Grüne Branche

Ökologischer Gemüsebau: Solidarpakt statt Baumschulwirtschaft

Zwei Geschwister im Süd-Westen Hannovers haben die Idee der „Solidarischen Landwirtschaft“ – kurz „Solawi“ – aufgegriffen und werden ihr Bioobst- und -gemüse künftig an feste private Abnehmer vermarkten. Bereits im Vorjahr hatten Meike und Arne Wessel aus Gehrden-Leveste die Gärtnerei „Wildwuchs“ gegründet, dafür einen Teil der Baumschulflächen des elterlichen Betriebes umgepflügt, um dort auf rund drei Hektar in biologischer Wirtschaftsweise Obst und Gemüse anzubauen. 

Meike Wessel und ihr Bruder bauen Bioobst und -gemüse nach dem Solidar-Konzept an, die Abnehmer werden zu Mitgärtnern, die Produktion ist transparent. Foto: privat

Sie setzen auf bioveganen Anbau, das heißt, es werden nur pflanzliche Düngemittel verwendet. „Ein Punkt, der vielen Kunden sehr wichtig ist. Sie möchten keine Reststoffe aus der Massentierhaltung auf ihrem Gemüse haben“, sagt Arne Wessel.

Am neu eingeführten Solidar-Konzept können sich bis zu 70 private Haushalte beteiligen, indem sie mindestens ein Jahr lang monatlich rund 80 Euro im Voraus zahlen und dafür regelmäßig einmal in der Woche eine gut gefüllte Obst- und Gemüsekiste erhalten. Der Vorteil ist für beide Seiten groß: Die beiden Anbauer – sie gelernte Gemüsegärtnerin, er studierter Gartenbauwissenschaftler – können so uneingeschränkt biologisch produzieren und sich gleichzeitig auf feste Abnehmer verlassen. Umgekehrt können diese sicher sein, regelmäßig wirklich unbelastete, frische Ware zu bekommen und haben jederzeit Einblick in die Produktion. Ein Solidarpakt also, der auch kleinen, regionalen Betrieben den Bioanbau ermöglicht und hervorragend zum steigenden Bedürfnis vieler Kunden nach Sicherheit und Transparenz bei Nahrungsmitteln passt. „Und in dem es nicht mehr um Produzenten und Kunden geht, sondern um Gärtner und Mitgärtner – das Verhältnis soll ein ganz anderes werden“, so Meike Wessel.

Vermarkteten die beiden ihre Produkte bisher vor allem über den Hofladen und einen Marktstand, wird die Ware künftig von den am Konzept beteiligten Abnehmern selbst abgeholt, wünschenswerter Weise über Fahrgemeinschaften, und aus Depots verteilt, die die Kunden selbst verwalten.

Tatkräftige Unterstützung von Seiten der Kunden ist gern gesehen: Eine Beteiligung bei der Erntearbeit und anderen gemeinschaftlichen Aufgaben wie der Depotverwaltung oder einem ansprechenden Internetauftritt ist ausdrücklich erwünscht. Die geernteten Erzeugnisse werden unter allen Mitgliedern aufgeteilt. Solidarisch kann auch der monatliche Beitrag angepasst werden: Wer weniger verdient, darf auch weniger zahlen. Geklärt wird das im Rahmen von Jahresversammlungen über Bieterrunden. Wichtig ist, dass sich die Produktion für „Wildwuchs“ langfristig trägt, die Anbau- und Verarbeitungskosten vollständig gedeckt werden.

Derzeit ist „Wildwuchs“ intensiv auf der Suche nach Interessenten. Über Informationsveranstaltungen in den umliegenden Orten und Stadtteilen Hannovers sind mittlerweile schon rund 30 feste Abnehmer dazu gestoßen, weitere größere Info-Veranstaltungen stehen noch an. Die Anbauplanung ist auf die sichere Versorgung von mindestens 70 Teilnehmern ausgerichtet. Was nicht abgenommen wird, kann weiter über den Wochenmarkt verkauft werden. Die Zeichen stehen also gut, dass das Projekt gelingt.

Die Idee der „Solidarischen Landwirtschaft“ ist nicht neu, aber relativ neu für Deutschland. Das Konzept entwickelte sich unabhängig voneinander in Japan, Europa und der USA schon ab Mitte der Siebziger Jahre. Seither ist die Zahl der Solidarhöfe sowie deren Vernetzung in vielen Ländern, wie beispielsweise England, Frankreich Holland und Belgien, stetig gewachsen. Allein in den USA gibt es heute mehr als 2.500 solcher Höfe.

2011 entstand in Deutschland das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft (www.solidarische-landwirtschaft.org). „Wildwuchs“ ist Mitglied dieses Netzwerkes. Gemeinsames Ziel ist es unter anderem, die Gründung neuer Hofgruppen anzuregen und zu fördern. Derzeit gibt es in Deutschland 21 Höfe, die sich bereits zu 50 Prozent und mehr über eine Solidarische Landwirtschaft tragen – Tendenz steigend. (kla)