Grüne Branche

Fachkräftemangel: „Gartenbau nutzt Chancen noch nicht genug“

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Bienen und Smoothies können nicht nur den Gartenbau retten, sie könnten ihm auch wieder zu mehr Fachkräften verhelfen. Aber nur dann, wenn die Branche es richtig angeht und der „Greta“-Bewegung mit guten, ehrlichen Argumenten begegnet, meint Prof. Dr. Bernhard Beßler, Leiter des Geschäftsbereichs Gartenbau bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen.

Den Gretas dieser Welt zeigen, was der Gartenbau zur Lösung ihrer Anliegen beiträgt

„Ich finde, der Berufsstand nutzt die Chancen, die sich ihm derzeit bieten, noch nicht genug“, sagt Beßler, der versucht, die Branche immer wieder auch in ihrer Außenwirkung zu betrachten. Nicht nur das Thema Ernährung sei ein Bereich, bei dem er es noch nicht geschafft habe, den Menschen die Verbindung zum Gartenbau zu vermitteln. Der Gartenbau produziere beispielsweise viele Nischenkulturen, die zu Ernährungstrends passten – wie Aronia, Sanddorn, Gojibeeren. Aber: „Wir verkaufen uns überhaupt nicht so. Die Brücke zum Nutzer klappt nicht.“

Das gelte im Prinzip für alle Sparten des Gartenbaus, ist sich Beßler sicher. „Zeigen wir doch den Gretas dieser Welt, was wir zur Lösung ihrer Anliegen beitragen.“ Das aber bitte ehrlich und fachlich richtig, warnt er: Der Gartenbau trage rein rechnerisch nur kurzfristig zur CO2-Bindung bei, fast kein Bereich der Grünen Branche könne, wenn man den gesamten Produktions- und Logistikprozess korrekt nachrechne, eine kompensierende oder sogar positive CO2-Bilanz vorweisen. Außer vielleicht die Forstbaumschulen, die Wälder klimastabil ausrüsten, ist er überzeugt. „Das CO2-Argument sollten wir keinesfalls bringen, das könnte uns sonst um die Ohren fliegen“, warnt Beßler.

Der Gartenbau habe auch so genug Argumente, um für potenzielle Fachkräfte gerade angesichts der derzeitigen Klima- und Ökobewegung attraktiv zu sein: Energieeffiziente Produktionsweisen, Nützlingseinsatz, Torfersatz, umweltbewusste Strategien seien im Gartenbau best practice, gängig, und das Bewusstsein für eine umweltbewusste Produktion gewinne bei immer mehr grünen Unternehmern spürbar an Bedeutung.

Gartenbau hat „durchaus Berührungspunkte mit Fridays for Future“

„Wenn wir junge Menschen für unseren Beruf begeistern wollen, dann müssen wir ihnen vermitteln: Du kannst uns helfen, kannst mitwirken, unsere Arbeit immer umweltbewusster zu machen“, schlägt Beßler eine Argumentation vor. „Ich finde, wir haben da durchaus Berührungspunkte mit den Gedanken der ‚Fridays for Future‘-Bewegung.“ Als ein Zeichen in diese Richtung wertet der Gartenbau-Experte, dass die Zahl der Gemüsebaumeister im Gartenbau wieder ansteige. „Das lässt sich durchaus als eine Auswirkung des Öko-Gemüsetrends deuten“, so Beßler.

Fraglich ist für ihn allerdings, ob die Branche wirklich an einem „Fachkräftemangel“ leide. Das sei vielleicht eher eine Sache der Definition: „Gibt es tatsächlich einen Fachkräftemangel – oder ist es nicht oft eine verklärte Sicht auf die Suche nach einem Universalgenie, das wir uns erhoffen?“, provoziert er bewusst. Zu fragen sei immer, ob man wirklich einen Gärtnermeister oder Gartenbau-Ingenieur suche – oder ob es manchmal nicht eigentlich ganz andere Qualifikationen und Ausbildungen seien, die eine bestimmte Stelle erfordere.

Quereinsteiger haben sich im Gartenbau schon immer bewährt

Statt sich, einfach, weil gewohnt, im bestehenden linearen Bildungssystem bedienen zu wollen, sollte jeder Betrieb erst einmal bewusst hinterfragen: Welche Art von Fachkraft suche ich eigentlich? Welche Schlüsselqualifikationen braucht sie? Finde ich die unter Umständen vielleicht nicht eher in einer anderen Branche, als Mensch mit einer „grünen Seele“, einem Interesse für die Grüne Branche – und schule sie dann im speziellen Fachwissen? In der Branche haben sich, wie zahlreiche Praxisbeispiele zeigen, immer auch schon Quereinsteiger bewährt, die ihr externes Wissen sinn- und erfolgbringend einbringen.

Warum Beßler die im Gartenbau übliche Bezahlung bei der Anwerbung von Fachkräften aus anderen Branchen dabei gar nicht als großes Problem ansieht, sondern eher die Arbeitszeitmodelle der Grünen Branche, lesen Sie im aktuellen TASPO dossier IV/19 „Fachkräftemangel: Wie finden wir trotzdem Mitarbeiter?“, das in unserem Online-Shop abrufbar ist.