Neue Orte anstatt Friedhof – oder gleich virtuell trauern?

Veröffentlichungsdatum: , Roman Seifert

Jeder Ort, der an Verstorbene erinnert, kann Trauerort sein. Beispiele sind Unfallkreuze oder Seebestattungs-Gedenkstätten an Land. Symbolfoto: andschneiter/Pixabay

Digitalisierung wirkt sich auch auf den Umgang mit Tod und Trauer aus, zeigen die Friedhofssoziologen Dr. Thorsten Benkel und Matthias Meitzler von der Uni Passau auf, die im deutschsprachigen Raum bereits 1.200 Friedhöfe sowie 100 Friedhöfe in 27 Ländern besucht haben. Als Schlagwort nennen sie Delokalisierung: Feste Orte verlieren nicht unbedingt an Bedeutung, aber alternative Orte gewinnen.

Friedhof für viele nicht mehr zentraler Trauerort

„Der Friedhof hat sein Monopol verloren“, so eines der Statements von Benkel und Meitzler. Das sei sogar empirisch belegt: Der Aussage „das Grab ist der zentrale Trauerort“, stimmten fünf Prozent der Befragten einer Umfrage voll zu, auf 62,9 Prozent treffe dies eher nicht oder überhaupt nicht zu. Aller Mobilität zum Trotz werden aber Orte des Gedenkens gewünscht – etwa Orte ohne Körperbeisetzung mit ähnlichen Handlungen wie auf dem Friedhof, wobei atmosphärisch wenig an Friedhöfe erinnere. Beispiele sind Unfallkreuze oder Seebestattungs-Gedenkstätten an Land. Jeder Ort der an Verstorbene erinnert, könne Trauerort sein, ohne dass er von außen erkennbar ist.

Per Smartphone von überall aus trauern

Menschen fasziniere die Freiheit der virtuellen Trauer. Erste digitale Friedhöfe gibt es seit den 1990er Jahren, seitdem haben sie sich stark verändert. Vorteile sind: immer erreichbar, keine Öffnungszeiten, Texte und Fotos können aktualisiert werden, keine Friedhofsordnung. Einige Bestatter bieten virtuelle Gräber an. Somit wird es möglich, per Smartphone von überall aus zu trauern. Friedhofsgewerke sind für diese Trauerräume nicht notwendig. Ein Haken: „Den Friedhof muss ich irgendwann verlassen, virtuelle Räume nicht. Das macht es schwerer, die Trauer abzuschließen“, so Benkel.

Grab in Zukunft nur noch ein Nischenangebot?

Die in Deutschland ausgestorbene Tradition der Postmortem-Fotografie, Fotos von Gestorbenen oder gerade Sterbenden, komme derzeit wieder. Einige Menschen laden Trauer-Videos hoch, Freunde/Unbekannte kommentieren, teilen Trauer. Die Bereitschaft, Trauer so offensiv und öffentlich zu veröffentlichen, sei für (einige) digital Sozialisierte (sogenannte „digital natives“) tröstlich. Selbst Selfies würden auf Beerdigungen gemacht. Künstliche Intelligenz (KI) werde es künftig ermöglichen, sich mit Verstorbenen zu „unterhalten“. Entscheidend sei, dass es Präsenz gibt. Und zwar nicht mehr das Grab (Ort), in dem der Körper liegt. Das werde in zehn bis 30 Jahren ein Nischenangebot sein. „Insgesamt wird es vielleicht ein Anteil sein, wie Personen zu Bestattungswäldern abwandern.“

Technologien wie QR-Codes als Trauerhilfe

Die Möglichkeit von QR-Codes sieht Benkel als Anreiz, virtuelle Trauer und analoges Grab zu verbinden. Die Verbreitung sei auf Friedhöfen überschaubar, habe in den vergangenen Jahren allerdings zugenommen. Dass QR-Codes die Zukunft sind, glaubt Benkel nicht: „Es wird sicher einfachere Methoden geben.“ Man müsse Technologien wie QR-Codes als Trauerhilfe verstehen, die trotz Vorschriften ermöglichen, eigene Inhalte und Gestaltungen zu verwirklichen. „Wir reden nicht davon, dass der Friedhof obsolet wird. Wir sehen es als Chance, wenn man die Trends kennt.“