Grüne Branche

Interview: Wo steht der Gartenbau in 30 Jahren?

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Welchen Herausforderungen muss sich der Gartenbau gegenwärtig stellen? Und welche Bedeutung wird die Produktion von Blumen, Pflanzen und Bäumen in 30 Jahren haben? Diese Fragen stellten wir Prof. Dr. Uwe Schmidt, Humboldt-Universität zu Berlin und Präsident der Deutschen Gartenbauwissenschaftlichen Gesellschaft (DGG).

Prof. Dr. Uwe Schmidt hat für uns einen Blick in die Zukunft des Gartenbaus geworfen. Foto: privat

Vor welchen Herausforderungen steht der Gartenbau Ihrer Meinung nach?

Der Gartenbau ist eine hochinnovative Branche innerhalb der Agrarwissenschaften. Viele Erkenntnisse zur Pflanzenphysiologie, dem Pflanzenschutz, der Anbautechnologien für intensive Pflanzenkulturen, der Ökonomie und Ökologie oder der Steuerung von Produkt- und Prozessqualität kommen aus den Laboren und Versuchsgewächshäusern der gartenbauwissenschaftlichen Forschung. Warum gelingt es also nicht, den Balanceakt zwischen Grundlagenforschung und Wissenschaftstransfer zu gestalten und vor allem in der Gesellschaft das Bild einer modernen Wissenschaft des 21sten Jahrhunderts zu entwickeln?

Die Herausforderungen lassen sich unter dem inzwischen schon fast abgenutzten Begriff der Nachhaltigkeit zusammenfassen. Mehr Nahrungsmittelproduktion von immer weniger Fläche, gesteuerte Produktionssysteme in geschlossenen Kreisläufen, Verzicht auf chemischen Pflanzenschutz und in den Öko-Betrieben auf mineralische Dünger. Eine effiziente Betriebswirtschaft ist der Schlüssel zur Entwicklung der Betriebe. Die Energiepreise werden wieder steigen, Wasser und Nährstoffe werden zum knappen Gut. Insbesondere beim Kostenfaktor Arbeit wird es zur Sicherung der Überlebensfähigkeit der Betriebe Innovationen wie Automation und Robotertechnik geben müssen.

Als in der Landwirtschaft das „precision farming“ erfunden wurde, waren die Computer längst schon in die Steuerungen der Gewächshausanlagen eingezogen. Seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts werden Nutzpflanzen in Gartenbau-Betrieben mit hohem Erfolg erdelos angebaut und optimal mit Nährlösung versorgt. Auch ohne Gentechnik konnten so Erträge von Gemüsekulturen dramatisch gesteigert werden.

Andererseits ist es der durch Bewässerung und Düngung wieder funktionierende Gemüsegarten und die kleine Aquaponik-Farm im Dorf der Siedlungen in Afrika und anderen armen Kontinenten dieser Erde, die Menschen durch eigene Arbeit wieder satt machen und kleine Betriebe entstehen lässt. Immer wieder kommen unbekannte Kulturpflanzen mit interessanten Eigenschaften auch bis in die reichen Länder der Erde zurück, die durch die Gärtner in den Markt gebracht werden. Warum wird deshalb der Gartenbau immer wieder in eine Ecke gestellt, die nach Schlichtheit und wenig Anspruch auf Wissen und Können aussieht?

Gartenbau-wissenschaftliches Know-how wird dringend benötigt, um die Agrarsysteme der Zukunft anzudenken. Produktion gesunder Nahrungsmittel in Symbiose mit der Landbewirtschaftung, der Industrie und – ja – auch mit den wachsenden Großstädten ist die Lösung für die Zukunft.

Wo sehen Sie den Gartenbau in 30 Jahren? Gibt es dann überhaupt noch die Produktion von Bäumen und Zierpflanzen, angesichts der Notwendigkeit, die immer weiter steigende Weltbevölkerung zu ernähren?

Das Interesse der Forschung in den Agrar- und Gartenbau-Wissenschaften fokussiert derzeit stark auf die Ernährung und angesichts des noch immer nicht besiegten Hungers in der Welt ist dies auch das vorrangige Ziel der agrarwissenschaftlichen Forschung. In 30 Jahren werden gartenbauliche Erkenntnisse und Technologien weiter in die Agrarwirtschaft vorgedrungen sein und Gartenbau-Betriebe werden mit Abwärme, Solarenergie und in geschlossenen Systemen produzieren. Mittels moderner IT-Systeme werden Prozesse nachhaltiger gesteuert und die Verbraucher besser informiert. Agrarproduktion wird kombiniert und verbunden – insbesondere der pflanzlichen Nahrung aber auch neuen Nahrungsquellen wird eine höhere Bedeutung zufallen.

Ja, und wo bleiben die anderen gartenbaulichen Produkte? Orchideenfächer heißen die kleinen und hübschen Fächer an den Universitäten, die auch wichtig sind, jedoch bei jeder Bemühung um vermeintliche Exzellenz nach hinten gestellt werden. Im wahrsten Sinne des Wortes ist es der Zierpflanzenbau, der unter diesem Stigma zu leiden hat. Wie ist es sonst zu erklären, dass zwei Drittel der gartenbaulichen Wertschöpfung in Deutschland aus dem Zierpflanzenbau kommen, aber die wissenschaftlichen Einrichtungen, die sich mit diesem Bereich beschäftigen, am schnellsten ausgedünnt werden?

Grüne Städte werden nicht durch Architekten geplant, sondern es braucht Fachkompetenz, um Bäume, Gehölze und Zierpflanzen in den Städten und auf dem Land so zu etablieren, und Lebensqualität entstehen zu lassen.

Vielleicht wird man den etwas sperrigen und altmodisch erscheinenden Begriff Gartenbau zumindest in der Wissenschaft nicht mehr verwenden, aber es wird Forschung und Entwicklung zur intensiven Kultivierung von Nutzpflanzen und nachhaltigen agrarischen Systemen sowie zum Erhalt und der Gestaltung einer lebenswerten Umwelt geben und dort werden wir Gartenbauer und Gartenbau-Wissenschaftler sehr gefragt sein.

Welche Bedeutung hat die TASPO für die Branche und für Sie persönlich?

Branchenspezifische Fachzeitschriften wie die TASPO sind enorm wichtig für die Kommunikation und den Informationsaustausch unter den Praktikern, aber auch zwischen Wissenschaft, Beratung und Praxis. Leider kommen wir Wissenschaftler kaum noch dazu, diese Zeitschriften zu lesen oder Beiträge zu schreiben, da der Druck auf Publikationsleistung in wissenschaftlichen Journalen sich in den letzten Jahren extrem verschärft hat und wir immer stärker nur noch am Umfang unserer eingeworbenen Projektmittel bewertet werden.

Das ist schade, und ich sehe diesen Trend als Auswirkung einer nicht verstandenen Aufgabe von Wissenschaft in der Gesellschaft. Wie sollen Leistungen der Gartenbau-Wissenschaften vom Berufsstand wahrgenommen werden, und wie kommen wir Wissenschaftler an Informationen über die Sorgen und Nöte der Gartenbau-Unternehmen?

Vielleicht müssen wir an unseren Lehrstühlen und Fachgebieten auch unsere Nachwuchswissenschaftler darum bitten, auch mal bereits publizierte Erkenntnisse allgemeinverständlich zusammenzufassen und in die TASPO zu bringen. Ob sie sich die Zeit dafür neben den Aufgaben in den strukturierten Doktoranden-Programmen nehmen können, bleibt fraglich.