Grüne Branche

Gebietsheimische Gehölze: Zwischen Gesetz und Realität

Und wie lässt sich Saatgut in ausreichender Menge sicherstellen?

Die Umsetzung des novellierten Bundesnaturschutzgesetzes (BNatG), das die zukünftige Verwendung nur heimischer Gehölze in der freien Landschaft vorschreibt, und dessen Einfluss auf die Forstbaumschulen waren das zentrale Thema. Darüber diskutierten die Mitglieder des Verbandes deutscher Forstbaumschulen e.V. (VDF) der Region West sowie interessierte Gäste Anfang Februar in Arnsberg. Nach Auffassung von Peter-Josef Selders, VFD-Vorsitzender, und Verbandsgeschäftsführer Alain Paul sind die Anforderungen des BNatG nur durch den Aufbau stabiler und großzügiger Samenplantagen zu bewältigen.

Forstbaumschulen gehen davon aus, dass die Saatguternte für gebietsheimische Gehölze aufwendig und teuer wird. Foto: Landesbetrieb Wald und Forst NRW

Der Aufbau solcher Plantagen sei aber nur möglich, wenn Gehölz-Saatgut immer in ausreichender Menge vorhanden ist. Deshalb wünschen sich die deutschen Forstbaumschuler von den Ländern oder vom Bund Unterstützung oder Hilfestellung bei der Anlage von Samenplantagen. Nach Beginn der Fruktifikation könnten diese von privaten Betrieben beerntet werden, um die Saatgutversorgung sicherzustellen und damit auch die Anzucht von gebietsheimischen Gehölzen auf den Weg zu bringen.

Wenn sich die einzelnen Bundesländer ausklinken und eine Hilfe bei der Entwicklung der Erntebestände und der Versorgung ablehnen, sehe die Zukunft der Forstbaumschulen düster aus. Die Vorgaben des Gesetzes werden dann kaum realisiert und der Bedarf an heimischen Pflanzen in großen Regionen nicht gedeckt werden können, befürchten Selders und Paul.

Auf dem Treffen angesprochen wurden unter anderem die Beschaffungsprobleme beim gebietsheimischen Vermehrungsgut, weil der Beernter stellenweise wesentlich weitere Laufwege im Gelände zwischen den Sträuchern/Bäumen zurücklegen muss, um die nach dem FoVG aus genetischer Sicht zwingend erforderliche Mindest-Individuenzahl von 20 bei Saatgut oder Steckholz zusammenzubekommen. Das gilt besonders bei Vorkommen, die arm an Individuen sind, etwa gemischte Hecken mit einzelnen Pflanzen konkurrenzschwacher Arten.

Andererseits gebe es Schwierigkeiten bei der Erfassung, denn einige Straucharten vermehren sich sehr gut und rasch durch Wurzelbrut (beispielsweise Schlehe). So können unter günstigen Bedingungen einzelne Klone so große Horste bilden, dass sie optisch nicht mehr von benachbarten Klonen abzugrenzen sind. Naturverjüngungen von Mutterstrauch-nah aufgelaufenem Saatgut stellen bedingt eine genetische Einengung dar, da sie von anderen Klonen nicht ohne weiteres unterschieden werden können.

Durch die Ausdehnung von Horsten einzelner Klone als auch weniger Klone kann die Ernte unter Umständen nur an den Außenrändern erfolgen. Eventuell im Inneren vorhandene weitere Klone werden nicht erreicht. Sie fließen also nicht in die Mischung ein, obwohl das Vorkommen als Ganzes mehr als die gewünschte Mindestanzahl an Klonen zu bieten hat.

Bemängelt wird auch, dass geeignete, einheitliche Mindeststandards in Deutschland bisher fehlen, stattdessen gibt es unterschiedliche Fassungen (Werkverträge oder Diplomarbeiten in den einzelnen Landesteilen Nordrhein-Westfalens). Kartierungen und Erfassungen würden regional unterschiedlich durch mehrere Institutionen und offizielle Stellen nebeneinander vorgenommen, manchmal auf hohem botanisch-wissenschaftlichem Niveau, aber ohne die praktischen Belange der Ernte zu berücksichtigen wie Mindestanzahl von Klonen oder Hinweise auf früher getätigte Pflanzungen oder Flurbereinigungen. Dies verdeutliche, wie problematisch und aufwendig eine Ernte in der Natur sei.

„Preise für Saatgut sonst kaum bezahlbar“
Der VFD möchte daher die Befürworter dieses Gesetzes in die Pflicht nehmen, die Anlage von Samenplantagen wohlwollend mitzutragen und auch zu finanzieren. Ohne Samenplantagen werden die Preise für gebietsheimisches Saatgut kaum zu bezahlen sein, was im Nachhinein doch zu Lasten des Staates ginge, prophezeien die beiden Verbandsvertreter. Nach groben Schätzungen werden in den Herkunftsgebieten 1–4, die teilweise im Gebiet der Ländergruppe West liegen, etwa 100 Hektar Samenplantagen benötigt, besonders für Haselnuss, Weißdorn, Schlehe und einige mehr.

Bislang fehlen, so ein weiterer Kritikpunkt des VFD, auch noch Vorgaben bezüglich der Trennung oder Mischung von Herkunftsgebietspartien. Der VDF fragt weiterhin, wie kontrolliert werden soll, ob die Ernte korrekt durchgeführt wurde, das heißt, ob die Mindestanzahl an Individuen in der Praxis auch tatsächlich beerntet wurde und dass in der Saatgutpartie genetisch ausreichend verschiedene Elternklone vertreten sind. Angesichts der hohen Erntekosten bestehe zumindest die Versuchung, eine geringere als die erforderliche Mindestanzahl an Klonen zu beernten.

Der Verband erhofft sich darüber hinaus für die vorgesehenen Kontrollen für gebietsheimische Gehölze eine in allen Ländern gleiche Vorgehensweise. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise wird geerntetes Saatgut des Lehr- und Versuchsforstamtes Arnsberg ausnahmslos mit einer Rückstellprobe ausgeliefert. Wegen personeller Veränderungen im nordrhein-westfälischen Umweltministerium herrsche aber noch Unklarheit, wie das Bundesgesetz in Landesrecht umgesetzt werde. Abgesehen von den inzwischen durchgesetzten nur sechs Herkunftsgebieten wünscht sich der VDF zwei Kontrollmöglichkeiten (Plausibilitätserklärung oder genetischer Fingerabdruck/Rückstellprobe), das Erstellen eines Katasters für gebietsheimische Gehölze, einen Umsetzungszeitrahmen bis zum Jahr 2020, die Beibehaltung von Austauschgebieten, die laut Gesetz ab 2020 nicht mehr möglich sein sollen, und nicht zuletzt, das Bundesumweltministerium möge seine Äußerung wieder zurücknehmen, dass es in den Baumschulen ab 2020 möglichst keine nicht-gebietsheimischen Sträucher mehr geben soll.

„Unterschiedlicher Rechtscharakter“
Gerade die als „heimisch“ identifizierten Bestände liegen oft in bestehenden alten Schutzgebieten. Aber gerade diese im besonderen Fokus der Erntebestand-Suchenden stehenden Gebiete haben sehr unterschiedliche Rechtscharakter. Die unteren Landschaftsbehörden müssen die Beernter von den naturschutzrechtlichen Bestimmungen befreien, damit diese in den Naturschutzgebieten ernten können. Bisher hätten die Behörden sich auf Einzelfallnachfragen durch die Schwerpunktaufgabe Waldbau, Beratungsstelle für Forstvermehrungsgut beim Lehr- und Versuchsforstamt Arnsberger Wald, kooperativ erwiesen und es als in ihrem Ermessensbereich liegende Entscheidung behandelt. Grundsätzlich haben sie aber keine gesetzliche Grundlage, privaten Unternehmern eine Ernteerlaubnis zu erteilen, also auch nicht die Reiserwerbung, also das Schneiden von Pflanzen und Pflanzenteilen.

Andererseits führen Naturschutzbehörden, Verbände oder Biologische Stationen im Rahmen der Flächenpflege von Naturschutzgebieten (etwa Wacholderheiden) oder wegen anderer lokaler Zielsetzungen regelmäßig Rückschnitte durch und entfernen Sträucher. Diese sich gegenüberstehenden unterschiedlichen Zielsetzungen und Interessen bedürfen einer Abstimmung, meint der VDF.

Die Eigentums- und Besitzverhältnisse sind oft nicht ohne Weiteres klar und befinden sich zudem durch Erbfolge und Verkauf in ständigem Wandel. Eine Klärung sei unverhältnismäßig aufwendig bis unmöglich, weil die Erben häufig weit entfernt lebten, schwer zu ermitteln seien und nur wenig Interesse hätten. Die Strauchvorkommen erstreckten sich zudem in der Regel über mehrere Flurstücke und gehörten somit häufig mehreren Eigentümern. Der Kontakt zwischen den verschiedenen Eigentümern und Besitzern sei dabei nicht immer gut. Gut möglich also, dass ein Teil der Eigentümer – wenn überhaupt erreichbar – mit einer Beerntung einverstanden sei, das Vorkommen aber wegen der erforderlichen Mindestanzahl von Klonen in der Erntemischung nicht beerntet werden kann, weil ohne das Einverständnis der anderen Eigentümer zu wenige Klone vor Ort zugänglich sind.

Noch schwieriger werde es bei Pachtverhältnissen: Auch der Pächter von Weiden und Wiesen muss mit dem Betreten der Flächen und der Beerntung einverstanden sein, denn die Rechte und Pflichten des Besitzers werden mit der Verpachtung auf den Pächter übertragen. Die Einverständniserklärung des Eigentümers ist da nur bedingt verwendbar.

Bislang vollkommen unberücksichtigt seien außerdem Fragen nach einer Haftung des Besitzers oder Eigentümers für Schäden im Falle eines Unfalls, etwa durch Kontakt mit Weidevieh, Wildrindern, Ziegen etc. oder Elektrozäunen oder ungesicherten Gefahrenstellen.

Zusätzliche Erschwernisse für ihre Mitglieder befürchten Selders und Paul als Repräsentanten des VFD auch wegen gegensätzlicher gesetzlicher Zielsetzungen. Die Verbuschung von Grünlandflächen sei aus Sicht der Forstbaumschulen zwar positiv zu sehen, stehe den Anforderungen der Landwirtschaftskammer und den Interessen von Eigentümern/Pächtern, die der Ernte von gebietsheimischem Vermehrungsgut eigentlich aufgeschlossen gegenüberstehen, aber entgegen, denn bei einem zu hohen Verbuschungsgrad kann die Zahlung der Grünlandprämie gestrichen werden. Eine Erntepachtentschädigung für Saatgut, das nicht jedes Jahr in kalkulierbaren Mengen geerntet werden könne, kann unter Umständen den Verlust der Grünlandprämie nicht ausgleichen.