Kultur-Experiment: Gaultherien aus regionaler Produktion

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Thorsten Lehr und seine Mutter Martina inmitten der neuen Gaultherien-Kultur. Foto: Lehr

Schuster, bleib bei deinen Leisten: Dieser geflügelte Spruch trifft auch auf den Gartenbau zu. Hat ein Betrieb die zu ihm passenden Kulturen gefunden, sind die Arbeitsabläufe darauf ausgerichtet, ist ein Kundenstamm aufgebaut – dann wird in der Regel und ohne Not nicht so schnell eine neue Kultur aufgenommen. Schon gar nicht, wenn es sich wie bei Gaultherien um eine als schwierig angesehene Kultur handelt. Genau das aber hat Thorsten Lehr gemacht.

Zusätzliche Kultur mit hohen Ansprüchen

„Unsere Gärtner sprechen mit viel Anerkennung über diesen Versuch, 10.000 Gaultherien aus regionaler Produktion auf den Markt zu bringen“, erläutert Rainer Obermeyer, Geschäftsführer des Blumengroßmarktes Ulm. An den liefert Thorsten Lehr hauptsächlich. Der junge Gärtner leitet in dritter Generation gemeinsam mit seiner Mutter (die sich hauptsächlich um den Endverkauf und das Blumenfachgeschäft kümmert) den Gartenbau-Betrieb in Heidenheim an der Brenz. Übernommen hat er den Betrieb, nach dem frühen Tod seines Vaters im Jahr 2016, mit gerade einmal 26 Jahren.

Das Produktportfolio enthält auf den ersten Blick eher wenig Überraschendes: Ein Frühjahrsprogramm etwa mit Violen und Bellis, gängige Beet- und Balkonpflanzen, Sommerblumen und Lavendel, später im Jahr Chrysanthemen oder Silberblatt. Und nun 10.000 Gaultherien – für die man, wie Thorsten Lehr selbst sagt, „Fingerspitzengefühl“ benötigt. Es sei eine Kultur „mit hohen Ansprüchen“ und „fachlich interessant.“ Mit der sich der Gartenbau-Betrieb nun ein Stück weit „vom Standardprogramm entfernt.“

Zuvor keine regionale Produktion im Umfeld

Thorsten Lehr ist 31 Jahr alt, doch alles andere als jugendlich blauäugig. Er hat sich genau überlegt, was er will und ob der eigene Gartenbau-Betrieb das hergibt, was diese spezielle Kultur so alles verlangt. Zunächst einmal das wirtschaftliche Umfeld. Gaultherien werden vor allem in den großen Azerca-Betrieben am Niederrhein produziert. In Ulm, um Ulm und 150 Kilometer um Ulm herum gibt es keine regionale Produktion dieser Heidekrautgewächse.

Dieses Moment der regionalen Erzeugung will Thorsten Lehr nutzen. Entgegen kommt ihm dabei die Vermarktungsstruktur des Blumengroßmarktes Ulm. Mit Geschäftsführer Rainer Obermeyer wurde das Projekt seit den Anfängen im Jahr 2020 eingehend besprochen: Mengenplanung, Zeitplanung, mögliche Preisstrukturen, mit Blick auf die Friedhofsgärtner Festlegung auf 10,5er-Töpfe und auf eine einjährige Kultur. Der genossenschaftlich organisierte Blumengroßmarkt Ulm (Thorsten Lehr ist Mitglied des Aufsichtsrats) ist regional orientiert. Was aus heimischer Produktion kommen kann, das wird nicht überregional zugekauft. Thorsten Lehr kann also sicher sein, dass er in seinem wichtigsten Vertriebskanal zunächst einmal keine Konkurrenz mit Dumpingpreisen zu befürchten hat.

Technische Voraussetzungen günstig für Gaultherien

Ebenso wie die äußeren Bedingungen sprachen die Voraussetzungen des Gartenbau-Betriebs für das Experiment. Ein Großteil der 8.500 Meter Gewächshausfläche ist mit Folie überdacht. Die lässt sich problemlos entfernen, was bei Gaultherien ab Anfang Juni notwendig ist. „Erst durch die Freiland-Sonne werden die Pflanzen kompakt, ab 25 Grad Celsius wachsen sie kaum noch“, erklärt Thorsten Lehr. Die Produktion war „die erste neue Kultur“ in seinem noch jungen Gärtnerleben. „Ich hatte aber sehr engagierte und zuverlässige Partner“, freut er sich. „Ohne die und ohne die vom Blumengroßmarkt Ulm geschaffenen Voraussetzungen hätte das alles nicht geklappt,“ ist sich Thorsten Lehr sicher.

► Mehr über den Gartenbau-Betrieb von Thorsten Lehr und sein „Kultur-Experiment“ lesen Sie in der TASPO 39/2021.