Grüne Branche

Naturschutz: Reisergarten ist wichtig

Voraussichtlich im Frühjahr 2013 wird der Aufbau eines neuen Reiserschnittgartens in der zur Gemarkung Hockenheim zählenden Staatsdomäne Insultheimer Hof mit den Pflanzungen im 7,5 Hektar großen Teilabschnitt A in die praktische Phase gehen. Am 11. Oktober 2012 gab es im Bürgersaal des Hockenheimer Rathauses eine auf Naturschutzaspekte ausgerichtete Informationsveranstaltung zum Reiserschnittgarten.

Der Markgräfliche Torbogen ist ein markantes Bauwerk im Insultheimer Hof. Foto: Edwin Hanselmann

Die rund zweistündige Sitzung diente vor allem dazu, Naturschutzverbände wie BUND (Landesverband, Ortsverband Hockenheimer Rheinebene), Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg (LNV) und Naturschutzbund Deutschland (NABU/Gruppe Hockenheim) über das Vorhaben zu informieren.

Das Ministerium Ländlicher Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg erwähnte in der Einladung einerseits, wie wichtig die Aufrechterhaltung eines Reisermuttergartens in Baden-Württemberg für heimische Baumschulen ebenso wie zur Erhaltung von regionaltypischen Obstsorten sowie der Streuobstwiesen ist. Andererseits wurde eingeräumt, dass die geplanten Flächen für den Neuaufbau des Reiserschnittgartens (Insultheimer Hof) in einem naturschutzrechtlich sensiblen Raum liegen. Dem Ministerium sei es ein wichtiges Anliegen, die Naturschutzverbände vor Ort in den weiteren Prozess mit einzubinden.

Ministerialdirektor Joachim Hauck, Leiter der Abteilung 2 Landwirtschaft im Ministerium Ländlicher Raum und Verbraucherschutz, informierte über die Aufgaben und Bedeutung der Reiserschnittgärten, über die Standortsuche und den geplanten Neuaufbau, weil der bisherige Reiserschnittgarten Weinsberg aufgrund phytosanitärer Probleme (Apfeltriebsucht, Birnenverfall) auf Dauer nicht mehr ausreichend leistungsfähig ist und dort ein großer Teil der Bäume gerodet werden musste. Als Vorteile des vorgesehenen neuen Standorts nahe Hockenheim wurden herausgestellt:

  • große arrondierte Fläche im Landesbesitz,
  • Mitnutzung vorhandener Gebäude,
  • günstige Klima- und Bodenverhältnisse,
  • nur vergleichsweise kleiner Streuobstbestand in der Umgebung.

Bei einer zusammen mit dem anerkannten Naturschutzexperten Ulrich Mahler, Hauptkonservator und stellvertretender Leiter des Referats Naturschutz und Landschaftspflege beim Regierungspräsidium Karlsruhe, vorgenommenen Standortauswahl wurden zwei Flächen innerhalb des Insultheimer Hofs herausgepickt, die aus Sicht des Naturschutzes akzeptabel wären.

Auf Teilfläche A (7,5 Hektar) würde der neue Reiserschnittgarten in den nächsten zwei bis drei Jahren aufgebaut. Teilfläche B soll erst mittelfristig dazu kommen. In der Anfangsphase ist auf Teilfläche A die Pflanzung von rund 7.000 Bäumen vorgesehen.

Die notwendigen naturschutzrechtlichen und jagdrechtlichen Befreiungsanträge wurden für Teilfläche A gestellt, eine Natura 2000-Vorprüfung liege vor. Ein separater Rodungsantrag für Bäume im Umfeld der Teilfläche A wurde gestellt. Diese für den Reiserschnittgarten gefährlichen Gehölze – es geht hier vor allem um Feuerbrand-gefährdete Crataegus sowie Schlehen (Wirtspflanze der Scharkakrankheit) – würden durch andere heimische, für einen Reiserschnittgarten unschädliche Gehölzarten ersetzt. Ferner wäre als Ausgleichsmaßnahme vorgesehen, die Grünstreifen zu verbreitern.

Der Rodungsantrag sei in Bearbeitung und werde an ein noch zu vergebendes artenschutzrechtliches Gutachten gekoppelt. Dieses Artenschutzgutachten soll klären, ob und welche Bedeutung die zu rodenden Gehölze an der betreffenden Stelle für Vögel, Käfer und Fledermäuse haben und inwieweit diese Funktionen von neu zu pflanzenden anderen Gehölzen erbracht werden können. Hauck: „Wir erwarten dieses Gutachten bis etwa Weihnachten und vorher wird es keine Rodungen geben!” Die weiteren Entscheidungen würden dann im Januar fallen.

Bei den Diskussionsbeiträgen von Vertretern der Naturschutzverbände stand zunächst die Saatgans-Problematik im Vordergrund. Der nahe des Rheinbogens und nahe von Altrheinarmen gelegene Insultheimer Hof gilt seit jeher als eine wichtige Landefläche für Saatgänse. Hierzu stellte Hauck allerdings heraus, gerade dieses Thema habe bei der Auswahl der Teilflächen A und B die Hauptrolle gespielt. Teilfläche A sei nach Auskunft Mahlers für Saatgänse uninteressant, weil dort Gebäude (und damit Hindernisse) sind. Teilfläche B werde von einer Stromleitung überzogen und daher von Saatgänsen gemieden.

Zur Frage der zu rodenden Gehölze gab es seitens der Naturschutzverbände die Anmerkung, diese Pflanzen seien erst vor etwas mehr als einem Jahrzehnt im Rahmen eines Modellprojektes für die Biotopvernetzung innerhalb des Hockenheimer Rheinbogens gepflanzt worden.

In die Diskussion kam auch, ob die im Rhein zwischen Brühl und Otterstadt gelegene Kollerinsel als Standort für einen Reiserschnittgarten möglich wäre. Dies wurde von Vertretern des Landes ebenso wie von der Reiserschnittgarten GmbH klar verneint, weil auf der Kollerinsel die Gefahr einer Überschwemmung zu groß sei. Diskussionen über die Größe und den Zuschnitt der Ausgleichsmaßnahmen nahmen ebenfalls breiten Raum ein.

Zur Frage, welche Baumgattungen nicht zu den Wirtspflanzen von Feuerbrand, Obstvirosen und Obstphytoplasmosen zählen, gibt es eine Liste mit folgenden Gattungen: Ahorn, Kastanie, Erle, Birke, Hainbuche, Edelkastanie, Buche, Esche, Gleditschie, Amberbaum, Platane, Pappel, Eiche, Robinie, Weide, Linde, Ulme sowie Nadelgehölze. Nicht alle genannten Baumarten sind aber für den betreffenden Standort geeignet.

Generell äußerten die Vertreter der Naturschutzverbände, dass die Förderung und Erhaltung von Streuobstwiesen für sie ein wichtiges Thema sei und sie dementsprechend die Reiserschnittgärten für „wichtig und richtig“ halten. Naturschutzaspekte müssten aber stets intensiv beachtet werden. Vor allem Vertreter des BUND-Ortsverbandes äußerten sich verwundert, nicht frühzeitiger in das Vorhaben eingebunden worden zu sein.

Mehr zum Thema „Reiserschnittgarten Insultheimer Hof“ finden Sie in unseren TASPO-Ausgaben 10 und 25/12. (eh)