Grüne Branche

„Im Zweifel für den Baum“

Baumpflegetage in Augsburg
Bei den Baumpflegetagen 2016 standen dieses Jahr wichtige Themen zum Baumschutz auf dem Programm.

Die Diskussionsteilnehmer (von links): Dr. Peter Sanftleben, Dr. Detlev Lipphard, Uwe Ellmers, Katharina Brückmann, Prof. Dr. Rüdiger Trimpop, Dr. Jörg-Michael Günther, Jürgen Rohrbach und als Moderator Prof. Dr. Dirk Dujesiefken. Foto: Antje Kottich

Referenten aus neun Ländern, darunter USA und Japan, und über 1.400 Teilnehmer aus 17 Ländern – die diesjährigen Deutschen Baumpflegetage, die vom 26. bis 28. April in Augsburg stattfanden, erwiesen sich erneut als internationaler Treffpunkt für die Baumpflege-Branche.

Zentrales Thema am ersten Tag der Tagung war der Komplex „Alleenschutz und Verkehrssicherheit“. Mit der Aussage, dass aus Sicht des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) auf die Neupflanzung von Bäumen an Straßen verzichtet werden sollte, machte Dr. Detlev Lipphard seine Position deutlich. Denn Baumunfälle sind nach wie vor herausragend in der Unfallstatistik und „ein freier Seitenraum ist am sichersten.“ Dem stimmte auch Uwe Ellmers von der Bundesanstalt für Straßenwesen zu, denn die Schaffung neuer Gefahrenstellen widerspreche dem Gedanken der RPS (Richtlinien für passiven Schutz an Straßen durch Fahrzeug-Rückhaltesysteme).
Dass es auch anders gehe, stellte Dr. Peter Sanftleben, Staatssekretär im Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz Mecklenburg-Vorpommern dar. In Mecklenburg-Vorpommern habe – unter Berücksichtigung der Fällungen – der Alleenbestand zugenommen. Hier ist der Alleenschutz schon seit 1992 gesetzlich verankert, und mit dem neuen Alleenerlass vom 18. Dezember 2015 sowie dem Alleenfonds stehen wirksame Instrumente zur Förderung der Alleen zur Verfügung.

Den vielfältigen Wert von Alleen stellte Katharina Brückmann, Referentin für Baum- und Alleenschutz im BUND Landesverband Mecklenburg-Vorpommern dar und ging auf deren kulturhistorischen Wert, den Beitrag zur Artenvielfalt, Luftreinhaltung sowie den wirtschaftlichen Wert ein (zum Beispiel als touristische Attraktion in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg).

Den Menschen einbeziehen
Es sei unbedingt notwendig, den Menschen miteinzubeziehen, denn „wir verursachen die Unfälle“, betonte Prof. Dr. Rüdiger Trimpop vom Institut für Psychologie in Jena. Baumpflanzungen könnten an Straßen auch bewusst eingesetzt werden, um Einfluss auf das Fahrverhalten zu nehmen, erklärte er.

Auch die pädagogische Seite, also die Anforderungen an die Fahrschulen und nachgelagertes Fahrtraining, sollte mit berücksichtigt werden, wenn es darum geht, die Unfallzahlen zu senken. „Es gibt viele menschengerechtere Wege, um das Problem ‚Unfälle an Bäumen‘ zu entschärfen – ohne Kettensäge!“

Im Zweifel für den Baum
Aus juristischer Sicht sprach sich Dr. Jörg-Michael Günther vom Umweltministerium Nordrhein-Westfalen „in dubio pro arbore“ aus, also im Zweifel für den Baum. Ihm sei kein einziges Urteil bekannt, bei dem ein Aufprall eines Autos auf einen Baum am Straßenrand zu einer Haftung geführt hätte. Er verfolgt das Thema Alleenschutz seit vielen Jahren und beobachtet jetzt einen „Wandel durch Annäherung“.

Es war ein emotionales Thema, aber die Diskussion blieb konstruktiv und lösungsorientiert. Jürgen Rohrbach, Geschäftsführer der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau, der seit über 15 Jahren die Alleenschutzdiskussion verfolgt und sich für den Baumschutz einsetzt, forderte gemeinsam mit Katharina Brückmann nachdrücklich eine baldige Überarbeitung der RPS unter Einbeziehung von grünen Verbänden und Verhaltensforschern.

Baumkrankheiten im Fokus
Großen Raum nahmen in Augsburg außerdem Vorträge zu Baumkrankheiten ein. Experten referierten unter anderem zum Eschentriebsterben, Rosskastaniensterben und zur Bekämpfung des Asiatischen Laubholzbockkäfers (ALB).

Einen Blick auf die praktische Baumpflege warf Prof. Dr. Rolf Kehr von der HAWK Göttingen. Anhand verschiedener Krankheitstypen erläuterte er die Möglichkeiten und Grenzen der Desinfektion und zeigte auf, wann es ratsam ist, Schnitt- und Arbeitswerkzeuge zu desinfizieren.

Baumschutz auf Baustellen
Gegen „faule Kompromisse“ beim Baumschutz auf Baustellen sprach sich Mark Pommnitz vom Sachverständigenbüro Leitsch aus. „Der Schutz von Bäumen auf Baustellen beziehungsweise generell der Schutz des Wurzelraumes von Bäumen im Stadtgebiet gehört zu den großen aktuellen Herausforderungen im Stadtbaummanagement“, so Pommnitz. Er plädierte dafür, keine Kompromisslösungen einzugehen.

2017 steht in Augsburg ein Jubiläum an: Vom 25. bis 27. April finden dann die 25. Deutschen Baumpflegetage statt.
Martina Borowski, |Braunschweig

Lesen Sie den ganzen Artikel in Ausgabe 07/2016 Deutsche Baumschule.