Grüne Branche

Hessischer Gartenbautag: Nachhaltige Zukunftskonzepte für die grüne Branche

Ohne Visionen und Inspirationen wäre vieles nicht möglich, sagt Professor Dr. Ludger Hendriks. Wenige Wochen vor seiner altersbedingten Verabschiedung als Leiter des Fachgebietes Zierpflanzenbau und des Instituts für Gartenbau der Forschungsanstalt Geisenheim sorgte Hendriks mit einer fulminanten, von viel Emotion geprägten und mit ungewöhnlich großem Beifall aufgenommenen Rede über „nachhaltige Zukunftskonzepte für die grüne Branche“ für den Höhepunkt des diesjährigen Hessischen Gartenbautages am 17. Januar in Friedberg. 

Professor Dr. Ludger Hendriks, eingerahmt von der Deutschen Blumenfee sowie vom hessischen Verbandspräsidenten und ZVG-Vize Jürgen Mertz. Foto: Edwin Hanselmann

Seine Hauptbotschaften an die gärtnerischen Unternehmer lauteten, die Aus- und Weiterbildung des Berufsnachwuchses noch ernster als bisher zu nehmen, die jungen Menschen langfristig für den Gartenbau zu qualifizieren, zugleich ein neues und moderneres Image des Gartenbaus anzustreben. Der Beruf müsse zugleich zu einem Sympathieträger werden.

Der Mensch sei die wertvollste Ressource. „Schon im Jahr 2020“ – so Hendriks’ Befürchtung – „werden wir etwa ein Drittel der ausgeschriebenen Stellen von Gärtnermeistern und Betriebsleitern nicht besetzen können!“ Die Frage „Hast Du Aufträge?“ werde künftig modifiziert durch „Hast Du Fachkräfte?“.
Der Gärtnerberuf habe bei den Jugendlichen heute einen eher mäßigen Ruf. Vorstellungen wie „Erde, Matsch und Dreck“, „Stumpf und mit Fachidiotie durchsetzt“, „Ein Beruf für Arbeitstiere“ und „Den ganzen Tag Unkraut ziehen“ hätten sich in vielen Köpfen ebenso festgesetzt wie die eher bescheidenen Verdienstmöglichkeiten („Lebenslang damit rechnen, nicht zu den Großverdienern zu zählen!“).

Dass der Gartenbau stattdessen ein interessanter und über weite Strecken kreativer Beruf ist, sei in der Bevölkerung und damit auch in der jungen Generation wenig bekannt. Wie wichtig beim Bemühen um Berufsnachwuchs aber gerade das Thema Kreativität ist, erwähnte Hendriks mit einer aus den USA stammenden Studie: „Je kreativer eine Berufssparte ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, wirklich qualifizierten Nachwuchs zu finden!“
Diese Studie aus der Universität Virginia klassifiziert Berufe nach Kreativität. Laut Hendriks wird es darauf ankommen, dem Gartenbau ein ähnlich kreatives Image zu verschaffen, wie es beispielsweise bei Architekten, künstlerischen Berufen, aber auch manchen Berufen im technischen Bereich sowie im Finanz-, Rechts- und Gesundheitswesen der Fall ist. Die Landwirtschaft stehe in der Kreativitäts-Skala aus Virginia jedenfalls im unteren Bereich.

Das Image zu verändern müsse auch bei der Terminologie ansetzen. Dies beginne beim Begriff „Gartenbau“, dessen „au“ am Ende eine „ungeheuer starke psychologische Wirkung“ habe. Zugleich müsse deutlich werden: „Wir sind keine Gärtner, sondern Lifestyle-Spezialisten; wir verkaufen nicht nur Pflanzen, sondern Kreationen!“

Die Berufsbeschreibung sei heute stark auf technologische Punkte ausgerichtet. Beispiel Zierpflanzenbau: „...vermehren Zierpflanzen, düngen und bewässern die Pflanzen, führen Pflanzenschutzmaßnahmen durch, ernten und sortieren Pflanzen, bepflanzen Rabatte …“. Hier gelte ebenso wie bei Stellenanzeigen, künftig stärker als bisher Emotionen anzusprechen und zu vermitteln, dass Gärtner mehr können (müssen) als den Umgang mit Pflanzen.

In seiner mehr als 40 Jahre langen Berufskarriere – so ein ebenfalls hierzu passender Hinweis von Hendriks – habe er gelernt, dass sich Schüler und Studierende nicht allein durch Kompetenz begeistern lassen: „Sondern vor allem durch Emotionen!“ Jugendmessen, Schülerpraktika in Unternehmen, Aktivitäten auf den Gartenschauen, Tage der Ausbildung: Dass die Branche mit solchen und weiteren Maßnahmen ihre Nachwuchswerbung intensiviert, bewertete der Geisenheimer Zierpflanzenbau-Professor positiv. Allerdings müsse vieles „jugendgerechter und emotionaler gestaltet werden“.

Mit Blick auf die Karrieren im Gartenbau und hierbei speziell auf das Gartenbaustudium betonte Hendriks den Stellenwert der Praxisnähe. Nicht nur aus der Branche selbst, sondern ebenso von Studentinnen und Studenten komme die Forderung nach „mehr Praxisnähe“. Abgeleitet von den in manchen Branchen mittlerweile bewährten dualen Studiengängen sieht Hendriks ein solches „Duales Studium“ auch für den Gartenbau als interessanten Ansatz. Bei dualen Studiengängen wechseln sich die in Betrieben absolvierten „Praxisphasen“ mit den an der Hochschule durchgeführten Theoriephasen ab. Der Wechsel von Praxis- und Studienphasen zieht sich in solchen Fällen durch das gesamte Studium. Er geht damit weiter als beim heute beispielsweise in Geisenheim gehandhabten integrierten Praxissemester.
Beim dualen Studium sind Theorie, Praxis und der Erwerb von Führungsqualifikationen eng miteinander verzahnt. Zugleich stellte Hendriks heraus: „Jugendliche, die neben der Ausbildung studieren, sind hoch motiviert, belastbar und zielstrebig!“

Ein weiteres Thema in seiner Rede war, wie der Betrieb seine Mitarbeiter halten kann. Wie wichtig hierbei der Aspekt „Anerkennung“ ist, werde von vielen Gärtnereibesitzern noch unterschätzt. Jeder Mensch habe das Bedürfnis, Geltung und Anerkennung zu finden. Außerdem stellte Hendriks in diesem Zusammenhang die folgenden Punkte heraus:

  • Emotionale Bindungen fördern,
  • Stärken und Potenziale entdecken,
  • Verantwortung übertragen,
  • private Situationen und Bedürfnisse berücksichtigen,
  • Fröhlichkeit und Herzlichkeit im Betrieb als Leistungskomponenten erkennen und fördern.

Im Anschluss an seine Rede wurde Professor Hendriks mit den Ehrenpreis des Hessischen Gärtnereiverbandes gewürdigt. Nach Angabe des Verbandspräsidenten Jürgen Mertz ist dies „die höchste Auszeichnung, mit der sich der Verband bei solchen Persönlichkeiten bedanken möchte, die der Gartenbaubranche als Experten unterstützend zur Seite standen und sich außerordentlich für den Berufsstand engagierten“. Zugleich bezeichnete er Hendriks als „einen der wichtigsten Visionäre und Ratgeber für unsere Branche“.

Ähnlich wie Hendriks, so stellte auch Mertz in seiner Gartenbautags-Rede die Berufsausbildung in den Vordergrund. Um den Kampf um Auszubildende zu bestehen, müssten die gartenbaulichen Unternehmer noch mehr Idealismus und Identifikation in die Ausbildung investieren. „Erklären Sie das Thema Ausbildung“, so sein Aufruf, „zu Ihrer persönlichen Chefsache, Ihre Nachfolger werden Ihnen dies danken!“ Als einen Schritt in die richtige Richtung sieht Mertz die Bundesempfehlung „Beraten und Verkaufen“. Es komme aber darauf an, in diesem Bereich bundesweit noch viel mehr Ausbildungsplätze anzubieten.

Für den Berufsschulunterricht der Friedhofsgärtner in Hessen soll eine Landesfachklasse entstehen. Wie Mertz erwähnte, habe es hierzu kürzlich ein konstruktives Gespräch mit dem Kultusministerium gegeben. Bis Mitte 2012 sollen die Voraussetzungen für den Beginn eines entsprechenden Pilotprojekts geschaffen sein. Ab dem zweiten Ausbildungsjahr könnte der Berufsschulunterricht für die Auszubildenden dieser Sparte dann an einem Standort stattfinden und der Unterricht stärker auf die Fachsparte ausgerichtet werden.

Generell sieht Mertz solche Landesfachklassen als interessant für die „kleinen Fachsparten“, also die Sparten mit nur wenigen Auszubildenden. Neben den Friedhofsgärtnern betrifft dies vor allem die Staudengärtner, den Gemüsebau und den Obstbau. Allerdings mahnte er zugleich an, nun erst die Ergebnisse des Friedhofsgärtner-Pilotprojekts abzuwarten und auf dieser Basis zu prüfen, ob Landesfachklassen auch für die anderen kleinen Fachsparten ein gangbarer Weg sind. (eh)