Grüne Branche

Interview: Eine Zukunft ohne Blumen? Undenkbar!!

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Wenn es zukünftig vor allem um die Ernährung der Menschheit geht, welche Bedeutung haben dann noch Blumen und Pflanzen? Wird es überhaupt noch eine Nachfrage danach geben? Eine Frage, die wir Armin Rehberg stellten, Vorstandsvorsitzender von Landgard. Und wie wird Vermarktung in 50 Jahren überhaupt aussehen?

Armin Rehberg, Vorstandsvorsitzender von Landgard, möchte auch in Zukunft nicht auf Blumen und Pflanzen verzichten. Foto: Landgard

Wie wird die zunehmende Digitalisierung die Vermarktung beeinflussen? Wird es überhaupt noch Versteigerungen geben? Läuft Vermarktung dann komplett über das Internet?

Versteigerungen als Marktplatz, wo Kaufinteressierte mit verbindlicher Angebots- und Preisabgabe Ware kaufen, wird es bei Blumen und Pflanzen aus meiner Sicht auch in 50 Jahren geben, aber definitiv in geänderter Form: mit grünen Robotern, elektronischen Stimmen, digitalen Fotos und vollautomatisierter Logistik. All das wird in 50 Jahren möglich sein, manches gibt es heute schon. Aber was sich wirklich durchsetzt und in 50 Jahren fester Bestandteil der Versteigerung ist, bestimmen einzig die Kunden und ihre Bedürfnisse. Ich hoffe, auch dann wollen Menschen noch einen echten Marktplatz, wo Menschen Menschen und Ware treffen.

Bei unterstellter Marktentwicklung zu Großbritannien und den USA ergeben sich für Deutschland aber heute schon bereits 2020 Online-Marktanteile zwischen fünf und acht Prozent. So liegt bei der Veiling Rhein-Maas der Fernverkaufsanteil am Gesamtumsatz heute bereits bei 28 Prozent, und das Geschäft setzt sich neben der klassischen Uhr aus Uhrvorverkauf, Klokservice und Fernverkauf zusammen.

Als moderne, erfolgreich vermarktende Erzeugergenossenschaft arbeiten wir daran, Landgard als Marketplace mit Partnern, Mitgliedsbetrieben und Kunden in Form eines digitalen Handelsplatzes der Grünen Branche in Deutschland aufzustellen. Dabei vergessen wir aber unsere stationären Geschäfte – ob Bloomways, Cash & Carry oder die Veiling Rhein-Maas – nicht. Für uns gilt nicht „entweder oder“ sondern „sowohl als auch“! Dies gerade durch den speziellen Markt in Deutschland mit seiner hohen Fachhandelsbedeutung.

Durch die Digitalisierung entsteht ein völlig neues Konsumentenverhalten mit dem Ziel, bestinformiert ein möglichst bequemes Einkaufen zu realisieren. Heute kann der Kunde schon zu jeder Zeit sämtliche Informationen abrufen und seinen Einkauf online tätigen. Kunden werden zukünftig hybrider entscheiden. Aber diesen Wandel im Handel gab es schon früher vom Kaufhaus zum Katalog über das Teleshopping bis zum E-Commerce. Bei Lebensmitteln, Obst und Gemüse sowie Blumen und Pflanzen spielt trotzdem der persönliche Verkauf noch die dominante Rolle.

Damit dies auch zukünftig so bleibt, müssen wir echte Mehrwerte bieten und empfängerorientiert adressieren. So entstehen digitale Bausteine wie die Landgard Cash & Carry App, der Webshop mylandgard.com und die Landgard Bilddatenbank mit über 60.000 Fotos. Wir sehen unsere digitale Zukunft in der Erweiterung unseres Kerngeschäfts „stationär first“ um flexible digitale Komponenten, einer Kombination des stationären Handels mit dem Online-Wachstumspfad und digitalen Servicebausteinen.

Wenn die Handelsseite immer konzentrierter auftritt, wird das nicht die Spezialisierung und den Zwang zu wachsen auf Produzentenseite so stark forcieren, dass Vermarktungseinrichtungen überflüssig werden, weil die Betriebe entweder schon den Handelskonzernen gehören oder direkt mit ihnen zusammenarbeiten?

Dies gilt sicher für den klassischen Großhandel. Für unsere Erzeuger gilt allerdings, dass sich Monokundenstrukturen noch nie bewährt haben und immer mit Risiken verbunden sind für die sichere nachhaltige Vermarktung. Landgard steht als Genossenschaft ja gerade für die Bündelung und die Vermarktung ersthändiger Produktion.

Es gilt heute und morgen, aus dieser Position heraus in der gesamten Wertschöpfungskette den Kunden und Erzeugern echte Mehrwerte zu liefern, von professionellem QM/QS, über bedarfsgerechte Logistik bis zur nachhaltigen verbindlichen Warenversorgung. Wenn wir dies erfüllen, dann wird Landgard als internationale Genossenschaft im Jahr 2067 mit über 6.000 nationalen und internationalen Mitgliedern stationär und digital ein wertvoller strategischer Partner seiner Erzeuger und Kunden in Europa sein. 

Spannend wird sein, wie sich in den nächsten Jahren der Wettbewerb zwischen den Amazons und eBays sowie dem klassischen Blumen- und Pflanzenhandel darstellt und welche Auswirkungen dies auf unsere Produktion hat.

Wie wird ein solches Szenario die Produktion beeinflussen? Wird es beispielsweise zu einer zielgerichteteren Anbauplanung kommen? Oder wird es stärker Richtung Warentermingeschäfte gehen, wie schon in der Landwirtschaft üblich?

Zielgerichtete Anbauplanung gibt es heute schon, zumindest mit unseren Mitgliedern. Auf der Basis eines strategischen und operativen Erzeugermanagements wird mit Marktbeobachtungen, Marktforschung, Trends und Innovationsentwicklung sowie dem Know-how der Betriebe bereits heute in der Zusammenarbeit mit den Kunden in vielen Fällen abgestimmt produziert. Dies gilt es, in den nächsten Jahren konsequent weiter auszubauen.

Die Agrarsysteme der Zukunft werden im Moment vor allem auf die Ernährung der Menschheit ausgerichtet. Welche Bedeutung haben dann überhaupt noch Zierpflanzen? Werden Sie zum Luxusgut, das sich nur noch Wenige leisten können?

Blumen und Pflanzen sind einer der wichtigsten Bestandteile unseres Lebens und Alltags – heute und in Zukunft. Stellen wir uns nur einen Moment die Welt ohne Pflanzen vor: ohne Zierpflanzen, Beet & Balkon, Schnittblumen, Stauden, Gräser, Gehölze, Sträucher oder Bäume! Kalt, trostlos, ohne Leben! Obst und Gemüse oder Wein sind übrigens auch ohne Pflanzen nicht denkbar, und wir leben nicht nur vom und fürs Essen. Liebe, Leben, Schönheit, Genuss und Trauer sind Begriffe, die heute und auch in Zukunft unser Leben lebenswert machen. Dass es so bleibt, dafür müssen wir kämpfen.

Ich will auch in 50 Jahren mit dann 102 Jahren bei einem guten Glas Wein in den Bergen oder am Meer nicht auf Blumen und Pflanzen verzichten!

Das Interview mit Armin Rehberg ist Teil unseres zweiten TASPO Jubiläumsspecials, das Sie zusammen mit der TASPO 44/2017 hier kostenfrei downloaden können.