Seestadt Aspern: „Bäume sind die besseren Schwämme“

Veröffentlichungsdatum: , Daniela Sickinger / TASPO Online

Die sich derzeit noch im Bau befindliche Seestadt Aspern gehört zu den größten Stadtentwicklungsprojekten Europas. Foto: ENA/BdB/Pixabay

Als mögliche Problemlösung für verdichtete Städte wird oft die sogenannte „Schwammstadt“ genannt. Mit der Seestadt Aspern entstand 2017 am Stadtrand von Wien dazu ein Pionierprojekt, bei dem auf 22.000 Quadratmeter Fläche ein neues duales Entwässerungssystem nach dem „Schwammstadt-Prinzip für Bäume“ entwickelt wurde.

Innovative Fusion von grüner und blauer Infrastruktur

In einer sogenannten „Schwammstadt“ wird das Regenwasser in unversiegelte Flächen oder Sickerbecken geleitet, anstatt ungenutzt in die Kanalisation zu fließen, informiert der Bund deutscher Baumschulen (BdB) im Rahmen des Projekts „Mehr grüne Städte für Europa“. Ideal sei dabei die Kombination mit Bäumen, wie sie aktuell in der Seestadt Aspern angewandt und weiterentwickelt werde. „Bäume sind die besseren Schwämme“, erläutert dazu Daniel Zimmermann. Nach schwedischem Vorbild entwickelte er dem BdB zufolge mit seinem Wiener Büro 3.0 Landschaftsarchitektur und diversen Partner eine innovative Fusion von ökologisch orientierter grüner und blauer Infrastruktur.

Ausreichend Wurzelraum für 330 zukunftsfähige Bäume

330 Bäume wurden in der Seestadt Aspern gepflanzt, berichtet der BdB. Ausgewählt wurden demnach zehn zukunftsfähige, klimataugliche Arten wie Amerikanische Weißesche, Resista-Ulme, Ungarische Linde, fruchtlose Maulbeere und Feld-Ahorn, die teilweise auch auf der Zukunftsbaumliste der deutschen Gartenamtsleiterkonferenz (GALK) zu finden seien. „Jeder Baum hat ein Pflanzloch von mindestens 35 Kubikmeter“, erklärt Zimmermann, laut dem die meisten Straßenbäume bislang als dekorative Elemente „misshandelt“ worden seien, eingekerkert in viel zu kleinen Pflanzlöchern. Zudem sei der Untergrund meist überverdichtet und durch Leitungen und Rohre dominiert. „Ist zu wenig Wurzelraum im Untergrund, entwickelt sich ein Straßenbaum viel schlechter und hat nur 20 bis 30 Jahre Lebenserwartung“, weiß Zimmermann. „Das ist viel zu kurz.“

Je größer jedoch der Wurzelraum sei, desto länger lebe der Baum, bleibe gesund und desto besser entwickle sich die Krone. „Großkronige Bäume sind wichtige Schattenspender“, merkt Zimmermann dazu an, und durch den kühlenden Verdunstungseffekt der Blätter könnten sie zudem besser als jede Nebeldusche wirken. Zimmermann geht davon aus, dass die in der Seestadt Aspern gepflanzten Bäume nach etwa zehn Jahren bereits 20 Prozent Überschattung bieten, später sollen es sogar bis zu 40 Prozent sein.

Duale Tiefbeete für optimale Wachstumsbedingungen

Um den Bäumen optimale Wachstumsbedingungen zu bieten, wurden laut BdB darüber hinaus duale Tiefbeete aus Beton angelegt, die in einem unterirdischen Mehrkammer-System drei Becken vereinen. Nach der Vorreinigung in zwei der Becken stehe dem Baum im dritten dann das aufbereitete Wasser selbst in Trockenperioden zur Verfügung, da die Becken laut BdB als sogenannte Retentionsräume die Niederschläge aufsaugen und sammeln. Der Untergrund sei gefüllt mit einem Mix aus Grobschlag und Feinsplitt, Substraten und Pflanzkohle, was ein luft- und wasserdurchlässiges Porensystem für optimale Durchwurzelung garantiere.

Wiener Pilotprojekt könnte weit über Österreich hinaus Schule machen

Trotz der Anfangsinvestitionen könnte das Wiener Pilotprojekt der „Schwammstadt für Bäume“ – das aktuell durch ein wissenschaftliches Monitoring begleitet wird – weit über Österreich hinaus Schule machen, so Zimmermanns Hoffnung. „Klimawandel-Anpassung ist das Gebot der Stunde, wir Landschaftsarchitekten schaffen das – mit Hilfe der Bäume“, sagt das Gründungsmitglied des Arbeitskreises Schwammstadt. Dazu brauche es allerdings mehr Unterstützung und angewandte Feldforschung, „wie bei unserem Projekt ‚Multifunktionaler Wurzelraum‘ (MUFUWU) in Graz“, so Zimmermann.