Grüne Branche

Insultheimer Hof: Was löste den Bürgerprotest gegen den geplanten Reiserschnittgarten aus?

Es sei „nicht zu fassen, mit wie wenig Sorgfalt eine grüne Landesregierung daran geht, einen Freibrief für die Anlage einer ‚Ex-und-hopp‘-Pflanzung in einem Landschaftsschutzgebiet zu erteilen und dazu sogar noch Subventionen gewährt“.

Dieser einleitende Satz aus einem von mehreren protestierenden Leserbriefen in der örtlichen Tageszeitung kann stellvertretend stehen für die sehr negative Stimmung, die der im Insultheimer Hof vorgesehene Reiserschnittgarten bei weiten Teilen der örtlichen Bevölkerung ausgelöst hatte. Ein Hauch von „Stuttgart 21“ wehte durch den Hockenheimer Rheinbogen.

Mit der Beschlussempfehlung des Aufsichtsrates der Reiserschnittgarten Baden-Württemberg GmbH & Co. KG, den Standort nicht weiter zu verfolgen (TASPO 50/2012), scheint der Insultheimer Hof nach derzeitigem Stand zwar seine kurze Reiserschnittgarten-Karriere hinter sich zu haben. Da Erfahrungen rund um das Vorhaben für mögliche Planungen an anderen Standorten teilweise lehrreich sind, wollen wir hier aber ansprechen, was die Anti-Stimmung gegen einen Reiserschnittgarten verursacht hatte.

Nicht nur Anwohner und Umweltverbände – in diesem Fall der BUND-Ortsverband Hockenheimer Rheinebene sowie die Ortsgruppe des NABU – machten Stimmung gegen den Reiserschnittgarten. Vielmehr brachten die Imker mit einer Kampagne „300 Bäume sollen nicht gefällt werden“ den Protest in Schwung.

Vordergründig ging es hierbei um Streuobstbäume, die ehemals vom Land im Gelände der Staatsdomäne Insultheimer Hof gepflanzt worden waren und wegen Vorgaben der Anbaumaterialverordnung bei Realisierung eines Reiserschnittgartens aus phytosanitären Gründen hätten gefällt werden müssen (Schutzkreis von 250 Metern!). Hauptaktionen der Kampagne waren die an Minister Alexander Bonde adressierten Protestkarten sowie Zettel an betroffenen Bäumen.

Dass das Thema Streptomycin und damit der Antibiotika-Einsatz gegen Feuerbrand hier ebenfalls mitspielte, zeigte der Verlauf einer Protestveranstaltung am 13. Oktober. Dort nahm die Frage der Feuerbrandbekämpfung breiten Raum ein, obwohl dies bei einem Reiserschnittgarten Insultheimer Hof nicht relevant gewesen wäre.

Speziell die SPD rückte in den folgenden Tagen dann den Pflanzenschutzmitteleinsatz in den Fokus, weil der Standort ein Trinkwasserschutzgebiet ist. Der Fraktionsvorsitzende sprach von „möglicher Gefährdung der Grundwasserqualität durch den Einsatz von Pestiziden“. Man lehne für dieses Gebiet jede Art von Nutzung ab, welche „die unwiederbringliche Natur-Ressource gefährden könnte“.

Da wollte die CDU nicht zurückstehen und zog zu Felde gegen die „offenbar geplante Abholzung vorhandener Obstbäume, die vor erst zehn Jahren vom Land gepflanzt wurden“. Die Christdemokraten erinnerten hierbei an „ehemalige Obstwiesen, die im Zuge der Flurbereinigung gefällt wurden und für die es nie einen Ausgleich gab“. Nochmals werde eine solche Abholzung nicht hingenommen.

Hauptgrund der Naturschutzverbände für ihre negative Haltung gegen einen Reiserschnittgarten Insultheimer Hof war die Lage dieser Staatsdomäne. Der Insultheimer Hof liegt in einem Landschaftsschutzgebiet. Der Hockenheimer Rheinbogen ist ein etwa 2.500 Hektar großes Landschaftsschutzgebiet, darin sind 30 Naturschutzgebiete eingebettet.

„Für uns“ – so heißt es in einer Pressemitteilung des BUND-Ortsverbandes – „war nicht nachvollziehbar, weshalb ein Standort ausgerechnet im Hockenheimer Rheinbogen ausgewählt wurde, der ein kombiniertes Natur- und Landschaftsschutzgebiet, ein Wildschutzgebiet sowie ein europaweit bedeutsames FFH- und Vogelschutzgebiet ist.“

Generell stünden die beiden Verbände dem Sinn und Zweck eines Reiserschnittgartens aber positiv gegenüber, soweit es um die Bewahrung alter und landeskulturell bedeutender Streuobstsorten und damit letztlich um den Erhalt der Streuobstwiesen in Baden-Württemberg geht. Daher sei wünschenswert, dass doch noch ein geeigneter Standort gefunden wird. Herausgestellt wurde auch die Rolle der Naturschutzverbände als Mittler zwischen aufgebrachten Bürgern – speziell Anwohnern im Insultheimer Hof – und den „überraschten Behörden“.

Warum die negative Stimmung gegen den Reiserschnittgarten in der mehr durch Motorenlärm und Formel 1 als durch Naturschutz bekannten Rennstadt Hockenheim auch den Gemeinderat erfasste und sich keine politische Partei zu einer befürwortenden Haltung durchzuringen traute, dürfte vor allem damit zu tun haben, dass die Vorplanungen weitgehend an der Gemeinde vorbei gelaufen sind. So äußerte Oberbürgermeister Dieter Gummer (SPD) bei der Gemeinderatssitzung am 28. November 2012 sein Missfallen über die Informationspolitik des Ministeriums. Es sei der Eindruck entstanden, da habe man etwas möglichst lange geheim halten wollen.

Ministerialdirigent Joachim Hauck vom Ministerium Ländlicher Raum entgegnete, es liege eine landwirtschaftliche Nutzung vor. Hierfür seien Anträge an die Untere Naturschutzbehörde nötig, aber kein Bauantrag an die Gemeinde.

Aus allen im Hockenheimer Gemeinderat vertretenen Parteien kamen kritische Fragen, obwohl Hauck das Vorhaben sowohl in der Gemeinderatssitzung als auch zuvor am 11. Oktober 2012 in einer Informationsveranstaltung im Hockenheimer Rathaus ausführlich erläutert und begründet hatte. Er stellte zugleich heraus, ein Reiserschnittgarten werde nach strengen Vorgaben bewirtschaftet und intensiv überwacht. Daher gehe von einer solchen Anlage kein Risiko für die Grundwasserqualität aus.

Die Frage nach der Standortwahl beantwortete Hauck mit dem Hinweis, verglichen mit anderen untersuchten Standorten habe der Insultheimer Hof große Vorteile. Die langen Ackerflächen seien aus phytosanitärer Sicht sehr vorteilhaft. Gerade in Baden-Württemberg wäre es schwer, geeignete größere Flächen für eine solche Anlage zu finden.

Die Landesregierung – so Haucks Appell – habe großes Interesse, dass irgendwo in Baden-Württemberg jene alten Landsorten, die sonst nicht zu bekommen sind, vermehrt werden: „Unsere Streuobstkonzeption geht nicht auf, wenn wir keinen Reiserschnittgarten haben!“ Im „Ländle“ gibt es 9,3 Millionen Streuobstbäume. Laut der Streuobsterhebung sind 70 Prozent der Bestände in einem schlechtem Pflegezustand, viele Bäume müssten ersetzt werden.

Auch ist so mancher der noch relativ jungen Bäume im Insultheimer Hof nicht so gesund, wie es die Imker glauben machen wollten. Ein Viertel von 204 Obstbäumen, die vom 250-Meter-Radius erfasst gewesen wären, sind von relevanten Schadorganismen befallen. Das Ergebnis der Baumuntersuchung lautete: „Ein nicht unerheblicher Befall mit Viren und Phytoplasmen!“ Dies gilt vor allem für Apfel- und Kirschbäume. (eh)