Grüne Branche

Interview: Mit Aquaponik den Puls der Zeit getroffen

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Frische und nachhaltige Lebensmittel aus der Region – ganz ohne lange Transportwege? Dieses Thema beschäftigt aktuell immer mehr Verbraucher, aber auch die Produzenten. Mit dem Konzept des sogenannten Urban Gardening bieten sich insbesondere für die grüne Branche neue Chancen und Möglichkeiten. So steht mitten im Herzen von Berlin die größte und modernste innerstädtische Aquaponik-Farm Europas. Auf dem Gelände einer ehemaligen Malzfabrik werden auf rund 1.800 Quadratmeter frisches Gemüse, Kräuter und Buntbarsche gezüchtet. Wir sprachen mit Nicolas Leschke, einer der Gründer und CEO der ECF Farm Berlin, über die Anlage, Erfahrungen mit Verbrauchern und zukünftige Visionen.

Geschäftsführer Nicolas Leschke und Mitgründer Christian Echternacht (v.l.n.r.) vor der ECF-Aquaponikfarm in Berlin-Schöneburg. Foto: ECF Farmsystems Berlin

Herr Leschke, wie funktioniert Ihre Anlage? 

Wir arbeiten mit einem Zwei-Kreislaufmodell. Das heißt, wir haben einen Wasserkreislauf in der Aquakultur und einen Wasserkreislauf in der Hydroponik und arbeiten mit Regenwasser, das wir über das Dach auffangen. Diese Kreisläufe sind miteinander verbunden, sodass die Ausscheidungen der Fische zu Nährstoffen umgewandelt werden können und zum Düngen der Pflanzen verwendet werden. Insgesamt können wir auf diese Weise 70 bis 90 Prozent Wasser gegenüber herkömmlichen Systemen einsparen. Außerdem können wir den Ressourceneinsatz und Abfall reduzieren, indem wir Nährstoffe aus den Fischausscheidungen gewinnen. Die Transportwege und Kühlketten sind kurz, wodurch wiederum Emissionen reduziert werden. 

Wir arbeiten in der Aquakultur ohne Medikamente wie Antibiotika und bei den Pflanzen mit biologischem Pflanzenschutz und Nützlingen (Insekten) zur Schädlingsbekämpfung. Die ECF Regeltechnik sorgt dafür, dass in beiden Systemen, Aquakultur und Hydroponik immer optimale Bedingungen für Pflanzen und Fische herrschen. 

Welche Produkte bietet die ECF-Farm an?

Momentan produzieren wir Basilikum und Barsch. Wir versorgen mit unserem Basilikum die REWE Filialen in Berlin und der Barsch geht an REWE, Metro und Frische Paradies sowie an einige Hotels und Restaurants in der Stadt. Derzeit produzieren wir etwa 350 Kilogramm Fisch und 8.000 Töpfe Basilikum in der Woche. Wir sind aber in unserem System sehr flexibel und können auch viele weitere Kräuter- und Gemüsesorten anbauen. Beispielsweise hatten wir auch schon Tomaten, Paprika, Gurken, Chili, Auberginen, Salate oder Kohl. 

Warum haben Sie sich für das Verfahren der Aquaponik entschieden?

Wir haben ursprünglich mal mit einer kleinen Containerfarm angefangen, weil wir die Idee, mitten in der Stadt Fisch und Gemüse zu produzieren und das Ganze in einem Ressourcen schonenden Kreislaufsystem, einfach sehr spannend fanden. Wir hatten ja zu Anfang in unserer Containerfarm eher für einen kleinen Bekanntenkreis produziert. Das Ganze hat dann so eine wahnsinnige Resonanz erfahren: zu unserem BarschBBQ kamen so viele Besucher, Presse, Nachbarn, die das Projekt spannend fanden und auch Produkte von uns beziehen wollten. Da wir damit scheinbar den Puls der Zeit getroffen haben, ist daraus der Gedanke entstanden, das System weiterzuentwickeln und zu optimieren und eine große, kommerzielle Aquaponikfarm mitten in Berlin zu bauen. 

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation und Entwicklung der Aquaponik in Deutschland?

Das Thema ist auf jeden Fall sehr gefragt. Wir haben immer wieder Besucher aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft, die sich für Urban Farming und besonders für Aquaponik interessieren. Auch erhalten wir viele Anfragen für sogenannte Projektstudien für den Bau weiterer Farmen in Deutschland aber auch weltweit. Generell passiert momentan sehr viel. Auch bezüglich der Möglichkeiten Aquakultur Kreislaufanlagen Bio zu zertifizieren, gibt es Interesse von verschiedenen Seiten. Das alles sind natürlich langwierige Prozesse, aber es wird deutlich, dass langfristig ein Umdenken in der Landwirtschaft stattfinden muss, nicht zuletzt um 10 Milliarden Menschen ernähren zu können. 

Von der Planung des Projektes bis heute: Welche Bilanz ziehen Sie?

Als Pioniere in diesem Bereich mussten wir viel lernen und dieser Lernprozess ist noch lange nicht abgeschlossen. 

Welches Feedback nehmen Sie aus Ihren bisherigen Erfahrungen mit?

Die Kunden sind begeistert von den Produkten und natürlich auch von der Idee, Lebensmittel zu kaufen, die direkt um die Ecke produziert wurden. Dadurch, dass unsere Produkte nur sehr kurze Strecken zurücklegen, sind sie besonders frisch, was sich positiv auf die Qualität auswirkt. Schlachtung und Verpackung von Fisch passiert bei uns alles direkt vor Ort und von der Abholung bis der Fisch im Supermarkt landet, vergeht maximal ein Tag. Daher kann man in der Hauptstadt eigentlich kaum frischeren Fisch finden, wenn man ihn nicht selbst angelt. 

Wir bekommen von unseren Kunden immer wieder E-Mails mit Rezepten und Fotos von ihren Fischzubereitungen und eigentlich durchweg positives Feedback. Es gab auch einige Sternerestaurants in Berlin, die den Fisch auf ihrer Karte hatten und sehr zufrieden waren. 

Das Basilikum verkauft sich auch sehr gut, da kommt auch immer wieder positives Feedback. Hier sind auch die Transportwege entscheidend. Dadurch, dass die meisten Topfpflanzen mehrere Tage unterwegs sind, bevor sie im Supermarkt landen, haben sie oft schon einen Transportschaden, von dem sie sich auch bei intensivster Pflege kaum erholen können. 

Unsere Pflanzen sind innerhalb eines Tages im Laden und dementsprechend schnell beim Kunden. Dadurch sind die Pflanzen einfach viel robuster und der Kunde hat viel länger Freude daran. Diese Rückmeldungen bekommen wir auch immer wieder von den Märkten und von den Endkunden, die zum Tag der offenen Tür kommen oder uns einfach so anschreiben, weil Sie unsere Infos und Kontaktdaten von der Verpackung haben. 

Sind noch weitere Projekte geplant?

Wir haben bereits eine große Dachfarm in der Schweiz für einen Gemüsegroßhändler gebaut und bauen derzeit eine weitere Dachfarm mitten in Brüssel.

Bildergalerie

  • Blick in den Arbeitsbinder, dem Zwischenraum der ECF Farm. Foto: ECF Farmsystems Berlin

  • Robert Dietrich, Betriebsleiter der ECF Farm Berlin, präsentiert frische Gemüse und Kräuter aus der Hauptstadt. Foto: ECF Farmsystems Berlin

  • Das Herz der ECF-Farm: Der Schaltschrank der ECF Regeltechnik. Foto: ECF Farmsystems Berlin

  • Eine Dachfarm von ECF Farmsystems in der Schweiz. Foto: ECF Farmsystems Berlin

  • Spatenstich des ECF-Teams im März 2015 vor der Aquaponik-Anlage in Berlin-Schönefeld. Foto: ECF Farmsystems Berlin

  • Die Aquaponik-Anlage auf dem Gelände einer ehemaligen Malzfabrik bei Nacht. Foto: ECF Farmsystems Berlin

  • Übersicht über die Buntbarsch-Aquakultur bestehend aus 20 Fischbecken in unterschiedlichen Größen. Foto: ECF Farmsystems Berlin

  • Gründer Nicolas Leschke im Gewächshaus der Hydroponik. Foto: ECF Farmsystems Berlin

  • Ein Mitarbeiter der ECF-Farm bei der Begutachtung von Schwarzkohl in der Hydroponik. Foto: ECF Farmsystems Berlin

  • Aquaponik – zusammengesetzt aus Aquakultur und Hydroponik - verbindet die Aufzucht von Fischen und die erdelose Kultivierung von Nutzpflanzen. Foto: ECF Farmsystems Berlin

  • Frischer Basilikum aus regionalem Anbau ohne lange Transportwege aus der Hauptstadt. Foto: ECF Farmsystems Berlin

  • Übersicht über das Gewächshaus und den angeschlossenen Farmers Market. Foto: ECF Farmsystems Berlin