Grüne Branche

Gartenbautag: Backhaus für „Netzwerk der Gartenbauwissenschaften“

Rund ein halbes Jahr lang stand das Schweriner Schloss zur Bundesgartenschau 2009 im Zentrum des Interesses des Gartenbaus. Jetzt war das Schloss erneut Schauplatz für den Berufsstand: Hier fand der Gartenbautag 2011 für Mecklenburg-Vorpommern statt. War die Buga vor zwei Jahren eine überaus erfolgreiche Veranstaltung, der Gartenbautag Anfang Dezember begann nicht gerade mit euphorischen Tönen.

An der Podiumsdiskussion nahmen Vertreter aus Politik und Gartenbau teil, Moderation Jürgen Drewes (rechts). Foto: Gert Steinhagen

Eingeladen hatten die Landwirtschaftsberatung MV/SH (LMS) gemeinsam mit der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei MV, dem Landesamt für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei – Pflanzenschutzdienst MV (LALLF), dem Verband Obst und Gemüse, dem Gartenbauverband Nord, dem Landesverband MV im Bund deutscher Baumschulen und der Arbeitsgemeinschaft Integrierte Produktion Mecklenburg-Vorpommern. An der Veranstaltung nahmen auch Landwirtschaftsminister Dr. Till Backhaus sowie Vertreter der Landtagsfraktionen der Linken und der Bündnisgrünen teil. Die Liste der Akteure macht deutlich: Der Gartenbautag 2011 beschäftigte sich mit der gesamten Bandbreite des Gartenbaus.

Die Teilnehmer waren sich alle einig: Das zurückliegende Jahr war für die Obst- und Gemüsebauern äußerst schwierig. Besonders die EHEC-Krise machte den Gemüseproduzenten zu schaffen. Die Verbraucherzurückhaltung führte zu dramatischen Umsatzeinbußen. Einzig die Direktvermarkter konnten auf ein gleichbleibendes, teilweise sogar besseres Ergebnis als im Vorjahr verweisen. Auch im Obstbau gab es Einbußen beim Apfelanbau durch Spätfröste und Spätschorf sowie bei Kirschen durch Platzen infolge starker Regenfälle im Juli und August.

Die Geschäftsführerin der LMS, Monika Berlik, machte in ihrem Eröffnungsreferat aber auch deutlich, dass die Gartenbaubranche in Mecklenburg-Vorpommern trotz aller Probleme Qualitätsprodukte auf den Markt bringt. Und zusammen mit Nischenprodukten wie beispielsweise Sanddorn sei die Angebotspalette unverwechselbar. Das oberste Ziel heiße weiterhin Wettbewerbsfähigkeit, so Berlik. Ein wesentlicher Faktor dies zu halten, ist die länderübergreifende Zusammenarbeit von sechs Bundesländern in acht sogenannten Kompetenzzentren für den Gartenbau. Diese hätten sich als ein wesentlicher und richtiger Schritt erwiesen, um den Wissenstransfer zu verbessern.

Landwirtschaftsminister Backhaus hob hervor, dass die Gartenbaubranche in Mecklenburg-Vorpommern derzeit mehr Mitarbeiter beschäftigt, als die Werften im Land. In 500 Betrieben bewirtschaften 4.000 Beschäftigte rund 4.500 Hektar. Der gartenbauliche Schwerpunkt liegt im Obst- und Gemüsebau. Backhaus verwies außerdem auf die Bedeutung der Zierpflanzenbetriebe, Friedhofsgärtnereien oder auch Landschaftsbaubetriebe für die Zahl der Arbeitsplätze im ländlichen Raum. Der Gesamterlös liegt bei 60 Millionen Euro. „Innerhalb der Landwirtschaft ist der Gartenbau im Land eine äußerst innovative Branche“, lobte Backhaus. Aber auch er konstatierte Probleme im Jahr 2011.

Backhaus ging ausführlich auf die EHEC-Krise ein. Die Folgen seien bis jetzt nicht überwunden. Das Auftauchen des EHEC-Erregers machte aber auch deutlich, dass es einen Nachholbedarf in puncto Notfallplänen und Abstimmungen bei Obst und Gemüse im Vergleich zu anderen landwirtschaftlichen Produkten gab. „Hier haben wir inzwischen nachgebessert.“

Fazit der Gartenbaubetriebe für das zurückliegende Jahr: Es wurde das Schlimmste befürchtet. Die meisten Unternehmen konnten die überaus schwierige Situation aber verkraften. „Umstrukturierungen, Optimierungen und Kostensenkungen haben sich ausgezahlt“, sagte Landwirtschaftsminister Backhaus.

Es bleibt aber noch einiges zu tun, um den Gartenbau in Mecklenburg-Vorpommern auch in Zukunft zu sichern. „Wir sind der Vorgarten für Hamburg und Berlin“, sagte der Minister. „Das ist eine Herausforderung, aber auch eine große Chance.“ Till Backhaus kündigte einen Masterplan „Landwirtschaft und Ernährung“ an. Damit sollen Innovationen und Verbrauchertransparenz sowie umweltschonende Anbauverfahren weiter befördert und entwickelt werden. Gleichzeitig geht es um einen Beitrag zur Entwicklung des ländlichen Raumes. „Wir wollen so auch die Einkommen sichern“, sagte Backhaus. „Es ist ganz klar: Den Gartenbaubetrieb der 50er Jahre wird es nicht mehr geben.“
Neben den bereits bestehenden Förderprogrammen kündigte der Minister bis 2013 eine Unterstützung für die Anschaffung von moderner Beregnungstechnik an. Dabei soll insbesondere die Frostberegnung für Obst zum Thema gemacht werden.

Die Gartenbaubetriebe in Mecklenburg-Vorpommern sind in Deutschland nicht die größten Produzenten von Obst und Gemüse. Sie bewirtschaften aber die größten Flächen. Ein nicht zu unterschätzendes Potenzial für die weitere Entwicklung, insbesondere für Nischenprodukte. Dieses Fazit zog Prof. Dr. Wolfgang Bokelmann, Vorsitzender der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich auch kleinere Produzenten dem internationalen Wettbewerb stellen müssen.

Zwar beträgt der Anteil des Gartenbaus am Produktionswert bei Obst und Gemüse in Deutschland nur sieben Prozent. Im EU-Mittel liegt er jedoch bei 16,9 Prozent und in Spanien sogar bei fast 30 Prozent. Damit gewinnt der Gartenbau in Deutschland an Bedeutung, nimmt gegenüber anderen europäischen Ländern nur einen relativ geringen Anteil für sich in Anspruch. Das Fazit: Der Preis in Spanien beeinflusst den Preis in Deutschland.

Eine Herausforderung für die Gartenbaubranche ist nach den Worten von Wolfgang Bokelmann der Anteil der Supermarktketten am Gesamtabsatz. In Deutschland liegt er bei 80 Prozent und ist damit etwa so hoch wie in Dänemark, Finnland oder Schweden. Die Betriebe hängen stark von einem internationalen Markt ab und sind dessen Preisrisiken ausgesetzt. Dadurch sind Entscheidungen zu Investitionen und strategischen Entwicklungen der Unternehmen schwierig. „Der Einzelhandel bestimmt stärker, was in den Betrieben passiert, als die Politik“, so Bokelmann. Das Ziel müsste lauten: Weg vom Einzelhandel, hin zur Direktvermarktung. „Ich habe aber meine Zweifel, dass das in größerem Maße gelingt.“

Prof. Dr. Wolfgang Bokelmann analysierte weitere mögliche Entwicklungsziele. So arbeitete er heraus, dass nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung der Pro-Kopf-Verbrauch an Obst und Gemüse derzeit in Deutschland nur 50 bis 60 Prozent der empfohlenen Menge beträgt. Dazu kommt der demografische Wandel. Um wenigstens einen konstanten Konsum zu erreichen, muss stärker auf gesunde Ernährung gesetzt werden. Das Problem: „Wir leben immer mehr in einer Auditierungsgesellschaft“, so Bokelmann. „Und die Flut an Qualitätssiegeln wird zunehmen.“ Das ist für die Verbraucher unübersichtlich. „Trotzdem wird die Ökologie immer stärker alle Betriebe beschäftigen. Ob wir wollen oder nicht.“ Der Druck werde zunehmen, böte aber auch Chancen, beispielsweise auf neuen Märkten.

Bokelmann machte deutlich, dass die klassische Arbeitsteilung „ihr produziert, wir vermarkten“ unter sich ändernden äußeren Bedingungen nicht mehr zeitgemäß ist. Erforderlich sei zum einen eine stärkere Produktdifferenzierung. „Weg von nur einem Produkt.“ Zum anderen seien Kooperationen zur Schaffung von Wertschöpfungspartnerschaften nötig. In Irland und den Niederlanden gibt es beispielsweise dreimal so viele Erzeugerorganisationen wie in Deutschland. Hier bestehe Nachholbedarf. Die Stichworte von Bokelmann: Markenbildung, zertifizierte, regionale Produkte, Service, Just-in Time-Produktion, bedarfsorientierte Belieferung. „Unter Beachtung dieser Punkte werden es gute Betriebe immer wieder schaffen, sich anzupassen und auskömmliche Einkommen zu erzielen.“

Auf dem Podium nahmen Vertreter des Gartenbaus und Politiker Platz. Neben Landwirtschaftsminister Till Backhaus waren der Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses des Landtages Mecklenburg-Vorpommern Fritz Tack für die Partei Die Linke und Jutta Gerkan für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen dabei. Für die Fachbranche waren Dr. Siegfried Scholz, Generalsekretär des Zentralverbandes Gartenbau, Günther Brandt, Vorsitzender des Verbandes Mecklenburger Obst und Gemüse, Andreas Lohff, Präsident des Gartenbauverbandes Nord und Prof. Dr. Wolfgang Bokelmann vertreten.
Es ergab sich unter der Moderation des Journalisten Jürgen Drewes ein interessantes Gespräch, bei dem zwar keine konträren Positionen, aber einige interessante Aspekte deutlich wurden.

So regte Till Backhaus an, ein „Netzwerk der Gartenbauwissenschaften“ zu schaffen. Ein richtiger Schritt, wie Fritz Tack betonte. „Wir brauchen mehr Forschung von der Züchtung bis zur Vermarktung.“ Vor allem die praxisbezogene Forschung sei „unterbelichtet“. Eine Akademie für den Gartenbau wurde ins Gespräch gebracht. Till Backhaus musste andererseits aber auch eingestehen: „Ich hatte mal einen Rat für Landwirtschaft ins Leben gerufen – der ist leider eingeschlafen.“ Als erster Schritt sollte der wieder belebt werden, so Tack.

Einen breiten Raum des Podiumsgespräches nahm die Vermarktung ein. „Wir sind von den großen Discountern abhängig“, so Backhaus. „Lidl, Aldi, Rewe und Edeka – das sind die Banausen.“ Anregung von Günther Brandt: Die Zusammenarbeit mit großen Vermarktern, um eine stärkere Position gegenüber dem bestimmenden Einzelhandel zu haben.

Ebenfalls Themen: Stärkere Ausbildung des Nachwuchses, Einstellung auf den Klimawandel – „Wir werden das Spanien des Nordens“, Neuzüchtungen – „Neue Pflanzen braucht das Land“, mehr Kreativität bei der Vermarktung – „Der Obstmarkt findet nicht bei den Discountern statt“, Erhöhung der Effektivität – „Nur die Technik macht es nicht, Know-how ist gefragt“.

Andreas Lohff brachte weitere Themen zur Sprache. „Wir brauchen Gartenschauen. Die sehr erfolgreichen Veranstaltungen in Koblenz und Schwerin haben es gezeigt.“ Eine Landesgartenschau für Mecklenburg-Vorpommern hatte Landwirtschaftsminister Backhaus schon vor langer Zeit in Aussicht gestellt. Wir brauchen endlich eine Entscheidung“, so Lohff.

Der Präsident betonte, dass der Schlüssel allen Handelns der Gärtner bei den Betrieben selbst zu suchen ist. „Schwierigkeiten werden durch Engagement kompensiert. Bei uns hat die Woche sieben Tage.“ Wenn es um die Zukunft der Branche geht, so Lohff, gibt es für alle Beteiligten aus Politik und Wissenschaft nur eine Möglichkeit: „Wir müssen miteinander reden. Die Gärtner haben die Antwort!“ (Gert Steinhagen)