Grüne Branche

Interview: Alle müssen es geil finden, Pflanzen zu haben

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Gärtnermeister Friedrich Reim hat die grüne Branche von Kindesbeinen an erlebt. Schließlich ist der 56-Jährige in einer Gärtnerei aufgewachsen und bereits seit 1976 als Gärtner tätig. Im Interview mit TASPO Online verrät Reim, wie sich der Beruf in den vergangenen 30 Jahren aus seiner Sicht verändert hat, was sich ändern muss, damit die Wertschätzung wieder steigt und wie man die junge Generation an die Pflanze heranführen kann.

Friedrich Reim ist überzeugt, dass sich die Ansprache der Gärtner an die Kunden ändern muss, damit es wieder angesagt ist, Pflanzen zu besitzen. Foto: GMH

Herr Reim, wie hat sich der Beruf Gärtner in den letzten 30 Jahren aus Ihrer Sicht verändert?

Da wäre zum einen die Technik: Vor 30 Jahren war der Automatisierungsgrad in der Kultursteuerung – Klimaregelung – Bewässerungstechnik nicht so stark verbreitet. Durch die Einführung der geschlossenen Bewässerungssysteme haben sich die Anforderungen an den Kultivateur und die Substrate verändert. Steuereinheiten, Filter, Magnetventile und Bewässerungskreisläufe haben uns neu gefordert. Ich kann mich erinnern, dass wir in der Lehrzeit die Poinsettien vor dem Düngen – meist samstags – freitags immer vorgegossen haben, damit die Pflanzen feucht sind und keine Wurzelverbrennungen bekommen.

Durch die so entstandene Übernässe, schwere Erde, Bewässerungsmatte, bekamen die Pflanzen oft Pythium und der Kulturerfolg war nicht immer zufriedenstellend. Hier hat sich im Hinblick auf Züchtung, Produktion und Vermarktung viel getan, und nicht alles war gut! Ich meine, man hätte sich vieles ersparen können – vor allem das Image des Weihnachtssternes so schlecht zu machen.

…und wie sieht es mit den Bestrebungen seitens der Politik aus? Mussten die Einzelhandelsgärtner in den vergangenen 30 Jahren umdenken?

Durch falsche Förderrichtlinien wurden meist nur die großen Einheiten im Gartenbau gefördert und man hat das Sterben in der Fläche nur noch stärker lanciert. Die dadurch seit Jahren am Markt befindliche Überproduktion wird über den Lebensmitteleinzelhandel (LEH) und andere Kanäle oft zu Preisen angeboten, die unseren Produkten die Wertschätzung nehmen!

Gleichzeitig haben sich viele Einzelhandelsgärtnereien durch große, moderne, attraktive Verkaufsanlagen, Änderungen sowie Erweiterungen im Sortiment (Stauden, Gehölze, Hartware) zu entsprechenden Gartencentern entwickelt. Dienstleistungen wie Gartengestaltung, Raumbegrünung, Pflanzenüberwinterung, Grabpflege, kommunale Grünpflege oder Winterdienst haben dazu geführt, dass die eigentliche Produktion in den Hintergrund gerät oder ganz verschwindet. Fairerweise muss man sagen, dass das gewachsene Angebot an Dienstleistungen aber dazu geführt hat, dass die Betriebe überleben konnten und sich meist entsprechend weiterentwickeln.

Wie haben sich die Sortimente aus Ihrer Sicht entwickelt?

Inzwischen wird es zunehmend schwerer, „am Ball“ zu bleiben. Ständig neue Arten, Sorten machen die Branche im klassischen Zierpflanzenbau zunehmend sehr unübersichtlich. Wie soll sich der Gärtner jedes Jahr bei so vielen Neuheiten verhalten und auch der Verbraucher? Meiner Meinung nach gehen die inneren Werte verloren oder werden vernachlässigt. Dieser Umstand wird aus meiner Sicht natürlich auch schön geredet.

Was muss passieren, damit die Wertschätzung für den Beruf Gärtner wieder steigt? Ist hier nur die Gesellschaft gefordert oder auch der Gärtner selbst?

Jeder, der unseren Beruf vertritt, sollte über gute Fachkenntnisse verfügen, Netzwerke haben, die eigenen Wissenslücken schließen können und so unseren Beruf positiv fachlich nach außen vertreten zu können. Kopf hoch, Brust raus, ein Lächeln auf den Lippen – Kundenansprache ist das Wichtigste! Dazu muss man sich erst selbst schätzen lernen, sich selbst quasi bewusst machen.

Der ehemalige ZVG-Vorsitzende Karl Zwermann hat es auf den Punkt gebracht: Ein Beruf voller Leben und ein wunderbarer Beruf, in dem der Mensch ein Stück Erde neu gestaltet. Pflanzen sind das größte Geschenk der Schöpfung an uns Menschen und uns Gärtnern in die Verantwortung gegeben. Ohne Pflanzen gibt es kein Leben auf unserem blauen Planeten, wir alle würden verhungern. Ohne Pflanzen keine saubere Luft, kein sauberes Wasser, keine sauberen Böden. Jeder unserer Kollegen/innen sollte diese Ansichten Zwermanns in Herz und Geist tragen und daraus Kraft und Energie schöpfen. Auch die Inhalte in den Schulen, Meister-Techniker-Ausbildungsstätten und auch die Universitäten sollte die Persönlichkeitsbildung als wichtigen Baustein und Inhalt aufnehmen.

Wie kann man die junge Generation für das Thema Pflanzen begeistern? Die meisten Käufer liegen ja eher jenseits der 50-Jahre-Grenze…

Die beste Erfahrung ist die, die man selbst macht. Also ran an die Kindergärten, Grundschulen, Haupt- Mittel-Schulen und Gymnasien: zeigt euch mit eurem Gesicht und euren Ideen zur Raumbegrünung, Schulgarten, Osternestern, Säen für Kindergärten, Naschwochen bei Beerensträuchern. Und so weiter. Der Beruf Gärtner und das Gärtnern sollen einen Hauch Abenteuer mit sich bringen und auch immer ein bisschen Spaß und Witz – so bleiben Botschaften am besten hängen.

Eine Vision hätte ich noch: wenn wir es schaffen würden, einen berühmten Künstler, wie zum Beispiel Reamonn, als Partner für einen Werbespot zu gewinnen. Sein Lied „The Only Ones“, in der Version mit Lucie Silvas würde sich hervorragend als Untermalung eignen. Dann bräuchte man natürlich noch einen entsprechenden Spot dazu.

Kurzum: Alle müssen es geil finden, Blumen und Pflanzen zu haben. Solch ein Gefühl muss in der jungen Generation und auch den Älteren geweckt werden. In der grünen Branche wird aus meiner Sicht oft zu „normal“ gedacht. Dementsprechend sollten wir die Zielgruppen anders als bisher ansprechen.