Fachgesellschaft kürt „Moos und Flechte des Jahres 2022“

Veröffentlichungsdatum: , Daniela Sickinger

Die Zähe Leimflechte und das Sparrige Kleingabelzahnmoos wurden von der Bryologisch-lichenologischen Arbeitsgemeinschaft für Mitteleuropa (BLAM) als „Moos und Flechte des Jahres 2022“ gewählt. Biologisch unterscheiden sich die beiden Arten zwar stark – gemeinsam haben sie jedoch eine lange Geschichte verwirrender Namensänderungen, berichtet das Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum.

Zähe Leimflechte mehrmals irrtümlich als „neue Art“ beschrieben

Die an offenen Stellen mit sandig-humosen bis tonig-lehmigen, basenreichen Böden oder in erdgefüllten Felsspalten sowie an Wegrändern, Deichen, aber auch an Mauern und in Pflasterfugen zu findende Zähe Leimflechte trägt gegenwärtig den wissenschaftlichen Namen Enchylium tenax. Dem Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt zufolge wurde die schwärzlich gefärbte Gallertflechtenart bereits Ende des 18. Jahrhunderts beschrieben – 1784 unter dem Namen Lichen tenax und 1797 ein weiteres Mal als Lichen pulposus. Ab 1810 sei sie dann etwa 200 Jahre lang unter dem wissenschaftlichen Namen Collema tenax geläufig gewesen, wurde von Fachleuten aber dennoch irrtümlich noch weitere 30 Mal als „neue Art“ beschrieben. 2013 habe sich dann im Zuge einer molekulargenetischen Untersuchung herausgestellt, dass die Art nicht zu Collema gehöre, sondern in eine „neue“ Gattung überführt werden müsse – für die allerdings der bereits 1821 in Umlauf gebrachte Name Enchylium zur Verfügung stand, so die Forscher.

Sparriges Kleingabelzahnmoos ebenfalls mehrfach umbenannt

Ähnlich liest sich auch die wechselhafte Namensgeschichte des Sparrigen Kleingabelzahnmooses (Diobelonella palustris), das den Forschern zufolge in einem bis zehn Zentimeter großen, weichen, gelbgrünen Rasen auftritt und deutschlandweit – unter anderem aufgrund der Entwässerung von Mooren und der Einfassung von Quellen – als „gefährdet“ eingestuft ist. 1801 wurde die Art als Bryum palustre und zwei Jahre später als Dicranum squarrosum beschrieben, berichtet das Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. 1873 wurde sie demnach in die Gattung Diobelon überführt, 1915 zu Anisothecium gestellt und 1962 in Dicranella eingegliedert. 1999 hätten dann erste genetische Untersuchungen gezeigt, dass die Art der Gattung Dichodontium nähersteht. Aufgrund anatomischer Unterschiede sei sie 2003 schließlich in der Gattung Diobelonella gelandet, was sich erst dieses Jahr durch neue genetische Untersuchungen habe bestätigen lassen.

„Biologische Nomenklatur soll eigentlich für Kontinuität sorgen“

„Eigentlich soll die biologische Nomenklatur für Kontinuität sorgen. Das ‚Problem‘ ist, dass sich unsere Kenntnisse zur Abgrenzung ähnlicher Arten fortwährend verbessern und dass der aus Gattung und Artzusatz gebildete Name gleichzeitig die Verwandtschaftsverhältnisse abbilden soll. Darunter leidet manchmal zwangsläufig die Stabilität der Benennung“, erläutert Dr. Volker Otte vom Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz. Das sei zwar lästig, Artenkenner könnten in der Regel aber auch mit älteren Namen etwas anfangen, so der dem BLAM-Vorstand angehörende Wissenschaftler.

Mit der Wahl von Diobelonella palustris und Enchylium tenax als „Moos und Flechte des Jahres 2022“ wollten die Mitglieder der Bryologisch-lichenologischen Arbeitsgemeinschaft für Mitteleuropa in diesem Jahr auf die zeitliche Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnisse hinweisen. „Daher haben wir die Taxonomie als aktuelles Thema gewählt“, so Ottes Kollege Dr. Christian Printzen vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. In den vergangenen Jahren seien dagegen vorwiegend ökologische Themen, wie der globale Klimawandel oder die Wirkungen bestimmter Umweltbelastungen, als Grundlage für die Wahl der Arten des Jahres verwendet worden.