Grüne Branche

Mein Gastspiel ist beendet

Als der Nordirische Nationalstürmer George Best, der elf Jahre für Manchester United gestürmt hatte, an einem regnerischen 3. Dezember 2005 in Belfast zu Grabe getragen wurde, säumten 100.000 Menschen die Straßen und gaben ihm die letzte Ehre. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Buch „Der letzte Pass“ bereits Redaktionsschluss, sonst hätte Autor Peter Cardorff der Trauerfeier dieses Ausnahmestürmers sicher ein Essay gewidmet.

Cardorff setzt sich in seinem abwechslungsreichen Sachbuch philosophisch mit Fußballsepulkral- und Erinnerungskultur auseinander: zuweilen hintergründig, gelegentlich detailversessen, aber stets mit Engagement. Das Werk ist mit zahlreichen eindrücklichen Schwarz-Weiß-Fotos von Conny Böttger illustriert. Die Bandbreite der Themen umfasst weit mehr als die Ausmaße eines Fußballfeldes. Cardorff erläutert die Flugzeugabstürze, denen die Teams vom AC Turin und Manchester United zum Opfer fielen und die Tragödien im Heysel- und Hillsborough-Stadion. Er schildert den Facettenreichtum beim Abfassen von Todesanzeigen: „Mein Gastspiel ist beendet.“ Der Autor erörtert auch Mord und Folter in Chiles Stadien und das mangelnde Gedenken an ermordete jüdische Sportler.

Reinhard „Stan“ Libuda, ausgewiesener Dribbelkünstler und Instinktfußballer des FC Schalke 04, verstarb nach einem Krebsleiden im Alter von 52 Jahren an einem Schlaganfall. Durch seine Verstrickungen in den Bundesliga-Korruptionsskandal wurde er aus seiner sportlichen Spur geworfen. Nach seiner aktiven Laufbahn verlief sein Leben glücklos. Acht Jahre lang ruhte Libuda unter einem Grabstein mit falschem Vornamen.

Zwischen Abschiedsspielen, Fan-Choreografien und Schweigeminuten bietet das Buch ein niveauvolles und kurzweiliges Lesevergnügen, nicht nur für Stadiongänger.

„Der letzte Pass. Fußballzauber in Friedhofswelten“, von P. Cardorff und C. Böttger. 208 Seiten, Verlag Die Werkstatt, Göttingen. 19,80 Euro, ISBN 3-89533-500-2. Kai Böhne