Grüne Branche

Interview mit der Floristin Gabriele Kubo

Ein Interview mit der Floristin Gabriele Kubo führte Andreas von der Beeck. Sie lebt seit 18 Jahren in Japan und kehrte nun zur eigenen Sicherheit nach Deutschland zurück. Sie ist auch in Deutschland sehr bekannt. Seit dem 11. März 2011 beschäftigt uns Japan und seine Kultur viel mehr als jemals zuvor. Das Erdbeben und besonders die Atomkatastrophe machen betroffen und regen zum Nachdenken an.

Ihre persönlichen kreativen Seminare fanden in den Schulungsräumen in Chigasaki und Tokyo statt. Hier werden auch die Lehrerseminare der Hana-Ami Gestaltungsschule unter der Leitung von Kazumasa und Gabriele Kubo durchgeführt. Gabriele Kubo berichtet im Interview mit Andreas von der Beeck, wie sie die letzten Wochen erlebt hat. Sie ist nunmehr bei ihrer Familie in Baden-Württemberg angekommen.

Wie und wo haben Sie das Erdbeben und den nachfolgenden Tsunami erlebt?

Wir erlebten zunächst einen ganz normalen Tag. Am 11. März 2011 war ich in Chigasaki, 80 Kilometer südlich von Tokyo, in unserem Zuhause. Meine Tochter hatte an diesem Tag schon früh Schulschluss und war anwesend. Mein Mann unterrichtete in den unteren Schulungsräumen, und eine deutsche Freundin kam um 14 Uhr zu Besuch. Sie sagte, sie müsse gegen 15 Uhr wieder gehen und war gerade beim Aufstehen, als die Sirenen anfingen.

Wir waren irritiert über den Sirenenton, da er anders als üblich war. Es war der Warnton für die Gefahrenstufe eins. Und da fing das Erdbeben auch schon an, es schob und wankte, es war deutlich zu spüren, dass dieses Beben stärker war als alle bisherigen Beben. Über Lautsprecher wurde gewarnt: „oojishin, oojishin“, ein großes Erdbeben also. Wir sahen uns an und rannten los, die Treppe hinunter ins Freie. Wir haben einen großen Parkplatz vor unserem Haus, der für solche Momente sehr hilfreich ist.

Die Autos schoben sich auf ihren Parkplätzen hin und her, scheinbar unendlich oft. Die Telefonmasten schwankten, aber das Schlimmste an diesem Beben war der Ton, den die Erde verursachte, ein Knurren und Ächzen, das sich anhörte, als säße ein Riesenmonster unter der Erde. In Chigasaki gab es keine großen Schäden, nur 50 Kilometer weiter in Yokohama allerdings, da rissen Straßenzüge auf, klaffte die Erde auseinander. Im Fernsehen gab es dann die Information über das Epizentrum im Meer vor Tohoku.

Noch bevor wir irgendetwas vom Tsunami hörten, folgten mehrere starke Nachbeben, die uns immer wieder mit zitternden Knien auf die Straße laufen ließen. Es fuhren keine Züge mehr, nirgends, unsere Mitarbeiter mussten bei uns übernachten, sie kamen nicht mehr nach Hause. Mein Sohn musste von der Schule abgeholt werden wegen drohender Seebebengefahr, wir wohnen 15 Gehminuten vom Meer entfernt. Den Tsunami in Tohoku sah man das erste Mal erst abends im Fernsehen, in der Nacht folgten dann weitere Beben, es tat niemand ein Auge zu.

Sie sind später in den Süden zu der Schwiegerfamilie geflohen. Wie sind Sie dort hingekommen (Auto oder öffentliche Verkehrsmittel)? Wie war die Fahrt?

Wir beschlossen, am dritten Tag nach dem Beben in den Süden zu fahren. Auslöser war eines der Nachbeben, wieder mitten in der Nacht, das uns wieder auf die Straße jagte. Es war das Beben Stärke 6 in Shizuoka, das ist die Präfektur neben uns, in der sich der Mt. Fuji befindet. Das Bild auf dem Fernsehschirm mit dem Mt. Fuji links von uns, dem riesigen Pazifik direkt vor uns und dazwischen einer hochrot markierten Fläche gab den Ausschlag für die Abreise. Ich habe noch in der Nacht zu packen angefangen. Die vielen Nachbeben zerrütten einen nervlich, jedes Mal rechnet man mit noch Schlimmerem. Mit dem Auto zu fahren, ist in solchen Situationen unsinnig, man weiß nicht, wie weit man kommt, das Benzin war auch sehr schnell schon rationiert worden. Wir fuhren mit dem Shinkansen (Anm. d. Red.: mit dem Zug) in den Süden. Die Fahrt war erträglich, wir versuchten, ab Bahnhof Tokyo Plätze zu bekommen. Alle reservierbaren Abteile waren ausverkauft, auch die erste Klasse, wir mussten drei Züge durchlassen und anstehen, bis wir Plätze in einem frei belegbaren Abteil bekamen. Schon in Shinagawa, dem Bahnhof nach Tokyo, drängten Leute dazu, die dann stehend bis in den Süden fuhren. Wie üblich, herrschte sehr viel Disziplin in den Zügen, keiner schimpft, keiner dreht durch, stoische Ruhe.

Konnten Sie problemlos das Land verlassen?

Man konnte das Land zu jedem Zeitpunkt verlassen. Der Höhepunkt waren sicher die ersten Tage nach dem Beben, in denen die Schäden in Fukushima bekannt wurden, in diesen Tagen kam es zu den Meldungen über die horrenden Flugpreise. Nach fünf Tagen war die Reisesituation relativ normal, jeder der fliegen wollte, bekam einen Platz. Wir beschlossen, am 16. März auszufliegen, mit dem letzten Sonderflug der Lufthansa von Osaka nach München.

Es ist bewundernswert, wie die Japaner mit dieser Situation umgehen. Ja, absolut bewundernswert. In wahrscheinlich keinem Land dieser Welt wird einer Katastrophe diesen Ausmaßes mit soviel Ruhe und Mut begegnet. Meine Landsleute dort sind von einer ungemeinen Seelenkraft und einer Prise Fatalismus geprägt. Statt in Chaos zu verfallen, nehmen sie ihre Kräfte zusammen und machen einfach weiter mit ihren Aufgaben. Sie tun, was zu tun ist, sie organisieren sich, der Run auf Batterien, Benzin, Lebensmittel fand statt, aber immer ohne Aggressionen, bekam man kein Benzin, stellte man sich eben am nächsten Tag nochmals an.

Wie denken ihre Freunde über diese Katastrophe?

Meine Freunde in Japan halten sich mit Argumentationen zurück, man hört oft das Wort „shoganai“, „kann man nichts machen“. Sie erkundigen sich dafür eher danach, wie es dem anderen geht. Japan wird hoffentlich endlich etwas politisiert durch diese Katastrophe, auch unter meinen japanischen Freunden macht sich langsam Unmut über die Regierung und die Firma Tepco breit. Deutsche Freunde reagierten auf die fürchterliche Dreier-Kombination wesentlich emotionaler als die Japaner um mich herum.

Wie schnell kann sich Japan und die japanische Floristik-Branche von dem Unglück erholen?

Das steht in den Sternen. Für mein Gefühl werden die Japaner versuchen, so weit wie möglich ihr bisheriges Gebilde aufrechtzuerhalten. Unsere Floristikkurse finden wie üblich statt. Japaner stehen zu ihrer Firma und ihren Gruppen, und dazu gehört auch das Schüler-Lehrer-Gefüge. Die Antwort auf diese Frage wird aber erst die Zukunft erbringen können. Brennende Fragen sind im Moment, natürlich neben dem Verlauf des AKWs, wie im Sommer gekühlt werden soll. Die Regierung hat Stromsperrungen speziell für den Sommer vorgesehen. Der Stromverbrauch ist durch Air Condition und Kühlungen im Sommer am höchsten, die Sommermonate sind in Japan extrem heiß, und jeder fragt sich nun, wie Lebensmittel und auch Blumen dann gekühlt werden sollen. Dieser Sommer wird also einer der problematischsten in der Geschichte Japans werden. Das ist der Fluch der Technologie.

Zur Person Gabriele Kubo

Geboren wurde Gabriele Kubo am Bodensee und lernte später in der Staatlichen Fachschule für Blumenkunst in Weihenstephan. Sie lebte in den letzten 18 Jahren in Japan. Ihr Schwerpunkt sind floristische Seminare für Profis. Ein weiterer wichtiger Teil ihrer Arbeit sind Publikationen für japanische und deutsche Verlage. Zusammen mit ihrem Mann Kazumasa organisiert sie die „International Teachers of Floristry“-Seminare unter der Leitung von Gregor Lersch.

„Wir haben ein Return-Ticket gekauft. Ich und die Kinder wollen zurück“, sagt sie. Andere Länder wie Frankreich, USA und UK hätten mehr für ihre Leute getan und sie kostenfrei aus Japan ausgeflogen, so ihre Erfahrung. Selbst Rumänien konnte sich das leisten. Deutschland aber nicht. Viele Japaner haben inzwischen ihre Familien in den Süden in Sicherheit gebracht, aber die Männer bleiben häufig in Tokyo.

Ein Japaner verlässt sein Land in der Krise halt nicht, ist zu hören. Kazumasa Kubo leitet aktuell die Schule alleine. Ein guter Freund des Hauses Kubo wird sein Seminar ebenfalls in Japan durchführen. Gregor Lersch wird im Mai erwartet. Es wird lediglich überlegt, diesen Workshop im Süden des Landes durchzuführen, weil es dort derzeit für alle sicherer ist. Bis dahin möchte Gabriele Kubo mit ihren Kindern schon längst wieder in Japan sein. Wir drücken die Daumen, dass das klappt und die Situation wieder besser wird. Die aktuelle Situation lässt das aber nicht als realistisch erscheinen.

Weitere Information sind unter www.gabrielekubo.com zu finden.