Grüne Branche

Rückblick: Langes Zerren um zentrale Vermarktung

, erstellt von

Das Thema Vermarktung hat die TASPO und ihre Leser durch die Jahrzehnte begleitet. Die Frage der Vermarktung trieb schon unseren Gründer Bernhard Thalacker um: Er wollte mit der TASPO Angebot und Nachfrage zusammenbringen. Einen besonderen Schub erhielt das Thema Vermarktung in den 90er Jahren, als die Gärtner sogar demonstrierend für eine zentrale Vermarktung auf die Straße gingen. Wir blicken mit Ihnen darauf zurück.

Zentrale Versteigerung in greifbarer Nähe

Während der 90er Jahre bekommt die Vermarktung besondere Dynamik, als die Gärtnerschaft immer klarer die Notwendigkeit einer starken Vermarktung erkennt, um der schon damals sehr monopolistischen Handelsseite Kontra bieten zu können.

Zu Beginn der 90er Jahre rückt eine große Vermarktungslösung am Niederrhein durch Gespräche zwischen den beiden Vermarktungseinrichtungen Niederrheinische Blumenvermarktung (NBV) und Union Gartenbaulicher Absatzmärkte (UGA) in greifbare Nähe. Aber es gibt unterschiedliche Auffassungen bei der Frage nach dem Standort einer solchen gemeinsamen, neu zu bauenden Versteigerung und zur Rechtsform. Letztendlich sind es die Gärtner, die unter der Situation leiden, denn sie müssen sich entscheiden, ob sie bei der NBV oder bei der UGA anliefern.

Gärtner demonstrieren für eine zentrale Vermarktung

1992 ist es der Basis zu bunt, und sie demonstriert in Düsseldorf für eine zentrale Vermarktung. 300 Gärtner finden sich ein und bewirken immerhin, dass NBV, UGA, die Erzeuger-Genossenschaft Niederrhein (EGN) aus Wesel und das Landwirtschaftsministerium in der „Düsseldorfer Erklärung“ bekunden, die „Vermarktung von Blumen und Zierpflanzen konzentrieren“ zu wollen.  Auch die Niederländer sollen mit ins Boot geholt werden – so der Plan.

Da ist wirklich Bewegung unter den Gärtnern wie eigentlich danach erst wieder, als Landgard ins wirtschaftliche Trudeln geriet – 19 Jahre später. Im Mai 1993 dann das vorerst endgültige Scheitern der Verhandlungen.

Hochzeit von NBV und UGA

Dafür 1998 – wie Phönix aus der Asche – die Hochzeit von NBV und UGA. Mit „die Zeit war reif“ und „der Druck von außen war nicht mehr so groß“ begründen damals beide Vermarkter, dass es möglich war, nach relativ kurzer Zeit der Geheimverhandlungen eine gemeinsame Tochter „NBV+UGA“ ins Leben zu rufen. Ein Paukenschlag in der Branche, von vielen nicht mehr erwartet und letztendlich die Basis für die heutige Landgard.

Dann geht es Schlag auf Schlag: In der TASPO 34/1999 melden wir: „Herongen als Standort erneut im Gespräch – 60 Hektar bieten Platz für konzentrierte Vermarktung“. Auch die niederländische Versteigerung Zuid-Oost-Nederlande (ZON) sei über die Planungen informiert worden. Sie könne jetzt prüfen, ob der Vorschlag eines Neubaus in Herongen die Diskussion über einen Zusammenschluss neu belebe.

Ende 1999 scheitern die Pläne zu Euregio, der geplanten grenzüberschreitenden Vermarktung am Niederrhein. Also entwickeln sich die Vermarktungseinrichtungen auf deutscher und auf niederländischer Seite vorerst separat.

Blumenvermarktung Rhein/Maas – ein Meilenstein

In Herongen wird gebaut. Am 7. Dezember 2002 feiert die NBV/UGA die Fertigstellung des 100-Millionen-Euro Projektes „Zentrale Blumenvermarktung Rhein/Maas“. Staatssekretär Dr. Thomas Griese spricht von einem „Leuchtturmprojekt“. Die 25 Millionen Euro Fördermittel für Herongen seien die mit Abstand größte Investitionshilfe seines Ministeriums gewesen.

Nun beginnt eine Phase des Wachstums bei der Zentralen Blumenvermarktung Rhein/Maas. Die TASPO titelt „Abholmarkt Leipzig vergrößert Warenannahme“, „Griesheim: Ab 2004 zusätzliche Halle für Warenannahme“, „NBV/UGA übernimmt Markt in Aschheim“. Weitere Markteröffnungen gibt es mit Fretzdorf, Gönnebek, Berlin-Buchholz. Es folgen die Fusionen mit dem Centralmarkt Rheinland (Obst & Gemüse), Nordwest-Blumen Wiesmoor und fleurfrisch.

NBV/UGA gibt sich den Namen Landgard. Landgard ist ein Kunstname, der Emotionen und Assoziationen wecken soll, an ländliche und gärtnerische Produkte und Tätigkeiten erinnert und Tradition mit der Moderne verbindet, so meint Landgard selbst.

Einer unserer Leser ist damals anderer Ansicht: „Der neue Name scheint mir doch ein Witz zu sein. Landgard klingt nach einem regionalen Lieferanten mit grüner Schürze! Mit diesem Namen kann man doch wohl nicht europaweit oder weltweit auf sich aufmerksam machen?“ Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Der Name hat sich schnell durchgesetzt. Schon nach kurzer Zeit war er kein Thema mehr.

Veiling Rhein-Maas überwindet die Grenzen

Inzwischen gibt es Kooperationsverträge zwischen den holländischen Vermarktern und der NBV/UGA. Es soll noch bis zum Herbst 2010 dauern, dass es nach langem Hin und Her zu einer grenzübergreifenden Vermarktung kommt: Landgard und FloraHolland bündeln ihre Zierpflanzen-Versteigerungsaktivitäten in einem Joint-Venture an einem Standort in Herongen unter dem Namen Veiling Rhein-Maas.

Ein solches Projekt über die Grenzen hinweg ist jetzt möglich, weil die Zeiten anders sind, betonen Henning Schmidt von Landgard und Timo Huges von FloraHolland. Obst und Gemüse sind ausgeklammert und bleiben von dieser Vereinbarung unberührt. So ergeben sich ganz andere Voraussetzungen als damals vor über 15 Jahren, als ein ähnliches Unterfangen immer wieder scheiterte.

Landgard trudelt

2011 wird es dann noch einmal richtig spannend, als Landgard erstmals seit vielen Jahren kein positives Ergebnis bilanziert. „Landgard muss kämpfen“, sieht „dunkle Wolken aufziehen“ oder kommt gar „ins Trudeln“. So lauten die Schlagzeilen. Die Veiling Rhein-Maas hatte in ihrem ersten vollen Jahr noch mit Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen.

Hinzu kommt die Insolvenz der Manss Fruchtimport als Teilhaber der Malaco GmbH. Hier muss Landgard einspringen. Ein negatives Geschäftsergebnis hat automatisch Einfluss auf das Rating und damit auf Kredite und Zinsen. Die wirtschaftliche Schlinge zieht sich langsam zu und ruft den Unmut der Genossen hervor.

In der TASPO 13/2012 fragt ein TASPO-Leser: „Müssen Fachhandel und -produzenten die Ketten mit finanzieren? Der Handel von Landgard mit branchenfremden Abnehmern sorgt dafür, dass uns dieser Handel die Zahlungsziele diktiert und mal eben ausweitet.“

Schmidt verlässt Landgard

Weitere Leserbriefe erreichen uns: „Es wird Zeit, dass wir Gärtner, die Eigentümer von Landgard, uns kritisch mit dem von Henning Schmidt eingeschlagenen Kurs auseinandersetzen. Es ist unverkennbar, dass Henning Schmidt der LEH und die großen Ketten näher sind als wir Gärtner. Viele Gärtner sind unzufrieden mit dem Kurs der Geschäftsführung.“

Am 5. Juni 2012 dann die Meldung, dass Henning Schmidt dem Vorstand der Landgard nicht mehr angehört. Grund der Beendigung seiner Tätigkeit sind „unterschiedliche Auffassungen über die künftige Ausrichtung und Führung des Unternehmens.“ Der kurz zuvor berufene Finanzvorstand Gerold Kaltenbach übernimmt mit Jürgen Rosar zusammen die Vorstandsaufgaben.

Sie stehen vor der großen Aufgabe, die Entschuldung im Einvernehmen mit den Banken einzuleiten, die strukturelle Neuorganisation des Unternehmens anzuschieben und wieder eine neue Kommunikationsebene mit den genossenschaftlichen Gärtnern herzustellen.

Landgard berappelt sich

Am 1. Mai 2013 tritt Diplom-Kaufmann Armin Rehberg an, um sich diesen Aufgaben zu stellen. Ein ganz anderer Typ als Schmidt. Rehberg weiß, mit Menschen umzugehen, sie ins Boot zu holen und kennt die kommunikativen Defizite seines Vorgängers. Er räumt auf, stellt sich eine neue Mannschaft zusammen, verkauft überflüssige Immobilien, restrukturiert das Unternehmen, pflegt einen neuen Führungsstil und hält immer engen Kontakt zu den Banken.

Und das Konzept greift: Erstmals seit 2010 erzielt Landgard im Geschäftsjahr 2015 wieder ein positives Ergebnis. Im März 2016 dann das nächste sehr erfreuliche Ereignis: Die Anschlussfinanzierung steht zunächst mit drei Jahren Grundlaufzeit, die zweimal verlängert werden kann. Niedrigere Zinsen sorgen dafür, dass sich die Bankverbindlichkeiten von einmal 400 auf jetzt 295 Millionen Euro reduzieren.

Landgard ist also wieder auf einem guten Weg und nicht mehr mit sich selbst beschäftigt. Entsprechend bleibt Raum, etwas für die Branche zu tun. So startet Landgard 2015 mit der generischen Werbekampagne „Blumen – 1000 gute Gründe“ und animiert immer mehr Unterstützer, diese Kampagne mit zu tragen. Das haben wir uns von Haymarket Media Deutschland nicht zweimal sagen lassen und sind seit letztem Jahr ebenfalls mit dabei.