Grüne Branche

Kommentar: Verbraucher diktiert indirekt Produktionsweise

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Das Verbrauchermaganzin ÖKO-Test bemängelt in seiner jüngsten Ausgabe Pestizidbelastungen in Schnittrosen. Einige Kritikpunkte entsprechen den Tatsachen, bedürfen aber einer differenzierteren Betrachtung, ist sich Thomas Wiehler, Geschäftsführer des Erzeugerrings für Hochbaumschulpflanzen Bayern, sicher. Im ersten Teil der dreiteiligen Kommentarreihe beleuchtet der Fachmann die Bereiche Handel und Verbraucher.

Verbraucher diktiert mit Konsumverhalten indirekt Produktionsweise

Der Handel mit Waren, die ein Öko-Label tragen oder nach bestimmten (Sozial-)Standards produziert wurden, ist in Deutschland seit einigen Jahren zunehmend. Zugleich diktiert der Verbraucher mit seinem Konsumverhalten - zumindest indirekt - weiterhin den Preis und in der Folge die Produktionsweise. So ist es wenig erstaunlich, dass in einer globalisierten Welt auch Rosen aus Billiglohnländern eingeflogen werden.

Wenngleich sich einige von Schlagzeilen wie „Rosensträuße voller Pestizide“ kurz wachrütteln lassen, interessiert sich die Mehrheit der Verbraucher im postfaktischen Zeitalter weiterhin kaum bzw. nicht für Hintergründe der Produktion. Dies zeigt sich vor allem bei Waren, die nicht der Ernährung dienen. Auch bei makellos aussehende Zierpflanzen frönt man lieber der „Geiz-ist-geil“-Mentalität.

Handel klärt ungenügend über Produktionsaufwand auf

Statt über Grenzen eines ökologischen Anbaues, allgemeinen Produktionsaufwand und gesetzliche Rahmenbedingungen aufzuklären, wälzt der Handel den Preisdruck auf die Produzenten ab. Zur Absicherung der Händler müssen Anbauer häufig eine in der Regel kostenpflichtige Dokumentation erbringen und teils über das gesetzliche Mindestmaß hinausgehende Auflagen erfüllen.

Dem Endkunden gegenüber wird im Weiteren ein Mehrwert in Form von Labeln suggeriert, ohne dass den Produzenten der Mehraufwand vergütet wird. Konkreten Vorgaben bei der Produktion außerhalb der EU wurde bislang offenbar zu wenig Beachtung geschenkt. Dem ÖKO-Test-Artikel nach haben einige Händler vielmehr den Einkauf (und damit den Anbau) in Länder verlagert mit legereren Auflagen, niedrigeren Löhnen, weniger Kontrollen, ... in kurz gesagt: vermeintlich besseren Produktionsbedingungen.

Ehec-Krise zeigte die Grenzen von Zertifizierungssystemen

Die Grenzen von nur dokumentierenden Zertifizierungssystemen, deren Labels häufig nur für den B2B-Bereich vorgesehen sind, zeigte einst die Ehec-Krise. Selbst Anbauer, die bürokratischen Vorgaben gleich mit mehreren Zertifikaten nachkamen und hierfür obendrein bezahlten, standen plötzlich ohne Rückendeckung da. Trotz guter Qualitäten und legal produzierter Waren, wurden tonnenweise z.B. einwandfreie Gurken und Tomaten vernichtet, obwohl diese - wie sich später herausstellen sollte - nicht ursächlich für die damalige Katastrophe waren. Auf dem Schaden blieben die deutschen Gärtner sitzen. Die Labels waren das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt waren.

Im Vergleich zu Lebensmitteln agiert die große Mehrheit der Verbraucher wie oben bereits dargestellt bei seinem Konsumverhalten von nicht der Ernährung dienenden Waren anders. Äußere Qualität und Preis sind - zumindest derzeit - weiterhin vorrangig. Diese Handlungsweise ist bei Zierpflanzen und im Freiland kultivierten Gehölzen grundsätzlich nachvollziehbar. Hier geht es in erster Linie um den Zierwert, der ohne chemische Pflanzenschutzmittel nicht immer zu erzielen ist. Verbraucher und Handel sind aber nicht allein verantwortlich.

Fazit: Handel und Endkunden kennen Rahmenbedingungen der Produzenten zu wenig

Endkunden und Handel kennen die Rahmenbedingungen der Produzenten leider häufig zu wenig. Einige Vorstellungen sind abstrakt und nicht praktikabel im Sinne von qualitativ hochwertigen, gesunden und attraktiven Pflanzen zu marktakzeptablen Preisen. Damit keine Missverständnisse entstehen: Umwelt-, Anwender-, Verbraucher und Bienenschutz sind beim Pflanzenschutz sehr wichtig. Rein biologischer Pflanzenschutz kann in einigen Kulturen funktionieren (insbesondere in Gewächshäusern). Ganz ohne chemischen Pflanzenschutz wird es auf absehbare Zeit - zumindest in Baumschulen und Staudengärtnereien - aber kaum gehen.

In den kommenden beiden Teilen der Kommentarreihe befasst sich Branchenexperte Thomas Wiehler mit den Themenkomplexen Medien, Produzenten in Drittweltländern, der Rolle der EU und der Mitgliedsstaaten sowie der Besonderheit des chemischen Pflanzenschutzes in Baumschulen. Den nächsten Teil der Kommentarreihe lesen Sie am Donnerstag auf www.taspo.de und am Freitag in den TASPO News.