Grüne Branche

Grüne Branche: Vorbereitung auf Brexit unmöglich – oder doch?

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Der Brexit rückt näher: Am 29. März wird Großbritannien aller Voraussicht nach aus der EU austreten. Eine Folge davon werden diverse Handelsabkommen sein – welche genau, lässt sich bis dato noch nicht abschätzen. Verbände und Behörden fordern Unternehmen dennoch auf, sich aktiv auf kommende Veränderungen einzustellen. „Unmöglich“, erklärten Vertreter der Grünen Branche einstimmig in einer aktuellen Umfrage.

Der Brexit wird auch für den Handel mit Blumen und Pflanzen Konsequenzen haben – auch wenn die Branche bis dato noch nicht genau weiß, was nach dem EU-Ausstieg Großbritanniens auf sie zukommt. Foto: Groen-Direkt

„Brexit wird erhebliche Auswirkungen auf Tagesgeschäft haben“

Bereits bekannt ist, dass sich Betriebe aus Landwirtschaft und Gartenbau im Zuge des Brexit auf zusätzliche Anforderungen in puncto Pflanzenschutz-Kontrollen, Bescheinigungen oder Zollformalitäten einstellen müssen – längere Lieferzeiten und höhere Kosten inklusive. Wie kann sich die Grüne Branche darauf vorbereiten?, wollten die Veranstalter der internationalen Fachmesse Groen-Direkt deshalb von Besuchern und Ausstellern wissen.

„Der Brexit wird erhebliche Auswirkungen auf das Tagesgeschäft haben, auch wenn wir noch nicht abschätzen können, was das konkret für unseren Betrieb bedeutet“, sagt Han van der Hooning von der auf Salix spezialisierten Baumschule Bontekoe im niederländischen Boskoop. „Wir exportieren unsere Produkte in den gesamten europäischen Markt, und Großbritannien ist Teil dieses Marktes.“

Unternehmen prüfen bereits andere Märkte

Verzögerungen beim Transport und höhere Handelskosten werden unvermeidlich sein, so van der Hoonings Einschätzung. „Wir prüfen jetzt andere Märkte wie Skandinavien, Polen und Lettland, und einige Exporteure tun dies auch. Weiter gehen unsere Vorbereitungen bis dato nicht.“

Abgesehen von Formulierungen wie „vorbehaltlich der Brexit-Bedingungen“ in Verträgen mit Exporteuren, war van der Hooning noch nicht wirklich mit größeren Effekten von Großbritanniens EU-Ausstieg konfrontiert. Als größten Vorteil sieht er die derzeit positive Marktstimmung mit einer hohen Nachfrage nach Gartenpflanzen in allen anderen Ländern.

„Niemand kann Folgen des Brexit vorhersagen“

„Das Verschwinden des britischen Markts hätte also keine allzu großen Auswirkungen auf die Gewinne, auch wenn Großbritannien weiterhin einen großen Teil unseres Umsatzes ausmachen sollte. Dasselbe gilt für viele andere Erzeuger, die Produkte nach Großbritannien exportieren“, so van der Hoonings Fazit.

Die Gründung einer britischen Gesellschaft mit beschränkter Haftung in Erwägung gezogen hat dagegen bereits die ebenfalls in Boskoop ansässige Baumschule G.C. Stolwijk & Co. b.v., „aber niemand kann die Folgen des Brexit vorhersagen – wirklich niemand“, sagt Hans Stolwijk. Wenig aussagekräftig sei auch der „Brexit Impact Scan“ der niederländischen Regierung.

Großbritannien als Markt aufgeben ist keine Option

„Wir beabsichtigen deshalb, keine kostenintensiven Vorbereitungen zu treffen. Alles, was wir an Vorkehrungen getroffen haben, sind die Brexit-bezogenen Zollformalitäten, die wir mit unseren Transport-Unternehmen bereits vereinbart haben. Solange keine genaueren Informationen vorliegen, werden wir keine weiteren Maßnahmen ergreifen“, so der Vertriebsleiter für Großbritannien.

Stolwijks Firma pflegt seit rund achtzig Jahren Geschäftsbeziehungen mit dem Vereinigten Königreich, etwa 70 Prozent seiner Bäume und Gartenpflanzen exportiert der Betrieb nach Großbritannien – diesen Markt einfach aufzugeben, ist für Stolwijk somit keine Option.

„Eine der größten Konsequenzen des Brexit wird sein, unsere Arbeitsweise verändern zu müssen. Inspektionen und Zollformalitäten werden uns weniger flexibel machen“, glaubt Stolwijk. „Derzeit stellen wir sicher, dass sämtliche Bestellungen am nächsten Tag ausgeliefert werden können – das wird bald nicht mehr möglich sein.“

Britisches Gartencenter produziert Pflanzen vermehrt selbst

Cooks Gartencenter im britischen Stourport-on-Severn hat im Hinblick auf den EU-Ausstieg Großbritanniens damit begonnen, Pflanzen vermehrt selbst zu produzieren. „Gartenpflanzen zu importieren dürfte nach dem Brexit vermutlich deutlich teurer werden“, befürchtet Inhaber Paul Cook. Aufgrund der längeren Lieferzeiten beim Import von Gartenpflanzen stellt sich Cook zudem darauf ein, seine Lagerbestände zu erhöhen. „Ich kann mir vorstellen, dass bestimmte Arten von Pflanzen im Vereinigten Königreich einfach nicht mehr verfügbar sein werden, oder öfter als bisher durch andere ersetzt werden müssen“, so Cook weiter.

„Abzuwarten ist, welche Pflanzen ich mir für den Import leisten kann, wobei der Wechselkurs ein unsicherer Faktor ist. Sollte er dramatisch sinken, werde ich nicht mehr an Veranstaltungen wie der Chelsea Flower Show teilnehmen können.“

Transport-Unternehmen bereiten sich auf „Worst-Case-Szenario“ vor

Mithilfe der Medien, des „Brexit Impact Scan“ der niederländischen Regierung und Informationen seitens des niederländischen Verbands für Transport und Logistik TLN bereitet sich das Logistik-Unternehmen Windhorst Transport BV in Hazerswoude auf die Folgen des EU-Ausstiegs vor – unmittelbar nach dem Brexit-Referendum habe Windhorst damit begonnen, wie Verkaufsleiter Paul Smit erklärt. Dabei stelle sich der Betrieb bereits auf die schlechtmöglichsten Verhandlungsergebnisse ein, um Enttäuschungen zu vermeiden.

„Zusätzlich zu unserem bereits existierenden System für den Export von Waren außerhalb Europas haben wir jetzt ein System im Zusammenhang mit Zollformalitäten für Großbritannien entwickelt“, sagt Smit. „Im Falle eines harten Brexit wird Windhorst so über die notwendigen Zollgenehmigungen verfügen und in der Lage sein, die nach dem 29. März erforderlichen Ausfuhrerklärungen abzugeben.“

„Vieles muss sich erst einspielen“

In der Logistik-Branche seien die Vorbereitungen insgesamt in vollem Gange, so Smit weiter. So werde etwa das Portbase-System des Rotterdamer Hafens auf sämtliche niederländischen Häfen ausgeweitet, um lange Wartezeiten an den Fähren zu vermeiden. Für Unternehmen, die die erforderlichen Dokumente noch nicht vorliegen haben, sollen zudem möglichst separate Lkw-Parkflächen geschaffen werden.

„Auch der britische Zoll muss zur Bewältigung der großen Lkw-Mengen gut vorbereitet sein“, sagt Smit, demzufolge ein reibungsloser Brexit von vielen weiteren Faktoren abhängt, wie beispielsweise ausreichendes Personal für die Warenkontrolle. „Eins steht fest – dass der Transport nach Großbritannien fortgeführt wird, auch wenn sich vieles erst einspielen muss und zunächst stagnieren wird.“

Großbritannien zweitwichtigster Exportmarkt für Blumen und Pflanzen

Für den niederländischen Blumen- und Pflanzenhandel ist Großbritannien nach der Bundesrepublik das zweitwichtigste Exportland. Im vergangenen Jahr wurden laut Statistik von Floridata Produkte im Gesamtwert von sechs Milliarden Euro ausgeführt, davon entfielen 1,2 Milliarden Euro auf Exporte nach Deutschland und 840 Millionen auf Exporte nach Großbritannien.