Grüne Branche

Interview: „Gartenbaubetriebe arbeiten in einer komplexen Umwelt“

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Welchen Ruf hat die Gartenbau-Branche, wie kann dieser methodisch ermittelt und die Resultate anschließend für Unternehmen aus der Grünen Branche verwendet werden? Mit diesen Fragen setzt sich derzeit das Zentrum für Betriebswirtschaft im Gartenbau (ZBG) im Rahmen der Studie "Die Reputation des deutschen Gartenbaus" auseinander. Die TASPO sprach mit den beiden Initiatorinnen und wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen, Marike Schmieder und Iris Brenneke, über das Forschungsvorhaben.

Die Initiatorinnen der Studie Marike Schmieder (l.) und Iris Brenneke (r.) erforschen den Ruf der Grünen Branche. Foto: Privat

Von wem wurde das Projekt initiiert und welche zentralen Fragestellungen werden im Rahmen der Erhebung untersucht?

Initiiert wurde das Projekt von uns als Projektbearbeiterinnen. Im Zuge anderer Forschungsarbeiten stießen wir immer wieder darauf, dass zwar im landwirtschaftlichen Bereich einiges an Studien zum Thema Ruf (Ansehen) und Akzeptanz der Gesellschaft existierte, dass aber gartenbauliche Produktionssysteme mit Blick auf die öffentliche Wahrnehmung, den Ruf oder die Akzeptanz durch die Konsumenten weitestgehend unberücksichtigt bleiben. Diese Forschungslücke beschlossen wir zu schließen.

Unser Ziel ist es vor allem, die Handlungsfähigkeit der Produzenten auch und vor allem im Sinne einer langfristigen Planungssicherheit zu gewährleisten. Der zentrale Forschungsschwerpunkt liegt darauf zu klären, wie gut oder schlecht der Gartenbau als Branche in der Öffentlichkeit dasteht. Ist diese Frage geklärt, können Strategien und Maßnahmen sowohl auf Unternehmens- als auch auf Branchenebene entwickelt werden, die verhindern, dass die Gartenbaubranche sich in Zukunft mit einem ähnlichen Problem konfrontiert sieht, wie es aktuell die landwirtschaftliche Branche erfahren musste; nämlich dass die Interessen und Wünsche der Verbraucher, über das fertige Produkt hinaus auf Herstellungsprozesse und -stufen ausgeweitet, zu spät auch als solche erkannt werden. Die Legitimation für das unternehmerische Handeln ist dabei nicht zu unterschätzen. Am Ende stehen dann Unternehmer zwar mit ökonomisch effizienten Produktionstechniken ausgestattet, aber durch die Gesellschaft nicht mitgetragenen Lösungen und Ansätzen alleine da. Welche Folgen das auf finanzieller und sozialer Ebene haben kann, lässt sich aus der aktuellen Debatte um Pflanzenschutzmaßnahmen und Tierhaltungsverfahren in der Landwirtschaft leicht ableiten.

Um eine Rufmessung auf Branchenebene vorzunehmen, muss zunächst ein geeigneter Messansatz entwickelt werden. Bestehende Messansätze zur Reputation auf Unternehmens- und Branchenebene müssen speziell auf den Gartenbau und seine sehr heterogene Produktpalette zugeschnitten werden. In dieser ersten Untersuchung müssen zuvor aus der Literatur entnommene Indikatoren zur Reputations- beziehungsweise Rufmessung durch Experten der Gartenbaubranche für eben diese Branche bewertet werden. Das heißt, es wird die Einschätzung branchennah arbeitender Akteure benötigt, die verschiedene Indikatoren hinsichtlich ihrer Relevanz für den Gartenbau aus Sicht der Verbraucher beurteilen sollen. Dieser so entwickelte Ansatz zur Rufmessung wird dann zur Erhebung unter Verbrauchern genutzt.

Wesentliche Fragen die im Rahmen der Studie geklärt werden sollen: Fällt der Ruf der Gartenbaubranche eher schlecht oder eher gut aus? Wie steht die Gartenbaubranche unabhängig von Spekulationen genau da? Wird die Branche zukünftig mit Akzeptanzproblemen zu rechnen haben und welche Unternehmungen sind nötig - und in welchem Ausmaß -, um auch zukünftig den Konsumenten nicht zu verlieren?

An welche spezifische Zielgruppe richtet sich die Studie und bis wann ist eine Teilnahme online möglich?

Diese erste Befragung richtet sich an alle Akteure in den gartenbaulichen Wertschöpfungsketten. Dabei ist für uns unbedeutend, ob die Teilnehmer der Befragung Inhaber eines Gartenbaubetriebes oder Beschäftigte im Gartenbau sind. Eine Teilnahme an der Befragung ist bis zum 1. Juli 2018 möglich. Die Ergebnisse der Studie richten sich ebenfalls an die gesamte Gartenbaubranche. Allerdings möchten wir vor allem der Primärproduktion, die nicht im direkten Kontakt zum Konsumenten steht, Erkenntnisse zur Wahrnehmung des Gartenbaus in der Gesellschaft vermitteln.

Sie untersuchen den Ruf der Branche. Wie beurteilen Sie aus Ihrer Perspektive das aktuelle Image der Gartenbau-Branche?

Der Ruf der Branche ist schwer zu beurteilen, da die Wahrnehmung von Missständen aktuell vor allem durch die Landwirtschaft beeinflusst wird. Aber auch Veröffentlichungen von NGOs über Rückstände auf Zierpflanzen und Schnittblumen führen zu einem Misstrauen in der Gesellschaft.

Außerdem ist unklar, ob der Verbraucher die Gartenbaubranche, insbesondere den Obst- und Gemüsebau, zum gegenwärtigen Zeitpunkt als eigenständige Branche wahrnimmt oder diese Sparten des Gartenbaus der Landwirtschaft zuordnet. Aber auch öffentliches Grün, wie Parks und Friedhöfe, der Gartenlandschaftsbau und Einzelhandelsgärtnereien sind Bereiche im Dienstleistungsgartenbau, die die Wahrnehmung des gesamten Gartenbaus beeinflussen. Solange unklar ist, welche Bereiche des Gartenbaus tatsächlich den Ruf prägen, lässt sich eine Beurteilung des Rufes nur schwer ableiten. Deshalb möchten wir von bloßen Einschätzungen weg, hin zu handfesten Ergebnissen.

Mit welchen Problematiken sehen sich die Betriebe und Institutionen aktuell und zukünftig konfrontiert?

Die Gartenbaubetriebe arbeiten in einem komplexen Umfeld, das die Betriebsleiter vor viele Herausforderungen stellt. Wir haben den Eindruck, dass die Betriebe vor einer Vielzahl an Herausforderungen stehen, die sie in unterschiedlichem Maße betreffen. Darunter zum Beispiel unvorhersehbare Klimaereignisse, wie Starkregen oder Spätfröste. Diese sind eine Gefahr für einige Betriebe und können zu erheblichen wirtschaftlichen Einbußen führen. Zudem führt ein Wegfall beziehungsweise Abbau der gartenbaulichen Forschung zu einer Verschlechterung der Verfügbarkeit von Informationen für die Betriebe und wirkt sich somit auch auf die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Gartenbaus aus.

Eine weitere Problematik offenbart sich darin, dass die Anforderungen des Lebensmitteleinzelhandels setzen die Betriebe unter Druck. In diesem Zusammenhang fordern gerade Konsumentengruppen mit einem gesteigerten Umweltbewusstsein nach Produkten mit entsprechenden Eigenschaften, wie z.B. Biozierpflanzen. Auch Konsumenten, die ihren Fokus stark auf Ernährung richten, fragen nach Gartenbauprodukten nach, wodurch zum Beispiel die Zahl der Beerenobstbetriebe stark gestiegen ist. Jedoch sollte letztlich nicht vergessen werden, dass eine Reaktion auf die veränderten Konsumentenwünsche zugleich auch Chancen für die Unternehmen eröffnet.

Eine fehlende Betriebsnachfolge führt zu Unsicherheiten bei Unternehmensentscheidungen. Besonders innovative Produktionstechniken und Erneuerungen sind in der Umsetzung mit einem erheblichen Risiko verbunden. Aufgrund der vor allem technisch sehr komplexen Produktion benötigen die Betriebe gut ausgebildetes Personal. Zugleich sinkt die Zahl der kleineren Betriebe vor allem im Zierpflanzenbau, Obstbau und in der Baumschule. Ein weiterer Punkt ist, dass insbesondere Transparenz und Nachweispflichten einen hohen Aufwand an Dokumentation fordern.

Die Vielzahl der Einflüsse verdeutlichen, dass die Gartenbaubetriebe in einer komplexen Umwelt arbeiten, die ein ständiges Beobachten und Reagieren notwendig macht. Die Anforderungen an Gartenbauunternehmer werden vermutlich auch zukünftig nicht sinken. Politische Eingriffe und Reglementierungen, wie z.B. bei Glyphosat oder Torf, machen eine weitere Anpassung der Produktion nötig. Allerdings können sich insgesamt auch Chancen aus dieser Vielzahl an zuvor erläuterten Problemen Problemen beziehungsweise Veränderungen ergeben. Entscheidend bleibt, dass den Betrieben ausreichend Informationen zur Verfügung stehen, um ein rechtzeitiges Reagieren zu ermöglichen.

Wie wird das Projekt finanziert und wie viel Zeit ist für das Vorhaben eingeplant?

Das Projekt wird im Rahmen der Forschungsarbeit des Zentrums für Betriebswirtschaft im Gartenbau (ZBG) durchgeführt. Die Finanzierung des ZBG erfolgt anteilig durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) und die Landwirtschaftsministerien der Länder. Wir haben das Projekt im letzten Jahr gestartet und uns in dieser Zeit vor allem mit bestehenden Methoden zur Rufmessung beschäftigt. Daraus ist der nun verfolgte Forschungsansatz entstanden. Wir möchten das Projekt im Frühjahr des nächsten Jahres abschließen.

Wann und wo kann mit ersten Ergebnissen gerechnet werden? Wo werden die Ergebnisse anschließend eingesetzt?

Bis Ende 2018 möchten wir erste Ergebnisse zur Wahrnehmung des Gartenbaus in der Gesellschaft bereitstellen. Außerdem ist geplant nach Ende der ersten Befragung im Juli, , die durch die Umfrage ermittelten Teilergebnisse zu veröffentlichen. Die Veröffentlichungen sind sowohl in wissenschaftlichen Zeitschriften als auch in der gartenbaulichen Fachpresse geplant. Selbstverständlich stehen wir für Interessierte auch vorzeitig bei Fragen zur Verfügung. Anschließend möchten wir die Ergebnisse für unsere Forschung nutzen, da unsere jetzigen Forschungsschwerpunkte Nachhaltigkeitsbewertung (Schmieder) und ökonomische Bewertung von Maßnahmen zur Bodenmüdigkeit (Brenneke) die Ausgangspunkte für diese Untersuchung waren.


Unterstützen Sie die Grüne Branche und das ZGB und lassen Sie Ihr Wissen und Ihre Erfahrung einfließen, indem Sie online abstimmen. Eine Teilnahme ist ab sofort noch bis zum 01. Juli 2018 möglich.