Grüne Branche

Extremer Stresstest: neue Baumarten für Berlin-Neukölln

Starke Windbelastung, schwerer Lkw-Verkehr, Streusalzeinträge, dazu Trockenstress bei Hitze und viel Niederschlagswasser, das im Gefälle der Brücke nach unten hin abfließt: die Bäume an der Neuen Späthstraße in Berlin-Neukölln sind einer hohen Stressbelastung ausgesetzt. Stark abgängige Ahornbäume, die bislang die Straßen säumten, wurden im Februar gefällt. Seit Mai werden nun neue Baumarten gepflanzt, um zu prüfen, ob diese besser mit den örtlichen Gegebenheiten zurechtkommen. 

Pflanzmaßnahmen am 2. Mai. Foto: Pflanzenschutzamt Berlin

Die ersten 16 Bäume wurden laut Innovationsnetzwerk Klimaanpassung Brandenburg Berlin (INKA BB) am 5. Mai gepflanzt. Dabei handelt es sich um besondere Baumarten, die bislang für unsere Regionen eher ungewöhnlich sind: Japanische Zelkove (Zelkova serrata), Kobushi-Magnolie (Magnolia kobus), Ungarische Eiche (Quercus frainetto), Italienische Erle (Alnus cordata), Rotesche (Fraxinus pennsylvanica) sowie der Kegel-Feldahorn (Acer campestre ‘Elsrjik’).

Insgesamt werden 36 Bäume gepflanzt: 30 beidseitig des Autobahnzubringers und sechs an einem weiteren Standort an einer innerstädtischen Großkreuzung. Geprüft werden soll in dem gemeinsamen Projekt mit dem Grünflächenamt Neukölln, dem Pflanzenschutzamt Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin vor allem, wie sich die eingesetzten Baumarten für einen solchen Extremstandort eignen und wie klimatolerant sie sind. Dabei soll auch ihre Salzverträglichkeit und die Toleranz bei hoher Verkehrs- und Abgasbelastung getestet werden.

Bäume an diesem Standort haben es den Angaben zufolge besonders schwer: Durch die Brückensituation haben einige Standorte kaum Zugang zum Grundwasser und auch bei Extremniederschlägen fließt Wasser schnell ab. Zudem ist die Brücke starkem Windeinfluss ausgesetzt, der enorme Lkw-Verkehr sorge zusätzlich für eine erhebliche Windbelastung auch an windstillen Tagen.

Ähnliche Bedingungen herrschen am zweiten Standort weiter stadteinwärts. Besonders in der Sommerhitze während längerer Trockenperioden müssten die Bäume viel aushalten. „Die Standorte sind daher für einen Test hinsichtlich Extrembelastung besonders geeignet für einen typischen innerstädtischen Raum im Hinblick auf Klimaänderungen“, so Dr. Matthias Zander von der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. „Dies ist der ultimative Härtetest, von dem wir uns viele aussagekräftige Ergebnisse versprechen“, bekräftigt Zander.

Dr. Matthias Zander betreut dieses Forschungsprojekt innerhalb von INKA BB. Auch zunehmende Erkrankungen von Bäumen werden Teil des Tests sein. So soll die Rotesche geprüft werden auf eine etwaige Anfälligkeit gegenüber Eschentriebsterben, die Japanische Zelkove wiederum auf die Ulmenwelke. „Wir beobachten, dass Bäume zunehmend Krankheiten ausgesetzt sind – dies schreiben wir auch den klimatischen Veränderungen zu“, so Zander. „Wir müssen uns den neuen Herausforderungen stellen und unterstützen daher diesen Praxistest mit Geld und Know-how des FB Grün- und Freiflächen“, ergänzt der Neuköllner Baustadtrat Thomas Blesing. Geplant und pflanzenschutz-fachlich begleitet wird das Vorhaben von Martin Schreiner vom Pflanzenschutzamt Berlin.

Angelegt ist die Testreihe zunächst auf drei Jahre. Die Humboldt Universität zu Berlin hat bereits auf einer Baumschulfläche der Firma Lorberg in Kleinziethen über 50 unterschiedliche Baumarten im Test. Es handelt sich dabei um Freilandversuche, jedoch vornehmlich ohne zusätzliche Stressfaktoren, wie sie an einem typischen Straßenstandort im innerstädtischen Bereich vorherrschen. Mit der Pflanzung an der Neuen Späthstraße erhalten die Bäume nun einen veritablen Praxistest. Geplant ist unter anderem auch das Anbringen von innovativen, temporären Spritzschutzvorrichtungen sowie von Bewässerungssets.

In Form von Blattproben sollen ab August schwerpunktmäßig verschiedene biochemische Marker im Labor untersucht werden. Aus den Ergebnissen sollen Frühindikatoren zur Beurteilung der Toleranz und Resistenz der untersuchten Arten gegenüber Wasserstress generiert werden können. Ergänzend werden Bodenproben am Pflanzort entnommen. (ts)