Grüne Branche

Interview: Der Klimawandel betrifft jeden

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Ist es eigentlich wissenschaftlich bewiesen, dass der Klimawandel Auswirkungen auf den Gartenbau hat? Und wenn ja, welche? Wir sprachen mit Professor Eckhard George vom Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau (IGZ), Autor des 2009 veröffentlichten Fachartikels zum Thema „Gartenbau und Klimawandel in Deutschland“.

Prof. Dr. habil. Eckhard George ist Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Gemüse- und Zierpflanzenbau (IGZ) in Großbeeren/Erfurt. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört der Effekt von Düngemitteln und anderen Wachstumsbedingungen auf die Pflanzenqualität. Foto: privat

Herr Professor George, wie sicher ist es, dass sich der deutsche Gartenbau auf Veränderungen durch einen Klimawandel einstellen muss?

Wir am IGZ fügen die Daten und Aussagen von anderen Fachrichtungen zum Klimawandel mit unseren Kenntnissen über den Gartenbau zusammen, um unsere Schlussfolgerungen zu ziehen. Die allermeisten Klimaexperten betonen ja immer wieder, dass wir uns bereits mitten im Klimawandel befinden und die Auswirkungen in Zukunft noch viel deutlicher werden.

Für den Gartenbau ist dabei jedoch aus unserer Sicht zu bedenken, dass es derzeit zahlreiche andere Veränderungen gibt, die sich sehr stark auswirken, aber mit dem Klimawandel nichts zu tun haben – sei es im Handel die Konzentration auf wenige Abnehmer oder die Veränderung der globalen Handelsströme.

Es ist ein Fehler, wenn langfristige betriebliche Entscheidungen solche deutlichen Änderungen in Produktionstechnik oder Absatzwegen nicht berücksichtigen. Dennoch sollte sich jeder Betriebsinhaber auch mit den möglichen Risiken des Klimawandels beschäftigen, Risikoabschätzungen machen und die richtige Vorsorge treffen, um vorbereitet zu sein.

Was könnte in Zukunft passieren?

Die Klimamodelle werden immer komplexer, und es besteht unter den Experten kein Zweifel, dass ein Klimawandel stattfindet. Allerdings sind Berechnungen und Prognosen für bestimmte zukünftige Klimaereignisse oder für bestimmte Regionen immer noch mit großen Unsicherheiten verbunden. Auch bei einem anderen Thema, dem Wetter, gibt es Bewegung. Für einen Zeitraum von drei Tagen gibt es häufig gute Voraussagen. Doch wie das Wetter nächsten Sommer wird, dafür gibt es nach wie vor keine Berechnungsformel.

Für die kommenden zehn bis 15 Jahre sagen Klimaforscher auf jeden Fall eine Zunahme an extremen Ereignissen voraus. Doch wann genau diese Ereignisse auftreten und welche Regionen betroffen sind, lässt sich nicht sagen. Niemand weiß, wann und in welchen Regionen es so weit kommt, dass starke Hagelschläge alle zwei Jahre großflächig Gewächshäuser im Deutschland zerstören oder die Sommer hierzulande so heiß werden, dass die Salatbestände verbrennen.

Natürlich können trotzdem Risikogebiete definiert werden: In Regionen mit leichten, sandigen Böden – wie in Brandenburg – nimmt die Möglichkeit von Sommertrockenheit zu. Starkregen mit Überschwemmungen werden hingegen eher in Tälern und entlang von Flüssen zum Problem. Doch detaillierte regionale Vorhersagen sind nach unseren Kenntnissen immer noch nicht möglich.

Und Gärtner sollten natürlich nicht vergessen: Die Klimaunterschiede beispielsweise zwischen dem Rheintal und einer deutschen Mittelgebirgslage sind größer, als alles, was der Wandel in absehbarer Zeit verursachen wird. Anpassung an unterschiedliches Klima hat also im Gartenbau schon immer stattgefunden.

Vereinfachen wärmere Durchschnittstemperaturen nicht den Anbau?

Einfacher wird es sicher nicht, denn mit der Erwärmung soll es ja gleichzeitig auch zu stärkeren Schwankungen und Unsicherheiten kommen. Eine höhere Durchschnittstemperatur muss auch nicht unbedingt bedeuten, dass Gärtner im Gewächshaus Heizkosten sparen. Wer zum Beispiel von März bis Dezember mit Kulturen arbeitet, dem bringt es nichts, wenn wir, wie in diesem Jahr, einen milden Januar haben.

Hinzu kommt: Wenn es im Winter nicht mehr regelmäßig friert, kann das Risiko von Pflanzenkrankheiten und Schädlingen steigen. Kalte Winter können ja auch immer eine reinigende Wirkung haben. Bereits jetzt hat der Gartenbau mit neuen Schaderregern zu kämpfen. Das wird wohl noch zunehmen, allerdings nicht nur allein wegen des Klimawandels, sondern auch wegen verstärkten Handels und vermehrter Reisetätigkeit.

Doch viele Gartenbau-Betriebe sind nach unserer Erfahrung schon immer sehr flexibel gewesen. Deshalb denken wir, die Branche wird es schaffen, sich anzupassen und auf aktuelle Strömungen angemessen zu reagieren. Jede Änderung und jede Herausforderung bietet ja auch Chancen.

Wird sich das Spektrum an Pflanzen verändern – kaufen wir bald Zitronen aus der Pfalz?

Veränderungen in Anbau und Angebot wie Wein aus Brandenburg haben nicht unbedingt mit dem Klimawandel zu tun. Schon lange arbeiten Züchter daran, bestimmte Pflanzen winterhärter zu machen, damit sie auch in kühleren Regionen wachsen. Der Siegeszug des Mais in Deutschland und anderen europäischen Ländern hängt zum Beispiel damit zusammen, dass neue Sorten weniger Wärme benötigen.

Wenn wir also Änderungen im Sortiment sehen, hat das eher mit einer Neuzüchtung zu tun oder mit einer Veränderung von Anbaupreisen und Transportkosten. Wenn ökonomische Faktoren wie Transportkosten oder Importbedingungen sich ändern, zum Beispiel durch Handelsschranken oder Besteuerung von Kraftstoff, hätten wir ganz schnell eine Sortimentsumstellung im Gartenbau.

Ich sehe also für deutsche Gartenbau-Betriebe auch in Zukunft eine hohe Notwendigkeit, sich auf ändernde Bedingungen einzustellen. Der Klimawandel ist aber nur ein Teil der zu erwartenden Veränderungen. Neue Sorten und Anbauverfahren, Marktverschiebungen und politische Entscheidungen werden auch in Zukunft mitentscheidend für die Zukunft der Betriebe sein.

Wie könnte sich der immer frühere Saisonbeginn auswirken?

Die Produktion von Zierpflanzen wird in Deutschland unter natürlichen Anbaubedingungen nicht nur durch die Temperaturen limitiert, sondern gleichzeitig auch durch die begrenzte Einstrahlung. Schwankungen in einem Klimafaktor fördern deswegen nur selten die Produktion nachhaltig.

Klimaänderungen beziehungsweise die Diskussion solcher Änderungen verändern aber möglicherweise die Nachfrage. Denn viele Kunden verlieren ein realistisches Gefühl für die Saison. In einem warmen Winter wird der Impuls geweckt, ins Gartencenter zu gehen und zu schauen, was es an Pflanzen gibt. Kunden kaufen im zeitigen Frühjahr schon Pflanzen, die sie unter Umständen dann im Mai ersetzen müssen. Denn trotz warmer Winter kann ja die Häufigkeit von Spätfrösten zunehmen.

Vielleicht profitiert der Handel ja sogar davon, dass viele Gartenbesitzer die Ersten sein wollen. Verkauft wird am Ende mehr, auch wenn es biologisch und ökologisch wenig Sinn macht.

Welchen Rat haben Sie als Wissenschaftler, um für die Zukunft gewappnet zu sein?

Erfolg hat, wer künftige Absatzwege voraussehen kann, und wer in der Lage ist, flexibel zu reagieren. Meiner Meinung nach gibt es zwei Wege, sich vor den negativen Klimaveränderungen zu schützen. Der eine setzt auf Vorhersagemodelle und neue Technik, um Schwankungen abzufedern. Der rasche Fortschritt bei den LEDs und in der Steuerungstechnik hilft bei der kontrollierten Produktion. Eine Versicherung gegen unvorhergesehene Ereignisse gibt zusätzliche Sicherheit. Das verlangt aber oft Aufwendungen, die familiäre Kleinbetriebe häufig nicht leisten können.

Der andere Weg ist, natürliche Qualitätsprinzipien auszunutzen. Wer mehrere verschiedene Arten mit unterschiedlichen Ansprüchen anbaut, verteilt das Risiko. Allerdings geht das oft zu Lasten der Effizienz. Ökologisch arbeitende Betriebe haben ebenfalls eine Art „Versicherung“, weil sie im Idealfall mit gesunden Systemen arbeiten, die Veränderungen ausgleichen können – zum Beispiel schützt ein gesunder Boden mit vielen Mikroorganismen eine Pflanze besser, als ein eindimensionales Substrat.

Eine Anpassung an den Klimawandel im Betrieb wäre also eine hohe Flexibilität und Diversität. Leider sprechen viele Entwicklungen beim Absatz (Lieferverträge über große Mengen zu festen Terminen) eher gegen solche Anpassungen. Änderungen im Klima werden uns weiter beschäftigen, aber die wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen der Betriebe sind leider oft nicht günstig für die Einführung von klimafreundlichen Anbauverfahren.

Mehr zum Thema lesen Sie im TASPO dossier I/18 „Lässt uns der Klimawandel eine Chance? – Neue Herausforderungen für die Grüne Branche“, das am 2. März zusammen mit der TASPO 9/2018 erschienen ist.