Grüne Branche

Memorialkultur im Fußballsport

In der Reihe „Irseer Dialoge “ erschien eine Publikation, die auf der zehnten Konferenz der Reihe „Sterben, Tod und Jenseitsglaube“ basiert, und sich näher mit den Medien, Ritualen und Praktiken des Erinnern, Gedenkens und Vergessens im europäischen Fußballsport auseinandersetzt. Sie fasst erstmals auf einer breiten Basis von Einzelthemen die Analysen der Erinnerungskultur im Fußballsport zusammen.

Der Herausgeber schneidet eingangs unter anderem die Themen Trauertrikots und Fanfriedhöfe sowie die kulturschöpferischen Kräfte hererogener Fußballgemeinschaften an. Sowohl in dieser Einleitung als auch im umfangreichen letzten Abschnitt werden die Gefallenengedenken für Sportler, der Totenmemoria als politische Investition in der NS-Zeit und auf der anderen Seite das absichtsvolle Verschweigen und Vergessen von Sportlern im Nationalsozialismus und unter dem SED-Regime diskutiert.
 
Sven Güldenpfenning setzt sich kritisch mit der sportbezogenen Memorialkultur auseinander. Problematisch sei etwa, dass Sportereignisse einen flüchtigen Performance-Charakter haben, was sich auf die Art der Erinnerung auswirkt. In Ermangelung „bleibender Werke“ konzentriert man sich auf die Erinnerung an die Leistungen und Triumpfe Einzelner und „auf die verfestigten Erinnerungen in Gestalt ’meines’ Vereins als Mittelpunkt der Welt“, so Güldenpfennig.

In weiteren Kapiteln geht es um die Facetten der Gedenk- und Trauerkultur bei Eintracht Frankfurt, um die auf den Gründervater des FC Barcelona, Joan Gamper, gerichtete Erinnerungskultur, um die „commemorative bricks“ (beschriftete Klinkersteine) und den „memorials“, die Clubgeschichten und Fanbiografien der britischen Fußballclubs Rangers und Celtics erzählen und weit mehr Funktionen haben als nur die Erinnerung sowie Ausführungen über die „Erinnerungspolitik der FIFA in ihren Jubiläumsschriften“.

Der Abschnitt „Fankulturen“ handelt – in englischer Sprache – unter anderem von der Erinnerungs- und Sepulkralkultur des Liverpool FC und der Erinnerungskultur des späten 20. und des frühen 21. Jahrhunderts. Hermann Queckenstedt beleuchtet ausführlich und aktuell den Fall Robert Enke bei Hannover 96, auch das Geschehen nach der Beisetzungen, die Gründung der Robert-Enke-Stiftung, die Aktionen und Reaktionen von Mannschaft, Vereinsvertretern, Fans und Interessierten auf ersten Jahresgedenken.

Dieser Band bietet, wissenschaftlich fundiert, eine Fülle an Informationen und Erkenntnissen rund um die Welt des Fußballs und der mit ihr verbundenen Erinnerungskultur zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlicher Ausprägung und fördert das Verständnis für die in diesem Kulturumfeld wirksamen Mechanismen der Erinnerung.

„Memorialkultur im Fußballsport – Medien, Rituale und Praktiken des Erinnerns, Gedenkens und Vergessens“, von Markwart Herzog. Irseer Dialoge Band 17, 448 Seiten, sw-Abbildungen, W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart. ISBN 978-3-17-022554-1, 29,90 Euro. Liebgard Jennerich