Grüne Branche

GaLaBau-Fachtagung in Hamburg: Zielgruppengenaues Bauen für sich ändernde Ansprüche

Wer wissen wollte, auf welche Kunden, Wünsche und Ansprüche er sich künftig einstellen muss, dem gab Prof. Dr. Volker Eichener einen Überblick über aktuelle Entwicklungen und Trends in der Garten- und Freiraumnutzung. An mehreren Beispielen zeigte er zukunftsweisende Lösungen für eine attraktive Freiraumgestaltung auch angesichts des demographischen Wandels und sich ändernder Lebensstile. Der Geschäftsführer des Instituts für Wohnungswesen Immobilienwirtschaft Stadt- und Regionalplanung GmbH (InWIS) und Professor an der Fachhochschule Düsseldorf kam auf Einladung des Fachverbandes Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Hamburg zur GaLaBau-Fachtagung Anfang Februar in die Hansestadt.

Eichener macht zwei gesellschaftliche Hauptströmungen aus: Pluralismus und Individualisierung. Es existieren unterschiedlichste Lebensstile für verschiedene soziale Milieus. Die Typen werden immer origineller und individueller und es gibt eine Individualisierung des Geschmacks. Das heißt für die GaLaBau-Branche, der Garten muss nicht dem Gartendesigner gefallen, wohl aber dem Kunden. Dabei kommen dem Garten schon heute eine Vielfalt an Funktionen zu. Aus ästhetischer Sicht soll der Garten schön, beruhigend oder interessant sein. Der Gartenbesitzer will mit ihm seine Gäste, seine Nachbarn beeindrucken, sich von anderen unterscheiden. Der Garten repräsentiert Reichtum, Tüchtigkeit, Stil, Geschmack, Kultur, soziale Zugehörigkeit und den Lebensstil seines Bewohners. In seiner Spielfunktion kann er Raum für unterschiedliche Altersgruppen bieten: für Fußball, Fitness, Spielbereiche für Kleinkinder, Besucherkinder oder Enkel. Mit Sitzplatz, Regenschutz, Feuerstelle, Grill oder einer Bar dient er als Ort des Feierns und der Erholung. Der Garten fungiert auch als erweiterter Wohnraum durch Ausblick, erweiterten Essplatz, Sitzmöglichkeiten auf der Terrasse und dank neuester Technik auch als Büro im Freien. Darüber hinaus hat er die Funktion als Erlebnisraum, für Meditation und Esoterik, dient aber auch der Versorgung. Im Garten geht der Trend laut Prof. Dr. Eichener zu Repräsentation mit mediterranem Touch, aber auch zu Symbolik und Feng Shui und zur Aufwertung des heimischen Grüns mit Skulpturen und Accessoires. Nachfragt werden Spielgeräte für Erwachsene, Regenwasseranlagen, Kamine und neuerdings auch Holzlagerplätze. Der demographische Wandel führt zu mehr Wohnungsleerständen. Eichener plädiert daher für zielgruppengenaues Bauen, das heißt, es müssen Produkte angeboten werden, die in Bezug auf Standort, Ambiente und Preis genau auf die konkrete Zielgruppe ausgerichtet sind. Als ein Beispiel stellte Eichener ein exklusives Wohngebiet vor: Zu dem teuren Standort gehört ein entsprechendes Ambiente, dementsprechend wurde die Erschließungsstraße als Boulevard gestaltet. Postfamiliäre Familien, deren Kinder aus dem Haus sind, verlangen nach Komfortwohnungen, bei denen große Balkone den fehlenden Garten ausgleichen und ihrem Repräsentationsbedürfnis nachkommen. Bei modernen Lifestyle-Gruppen ist eine neue Urbanität angesagt, dazu gehören auch Sitzmöglichkeiten im Freien. Eichener zeigte beispielsweise eine Wohnung mit Freisitz am Wasser, wobei nicht dessen Größe das entscheidende Kriterium ist. Der Soziologe zitierte eine Untersuchung aus den Niederlanden, wonach ein Quadratmeter Wasserfläche, den gleichen Wert wie fünf Quadratmeter Landfläche habe. Demgegenüber sind im Wohnungsbestand Schmuddelecken zu vermeiden. Sie werten Standorte ab. Eine Wohnanlage wird als gut bezeichnet, wenn sie sicher ist. Und wie eine Studie ergab, ist sicher gleichbedeutend mit ordentlich gepflegt. Wird beispielsweise Abfall illegal entsorgt, wird daraus auf andere Formen der Kriminalität geschlossen. Für eine Wohnungsbaugesellschaft kann das beispielsweise zu einem Preisabschlag von 20.000 Euro pro Wohnung führen. Eichener plädiert dafür, Kristallisationspunkte für Nachbarn zu schaffen. Er zeigte ein Beispiel der Bestandsaufwertung in Wetzlar. Dort schuf eine Wohnungsbaugesellschaft in einer Siedlung mit Zeilenhäusern aus den 50er Jahren einen Skulpturengarten. Dass Freiflächen auch inmitten teurer Innenstadtlagen zu realisieren sind, beweist ein Beispiel aus Zürich. In einem Neubaugebiet entstand ein vertikaler Park mitten in der Stadt. Das größte Risiko für die Wohnungswirtschaft besteht nach Ansicht Eicheners im Wohnungsleerstand angesichts schrumpfender Märkte. Dabei denken die Unternehmen in Kosten, wichtig sei es aber in Erträgen zu denken. Für die Zukunft prognostiziert Eichener weniger Familien, weniger Einfamilienhäuser und damit weniger Gärten. Was sich auch unmittelbar auf den GaLaBau auswirken wird. Aber neue Gruppen verlangen nach Gärten, allerdings mit einer anderen Funktion. Die grüne Branche muss sich auf vielfältigere Zielgruppen einstellen, muss vielfältigere Produkte und Stile anbieten. Das eröffnet wiederum neue Chancen.