Grüne Branche

Mehr ausländische Fachkräfte in deutschen Unternehmen

Dem allerseits beklagten Fachkräftemangel will die Bundesregierung mit einer neuen Gesetzgebung begegnen. So stimmte der Bundesrat im November dem Gesetz zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen zu. Es tritt am 1. April 2012 in Kraft.

Kontakte zu angehenden Fachkräften aus anderen Ländern ermöglicht beispielsweise die European Landscape Contractors Association (ELCA). Auf diesem Weg sammelte die ungarische Landschaftsarchitektur-Studentin Adrienn Veisz (hinten, Mitte) im Familienbetrieb Gartenbau Haske GbR im niedersächsischen Emstek vier Monate lang praktische Erfahrung im Garten- und Landschaftsbau. Foto: ELCA

Bislang fehlten geeignete Bewertungsmaßstäbe und -verfahren, mit deren Hilfe Bildungsabschlüsse und im Beruf erlangte Fähigkeiten ausländischer Arbeitnehmer ausreichend bewertet werden können. Die Regelungen zur Anerkennung von ausländischen Abschlüssen und Qualifikationen waren darüber hinaus unzureichend und nicht bundeseinheitlich geregelt. Dem will das neue Gesetz Abhilfe schaffen. Zielsetzung ist es hierbei, einerseits Potenziale des in Deutschland lebenden Personenkreises mit Migrationshintergrund besser zu nutzen, andererseits die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte zu erleichtern. So ermittelte eine Sonderauswertung des Mikrozensus 2008 im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) rund 2,9 Millionen in Deutschland lebende Personen mit Migrationshintergrund, die ihre höchsten Bildungsabschlüsse im Ausland erwarben. Rund 300.000 von ihnen, so die Schätzung des BMBF, könnten nun auf Grund der neuen Gesetzeslage ein Anerkennungsverfahren anstreben. Das neue Bundesgesetz betrifft zunächst 350 sogenannte nicht reglementierte Berufe (Ausbildung im dualen System nach Berufsbildungsgesetz und im Handwerk), die unter der Obhut des Bundes stehen. Ein hohes Interesse am neuen Anerkennungsverfahren sieht Bundesbildungsministerin Annette Schavan insbesondere im Bereich von arbeitslosen sowie unterhalb ihrer Qualifikation beschäftigten Zuwanderern.

Das Anerkennungsgesetz umfasst nach Information des BMBF auch Anpassungen in bereits bestehenden Regelungen zur Anerkennung von Berufsqualifikationen in rund 60 auf Bundesebene geregelten Berufsgesetzen und Verordnungen, darunter auch die Änderung der Pflanzenschutz- und Sachkundeverordnung (Artikel 27) sowie für die reglementierten Berufe, also zum Beispiel für die akademischen und nichtakademischen Heilberufe und die Handwerksmeister. Wie es weiter heißt, haben die Länder angekündigt, die berufsrechtlichen Regelungen in ihrem Zuständigkeitsbereich (beispielsweise Lehrer, Ingenieure, Erzieher) ebenfalls zu ändern. Eine wie bislang in vielen Berufen übliche Kopplung von Berufsausübung oder Zugang zu einem Anerkennungsverfahren an die deutsche Staatsangehörigkeit oder die Staatsangehörigkeit eines EU-Mitgliedsstaates schafft das neue Gesetz weitgehend ab. Im Gesetzestext wird allerdings betont, dass die Anerkennung der beruflichen Qualifikation nicht automatisch mit dem Erhalt eines Aufenthaltstitels verbunden ist.

Die neue Gesetzesregelung soll sowohl Anerkennungssuchenden als auch Arbeitgebern eine bundesweit möglichst einheitliche Bewertung der beruflichen Auslandsqualifikationen ermöglichen. Anträge auf die Anerkennung können sowohl von EU-Bürgern als auch von Interessenten aus Drittländern gestellt werden. Dabei werden Inhalt und Qualität der jeweiligen Ausbildung künftig in den meisten Berufen ausschlaggebend für die Anerkennung sein. Als Maßstab gilt das hohe Niveau deutscher Abschlüsse, mit denen die ausländischen Qualifikationen durch die zuständigen Stellen (meist IHK und Handwerkskammern vor Ort) in einer Gleichwertigkeitsprüfung abgeglichen werden. Das Gesetz sieht vor, dieses Verfahren zügig zu gestalten und die Bewertung für den einzelnen Antragsteller ab Ende 2012 binnen drei Monaten zu erteilen (vorher werden längere Wartezeiten eingeräumt). Um dies zu ermöglichen, werden bereits vorhandene Strukturen für die Bewertung von Auslandsqualifikationen – bislang gültig für EU-Bürger und Spätaussiedler – genutzt. Die zuständigen Kammern und Behörden setzen die Verfahren auf Länderebene nach dem Gesetz um. Die Neuregelung schließt allerdings auch die Möglichkeit ein, Zuständigkeiten für die Anerkennung bestimmter Berufe oder Herkunftsregionen bei einer zuständigen Stelle zu bündeln. Diese Regelung ist Sache der Länder.

Einen entscheidenden Mehrwert sowohl für die Antragsteller als auch potenziellen Arbeitgeber bietet die grundsätzliche Bewertung der jeweiligen Qualifikation, die auch in einem Ablehnungsbescheid zur Anerkennung dargelegt wird. Demnach vergleicht das Bewertungsverfahren den jeweiligen Qualifikationsstand mit dem erforderlichen Wissen eines deutschen Bildungsabschlusses. Sind ausländische Abschlüsse in nicht reglementierten Berufen als nicht gleichwertig anzusehen, erstellt die zuständige Stelle eine Bescheinigung über den Qualifizierungsstatus, in der entsprechende Bildungslücken detailliert ausgewiesen werden. Die Bewertung erfolgt unter Berücksichtigung der jeweiligen Berufserfahrung und erleichtert potenziellen Arbeitgebern einerseits die Einschätzung eines Bewerbers, andererseits erhält dieser die Möglichkeit, sogenannte Ausgleichsmaßnahmen (Prüfungen, Lehrgänge) zu absolvieren, um eine Zulassung zu erhalten. Allerdings besteht für nicht reglementierte Berufe keine Verpflichtung zur Weiterbildung.
Laut Gesetz können Antragstellende auch ohne Anerkenntnis der Gleichwertigkeit in ihrem Beruf arbeiten. Die Praxis zeigt jedoch, dass ausländische Bildungsabschlüsse von deutschen Arbeitgebern kaum akzeptiert werden, solange keine Bewertung durch eine öffentliche Stelle vorliegt. Besonders auch vor dem Hintergrund der seit Jahresbeginn gültigen Freizügigkeit für osteuropäische Arbeitnehmer (außer Rumänien und Bulgarien) schafft das Gesetz somit neue Möglichkeiten für die Rekrutierung von Fachkräften.

Die Regelung kommt bereits vorhandenen Überlegungen in der Branche entgegen. Wie Detlev Tönnies, zuständig für Aus-/Fortbildung, Bildungspolitik, nationale und internationale Statistik beim Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (BGL), auf Nachfrage erklärte, ist die Umschulung einer der Schwerpunkte, mit denen dem Fachkräftemangel im Garten- und Landschaftsbau begegnet werden kann. Dies könnte auch auf ausländische Fachkräfte zutreffen, denn laut Berufsbildungsgesetz besteht die Möglichkeit einer externen Prüfung, wenn ein Mitarbeiter 4,5 Jahre in einem Unternehmen gearbeitet hat. Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass die Ausbildung im Betrieb vor dem Hintergrund der Arbeitsmarktverwendbarkeit einer institutionellen Ausbildung vorzuziehen ist, wie Tönnies informierte. Für die betriebliche Ausbildung können Fördermaßnahmen der Bundesagentur für Arbeit genutzt werden. Inwieweit allerdings Fördergelder für sogenannte Ausgleichsmaßnahmen von Zuwanderern zur Verfügung stehen, ist derzeit noch unklar und wird teilweise heftig diskutiert.

Dennoch ist die deutsche GaLaBau-Branche schon heute interessiert an ausländischen Arbeitnehmern, wie Edda Burckhardt von der Geschäftsstelle der European Landscape Contractors Association (ELCA) informiert. Eines der Ziele der europäischen Vereinigung besteht in der Förderung der Nachwuchsausbildung und dem gegenseitigen Austausch von jungen, qualifizierten Landschaftsgärtnern. Ebenfalls vertritt die ELCA die Interessen der Landschaftsgärtner aus ganz Europa und ihrer Verbände.
Die Zusammenarbeit der europäischen Verbände könnte aus Sicht von Burckhardt einen Ansatzpunkt bieten. So zeigen beispielsweise besonders spanische Fachkräfte Interesse an Austauscheinsätzen in Deutschland. Auch griechische Fachkräfte interessieren sich mit steigender Tendenz für den Einsatz in deutschen Betrieben. Im zeitlich begrenzten Austausch junger Fachkräfte ergäben sich bislang aber nur Einzelfälle, in denen es zu dauerhafter Beschäftigung komme, so Burckhardt.

Bereits mit dem Inkrafttreten der Freizügigkeitsregelung in diesem Jahr hat die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit ihre Tätigkeit im Bereich der Rekrutierung ausländischer Fachkräfte intensiviert. Wie Pressesprecherin Dr. Beate Raabe auf Anfrage mitteilte, richten sich die Auslandsaktivitäten der Bundesagentur nach dem konkreten Bedarf in Deutschland. Dieser ergibt sich einerseits aus der Nachfrage von Arbeitgeberseite her und aus der aktuellen Arbeitsmarktstatistik. Davon ausgehend stellt die Landwirtschaft einen von vier Schwerpunkten intensivierter Bemühungen im Jahr 2012. Arbeitgeber sollten hier die Möglichkeit zur Platzierung von Stellenangeboten oder den direkten Kontakt mit der ZAV (unter www.zav.de) nutzen. Zwar erstellt die Agentur auch Bewerberpools, doch liefe die Bearbeitung detaillierter Anfragen in der Regel schneller und reibungsloser. So konnte in diesem Jahr beispielsweise sogar eine Fachkraft für die Orchideen-Anzucht vermittelt werden.

Das Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz gilt im Bereich der Hochschulabschlüsse nur für die reglementierten Berufe. Abschlüsse, die dem nicht unterliegen – und dazu gehört die gartenbauliche Hochschulausbildung – können weiterhin durch die Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen (ZAB) bewertet werden. Auf der Grundlage der Lissabonner Anerkennungskonvention stellt die ZAB seit Anfang 2010 Bescheinigungen für den Arbeitsmarkt aus. Auch hier findet eine formale Zuordnung zu einem entsprechenden deutschen Bildungsabschluss statt. In der Bewertung des Antragstellers werden gegebenenfalls Empfehlungen für die akademische Weiterbildung gegeben. 2010 mit 150 Anträgen pro Monat gestartet, hat sich die Zahl der ZAB-Bewertungen bis zum Sommer 2011 bereits auf 300 pro Monat erhöht – mit weiter steigender Tendenz.

Informationen und zuständige Stellen für die Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen hat die ZAB unter www.anabin.de im Internet zusammengestellt. Interessenten aus dem Ausland haben zudem die Möglichkeit, sich frei auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu bewerben. (ks)