaftigkeit. Goltas Überzeugung: Innovation in unserem derzeitigen Wirtschaftssystem ist etwas Böses, Falsches und Toxisches. Denn sie misst sich ausschließlich am wirtschaftlichen Erfolg. Nicht an Parametern wie Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung oder Energiewende. Als Beispiel für eine dieser toxischen Innovationen nannte Golta den wirtschaftlichen Erfolg eines Wasserfilter-Anbieters in einem Land, in dem schon das normale Trinkwasser vollkommen unbedenklich sei.

Im Gegensatz hierzu wünschte sich Golta „Innovationsrebellen“: Menschen, die die gesamte Wirtschaft und unser menschliches Handeln neu erfinden. Was zunächst abstrakt klang, bekam Kontur am Beispiel CO2 und Klimakatastrophe. Eine „echte“ Innovation unserer Tage wäre beispielsweise eine Erfindung, die aus der Not eine Tugend macht – zum Beispiel CO2 in Nahrung oder Energie verwandelt.

Was geht’s den Gartenbau an? Noch ist es nicht so weit. Aber ist es nicht eine starke Vision und auch absolut im Bereich des Vorstellbaren, dass die echten, wahren Innovationsrebellen, die das Wirtschaftssystem neu erfinden und den Planeten retten, aus dem Gartenbau kommen? Denn schließlich hält die Grüne Branche eine der wichtigsten Trumpfkarten im Kampf gegen den Klimawandel in der Hand, und die heißt Grün. Nur Bäume und Pflanzen können große Mengen CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen und wieder in Sauerstoff und Zucker verwandeln.

„Wie Augmented Reality das Produktmarketing neu definiert“ – Referent: Patric Boscolover, Head of Corporate Communications Scanblue, Schaumburg

Zusammenfassung: Augmented Reality und Virtual Reality gehören zu den ganz großen Zukunftsthemen unserer Zeit und werden aller Voraussicht nach nicht nur im Massenmarkt Anwendung finden, sondern auch im B2B und in vielen Nischenmärkten. Boscolover machte erlebbar, welche ungeheuren Sprünge die technische Entwicklung inzwischen beim Thema dritte Dimension gemacht hat: sei es in Augmented-Reality-Apps für Smartphones und Tablets, für 3D-Brillen und VR-Stores oder in Online-Shops oder Websites.

Was geht’s den Gartenbau an? Überall dort, wo Gestaltung verkauft werden soll, sind VR und AR große Zukunftsthemen – auch und gerade beim Verkauf von Gartengestaltung und Gartenzubehör. Noch gehört die VR-Brille nicht zum Standard-Verkaufsinstrument eines Landschaftsgärtners oder eines Gartencenters. Aber bald schon könnte das soweit sein, vielleicht schneller als wir denken.