Grüne Branche

Nachgehakt: „Bio muss man sich reinziehen“

, erstellt von

Erwin Seidemann setzt seit fast einem Jahrzehnt voll auf Bio. Im Blumenpark Seidemann, gelegen im schönen Tirol, produzieren er und seine Mitarbeiter Blumen, Kräuter, Stauden und Gemüse. Schädlinge bekämpfen sie wie Vampire – mit Knoblauchjauche.

Erwin Seidemann macht Bio-Anbau "höllisch" Spaß, wier er uns im Interview verrät. Foto: Blumenpark Seidemann

Herr Seidemann, seit wann setzen Sie, die GBG Seidemann GmbH, auf rein biologischen Anbau und was bedeutet das genau?

Wir befassen uns seit acht Jahren intensiv mit rein biologischem Anbau. Vor sechs Jahren haben wir die Prozesse umgestellt und sind seit März 2015 nach EU-Biorichtlinien zertifiziert. Wir produzieren Blumen- und Gemüsepflanzen sowie Kräuter und Stauden im Topf, rein nach Kriterien, die laut der österreichischen InfoXGen (in Deutschland: Forschungsinstitut für biologischen Landbau, kurz „FiBl“) verankert sind. Zusätzlich wenden wir auch noch ein paar „eigene Methoden“ an. Wir verzichten auf chemische Pflanzenschutz- und Stauchemittel sowie konventionell-synthetisch erzeugte Dünger.

Wie gehen Sie gegen Schädlinge vor? Gibt es immer eine biologische Antwort auf Schädlinge und Krankheiten?

Wir beugen in erster Linie vor und lassen unser Dünge- und Pflanzenstärkungsprogramm stets mitlaufen. Das heißt, Pflanzenstärkung auch in Düngebassins und Düngermischern/Dosatron. Zusätzlich spritzen wir alle Kulturen wöchentlich einmal mit Stärkungsmitteln und eben selbst erzeugten Kräutertees beziehungsweise Jauchen in verdünnter Form und richten uns im Grunde nach unseren Erfahrungswerten. Wir erzeugen Repellenzen. Sinnbildlich gesprochen bedeutet das: Rose schmeckt nicht wie Rose - Schädling wandert ab, befällt die Pflanze nicht! Wenn wir Befall, etwa durch Läuse oder Thripse feststellen, spritzen wir Knoblauchjauche, Knoblauchtee, aber auch bekannte Mittel wie Neem-Öl. Es gibt also sowohl vorbeugend als auch kurativ genügend Möglichkeiten.

Wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen Ihrem Unternehmen und konventionellen Betrieben?

Wir sind sehr nahe an unseren Pflanzen dran. Sie wachsen kompakter, gesünder und stetig. Die Gewächse bleiben „kleiner“ und die Kulturzeiten dauern länger. Aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen haben wir wieder auf Selbst-Aussaat umgestellt und beziehen alle Stecklinge unbewurzelt oder lassen sie in Auftrag in Bio produzieren. Wir müssen vorausschauender kultivieren, denn Dünger wirken erst nach mikrobieller Aufbereitung im Boden. Der Boden und das Substrat sind uns die wichtigsten Faktoren! Konventionelle Betriebe setzen auf Sterilität, im Bioanbau allerdings wird das „Leben“ im Boden und im Gewächshaus gezielt gefördert!

Was sind die größten Hürden für Kollegen, die von konventioneller Produktion auf Bio umstellen wollen?

Sicherlich die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die kompliziert erscheinen, aber nur einmal zu überwinden gilt. Danach macht „Bio“ einfach höllisch Spaß und Freude und die Pflanzen plus die Kunden geben es dankend zurück. „Bio“ wird mittlerweile auch bei Blumen immer mehr honoriert. Produzenten müssen sich mit dem Gärtnern wieder richtig beschäftigen und die Kulturen beobachten. Bio muss man sich reinziehen, entsprechende Literatur lesen, Vorträge besuchen; etwa in Heidelberg, Weihenstephan oder bei uns in Österreich, bei der Arbeitsgemeinschaft „Nachhaltiger Gartenbau in Österreich“. Es gibt schon etliche Leitbetriebe, die offen sind für Neues und Informationen auch weitergeben. „Geht nicht, gibt’s nicht!“, heißt im Bio-Bereich die Devise.