Marktanalyse: Wo steht die Branche nach zwei Jahren Pandemie?

Veröffentlichungsdatum: , Daniela Sickinger / TASPO Online

Der sich schon vor der Pandemie abzeichnende Urban-Jungle-Trend gipfelte durch die Pandemie und das verstärkte Arbeiten im Homeoffice in einem regelrechten Run auf grüne Zimmerpflanzen. Foto: Alex Muchnik/Messe Essen

Die Corona-Pandemie hat für einen regelrechten Run auf Pflanzen und Rekordumsätze im Gartenbau gesorgt. Und es gibt erste Anzeichen, dass das plötzlich gestiegene Interesse an lebendem Grün langfristig nachwirkt, wie eine von der IPM Essen in Auftrag gegebene Marktanalyse der Agentur Co Concept zeigt.

Pro-Kopf-Ausgaben für lebendes Grün deutlich gestiegen

Die Corona-Pandemie mit ihren Lockdowns und Reisebeschränkungen ließ viele ihre Liebe zur Natur, zu Blumen und Pflanzen wieder oder neu entdecken – das eigene Zuhause, der eigene Garten oder Balkon wurden in den vergangenen zwei Jahren zu Orten der Erholung und Entspannung. Dabei griffen Endverbraucher auch gerne etwas tiefer in ihr Portemonnaie, wie der jetzt vorgelegte IPM Marktbericht 2022 zeigt. Demnach wies die Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) für 2020 ein rekordverdächtiges Marktvolumen von 9,44 Milliarden Euro für lebendes Grün aus, was einem Plus von 5,2 Prozent gegenüber 2019 entspreche. Für 2021 wird sogar mit einem Anstieg des Marktvolumens in Höhe von neun Prozent gegenüber dem Vorjahr gerechnet. Die Pro-Kopf-Ausgaben für Blumen und Pflanzen stiegen den Angaben zufolge von durchschnittlich 108 Euro (2019) auf 113 Euro (2020) und 124 Euro (2021).

Die starke Nachfrage der Konsumenten schlug sich laut der von der IPM Essen beauftragten Marktbetrachtung auch im Großhandel nieder – beispielsweise meldeten Landgard und die Veiling Rhein-Maas bereits nach dem ersten Quartal 2021 deutliche Umsatzsteigerungen, und bei der Royal FloraHolland wurde die Umsatzschwelle von einer Milliarde Euro erstmals schon in der ersten Märzwoche 2021 und damit rund drei Wochen früher als in den vorherigen Jahren erreicht.

Niederlande exportieren mehr Blumen und Pflanzen

Von einem Rekord-Exportwert von rund 4,1 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2021 berichtet auch der niederländische Fachverband für den Großhandel mit Blumen und Pflanzen (VGB): Der Gesamtexport der Niederlande legte demnach um etwa 16 Prozent gegenüber dem „Vor-Pandemie-Jahr“ 2019 zu, im dritten Quartal 2021 wurde sogar ein Plus von 18 Prozent im Vergleich zum dritten Quartal 2019 erreicht. Differenziert nach den einzelnen Zielländern, steche besonders Großbritannien heraus – insgesamt 30,6 Prozent mehr Blumen und Pflanzen wurden im vergangenen Jahr insgesamt von den Niederlanden ins Vereinigte Königreich exportiert. Auch nach Frankreich (plus 19,5 Prozent) und Deutschland (plus 8,4 Prozent) wurden im vergangenen Jahr laut VGB mehr Pflanzen aus den Niederlanden exportiert.

Systemhandel profitiert vom Lockdown im Facheinzelhandel

Mit Blick auf die einzelnen Absatzkanäle falle auf, dass der größte Exportanteil der Niederlande mit 34 Prozent inzwischen auf Supermärkte entfällt, gefolgt von Großhandel (29 Prozent), Gartencentern (14 Prozent), Cash & Carry-Märkten (acht Prozent) und Blumenfachgeschäften (sieben Prozent). Die übrigen zehn Prozent entfallen den Angaben zufolge auf übrige Absatzkanäle. „Es scheint, als hätten die Supermärkte ihren Vorteil, während des ersten Lockdowns als einzige Blumen und Pflanzen verkaufen zu dürfen, genutzt und sich bei den Verbrauchern als Anbieter von Blumen und Pflanzen etabliert“, so die Einschätzung von Andreas Löbke, Gartenbau-Ingenieur und Autor des Marktberichts.

Wie es weiter heißt, profitierte laut GfK-Paneldaten auch in Deutschland der Systemhandel – LEH und Discounter – vor allem im ersten Quartal 2021 vom allgemeinen Lockdown im Facheinzelhandel. Bei Deko-Sträußen etwa habe der Systemhandel gegenüber dem Vorjahresquartal ein Ausgabeplus von über 80 Prozent verzeichnet. „Da Deko-Sträuße eigentlich eine klassische Produktgruppe des Facheinzelhandels darstellen, lässt sich vermuten, dass die Verbraucher den LEH und Discount zu Jahresbeginn/während des Lockdowns als eine neue Einkaufsquelle für typische Produktgruppen des Gartenfacheinzelhandels entdeckt haben“, führt die Marktanalyse dazu aus. Beobachtungen einiger Blumengroßhändler in 2021 ließen demnach vermuten, dass sich die Verlagerung der Ausgaben und Einkaufsmengen bei Schnittblumen in den Systemhandel weiter verschärfen wird.

Preiserhöhungen waren bei Verbrauchen weitgehend durchzusetzen

Dass die Preise für Pflanzen 2021 deutlich gestiegen sind, belegen der Marktanalyse zufolge Erhebungen des Lehr- und Versuchszentrums für Gartenbau in Erfurt zur letztjährigen Beet- und Balkonpflanzen-Saison – Preiserhöhungen von fünf Prozent und mehr konnten demnach in weiten Teilen mühelos bei den Verbrauchern durchgesetzt werden, im Durchschnitt aller Sortimente wurde eine Preissteigerung von 13 Cent je Topf beobachtet. Notwendige Preisanpassungen waren der Marktanalyse zufolge im vergangenen Jahr auch in den Endverkaufsbaumschulen möglich, insbesondere Solitärpflanzen wurden bedingt durch erhöhte Einkaufspreise im Verkaufspreis nach oben korrigiert. Durch eine ansprechende und hochwertige Präsentation seien vereinzelt Preissteigerungen von 100 Prozent zu beobachten gewesen, die anstandslos von der Verbraucherschaft bezahlt wurden. Von gestiegenen Preisen berichten demzufolge auch die Blumengroßmärkte.

Trotz „Umsatz-Explosionen“ deutlich geringere Gewinne im Gartenbau

Allerdings reichen die Preiserhöhungen von durchschnittlich zehn Prozent bei Blumen und Pflanzen im Ergebnis nicht aus, um die gestiegenen Produktionskosten der Gartenbau-Betriebe zu kompensieren, wie erste Auswertungen des Zentrums für Betriebswirtschaft im Gartenbau Hannover (ZBG) gezeigt hätten. Angeführt werden hier die steigenden Rohstoffpreise unter anderem bei Metallen, Bau- und Kunststoffen, steigende Logistikkosten (bis zu 20 Prozent teurer als im Vorjahr), steigende Heizkosten (Heizöl 50 Prozent teurer als im Vorjahr) sowie steigende Kosten für Pflanztöpfe (20 Prozent teurer als im Vorjahr). Bereits 2020 habe das ZBG in seiner Corona-Zwischenbilanz darauf hingewiesen, dass 33 Prozent der Gartenbau-Betriebe trotz „Umsatz-Explosionen“ einen deutlich geringeren Gewinn als in den Vorjahren hatten. Angesichts der 2021 noch einmal gestiegenen Gestehungskosten sei zu erwarten, dass sich die Situation noch verschärfen wird, heißt es dazu in der Marktanalyse.

Branche muss Pflanzenhype jetzt bei Konsumenten festigen

Einen Blick in die Zukunft wirft die von Co Concept im Auftrag der IPM Essen erstellte Betrachtung auch in Bezug auf die Frage, ob der Pflanzenhype weiter anhalten wird – demnach gibt es erste Anzeichen, dass das während der Pandemie plötzlich gestiegene Interesse an Grün langfristig nachwirken werde. In den Sommermonaten 2021 etwa sei zu beobachten gewesen, dass Blumen und Pflanzen trotz einer Rückkehr zum alten Reiseverhalten auf einem ähnlichen Niveau nachgefragt wurden wie im Rekordsommer 2020. Wichtig sei jetzt, den Pflanzenhype bei den Verbrauchern zu festigen und insbesondere die jüngeren Kunden weiter für die Grüne Branche zu begeistern. „Wenn wir es jetzt schaffen, die jungen Konsumenten nachhaltig für unsere Produkte zu begeistern, dann haben wir es geschafft. Dann wird die Zukunft nicht nur grün, sondern auch rosig“, so das Fazit von Löbke.

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