Grüne Branche

Über die Schulter geguckt

Was wir Freizeitgärtner vom Baumschuler lernen können
Wir lieben unseren Garten. Er ist für uns ein wichtiger Rückzugsort und erdet uns, wenn es im Alltag zu hoch hergeht, wenn der Stress uns plagt und wir nicht mehr wissen, wo uns der Kopf steht. Dann hilft uns der Garten zu riechen, zu schmecken, zu staunen, uns zu erholen und zu entspannen. Doch ein Garten will auch gepflegt sein, das gilt für Wege und Rasen, insbesondere aber für die Pflanzen. Jede Jahreszeit hat ihre Arbeiten - wir aber sind am liebsten draußen, wenn das Wetter freundlich ist. Damit wir in der wärmeren Jahreszeit im Garten auf unsere Genusskosten kommen, hat eine Branche derzeit Hochsaison - die Baumschuler.

Baumschuler sind wahrlich keine Schönwettergärtner, sie packen dann an, wenn es für die Bäume am besten ist und das ist dann, wenn wir uns schon längst mit dem guten Buch auf das Sofa zurück gezogen haben. Wir haben den Baumschuler Thomas Tschiskale (Geschäftsführer der Havelländischen Baumschulen) mit vielen Warum-Fragen draußen begleitet und dabei erfahren, was wir Freizeitgärtner von den winterhärtesten aller Gärtner für unseren eigenen Garten lernen können.

Herr Tschiskale, warum macht der Baumschuler keine Winterpause?

Tschiskale: Wenn die Bäume und Gehölze ihre Vegetationsruhe haben, dann lassen sie sich am besten verschulen, d.h. umpflanzen, um sie auf ihren späteren Standort im privaten Garten oder im öffentlichen Grün vorzubereiten. Die Vegetationsruhe wird definiert als derjenige Zeitraum des Jahres, in dem die Pflanzen photosynthetisch inaktiv sind, d.h. wenn sie oberirdisch keinerlei Wachstum, Blühaktivität bzw. Fruchtbildung zeigen. Diese Zeit, von Anfang November bis Ende März, ist für viele Arbeiten des Baumschulers - wie umpflanzen, versenden und schneiden am besten. Der Baumschuler hat deswegen jetzt alle Hände voll zu tun.

Wieso schneidet der Baumschuler bestimmte Gehölze im Winter?

Tschiskale: Im Winter werden vor allem Obstbäume geschnitten (Ausnahme Kirsche), damit die zu dicht gewachsenen Kronen wieder Luft und Licht bekommen. Wenn das Laub von den Bäumen gefallen ist, dann kann man den Zustand des Astaufbaus mit seinen Leitästen gut erkennen. Das Schneiden der Bäume erfordert nicht nur Feingefühl und Fachkenntnis, der richtige Schnitt erfordert auch Schneid und will gelernt sein. Denn wenn der Schnitt gut ist, dann tut er den Bäumen gut, sie bleiben vital und sie sehen auch wieder besser aus und verschönern den Garten. Auch auf den Verschluss der Schnittwunde ist zu achten, damit der Baum keinen Schaden nimmt. Im Winter „blutet" der Baum an der Schnittwunde weniger, weil die Pflanze „nicht im Saft steht". Am Rande lernen wir, dass auch in der Fachwelt der richtige Schnittzeitpunkt Ansichtssache ist. Einhellig ist allerdings die Meinung, dass professionelles, scharfes und stets sauberes Schnittwerkzeug äußerst wichtig ist, wenn der Schnitt gelingen soll.

Warum schneidet der Baumschuler manche Blühgehölze nicht im Winter?
Tschiskale:
Je nach Gehölzart, besonders bei Blühgehölzen, sollte man den Zeitpunkt der Blütenanlage beachten. Manche Bäume und Sträucher legen ihre Knospen bereits nach der Blühphase im Vorjahr an (z.B. Forsythien) und manche erst im Herbst oder Frühjahr. Je nach Gehölzart kann dann durch einen Schnitt die Blüte gänzlich oder deutlich sparsamer ausfallen. Sie haben es also selbst in der Hand, wie intensiv ihre Sträucher blühen. Im Zweifel, fragen Sie den Fachmann.

Warum verpflanzt der Baumschuler seine Gehölze im Winter?
Tschiskale:
Auch wenn es so aussieht, als hielte die Pflanze Winterschlaf, so ist sie in der Erde doch immer noch aktiv. Im Herbst gepflanzte Bäume wurzeln schon vor dem Frost an und haben beim Anwachsen weniger Stress als im Frühjahr gepflanzte Bäume. Laubgehölze verdunsten ohne Laub kein Wasser und leiden deswegen im Winter auch nicht unter Wasserstress.

Warum freut sich der Baumschuler über eine geschlossene Schneedecke?
Tschiskale:
Weil Schnee ein guter Frostschutz für die Pflanzen ist. Die Schneedecke wärmt, sie schützt aber auch vor Sonne. Das Weiß reflektiert, das heißt, Boden und Pflanze heizen sich an sonnigen Tagen nicht auf.

Warum fürchtet der Baumschuler die Wintersonne?
Tschiskale:
Sonnige Tage sind für viele Pflanzen kritisch. Erfolgt auf die wärmende Sonne eine kalte Nacht, können junge Knospen leicht erfrieren und das Holz Schaden nehmen. Hier hilft nur Schattierung, z.B. eine Reisigabdeckung auf Rosen. Auch Abdeckungen mit Vlies und Laub können Pflanzen schützen.

Wie kann der Hobbygärtner seine Pflanzen schützen?
Tschiskale:
Pflanzen, die im Garten fest verwurzelt sind, sind weniger empfindlich als in Töpfen und Containern. „Mobile" Gehölze sind durch Einpacken und Abdecken gegen die Einflüsse winterlicher Witterung zu schützen, so z.B. durch ein dichtes Zusammenrücken der Pflanzen in die Nähe schützender Wände. Vorsicht ist bei Nadelgehölzen geboten: da sie Immergrüne sind, findet die Photosynthese auch im Winter statt, d.h. sie sollten an frostfreien Tagen gegossen werden, damit sie nicht vertrocknen!

Thomas Tschiskale ist Geschäftsführer der Havelländischen Baumschulen. Das Unternehmen kultiviert in Werder/Havel auf einer Fläche von 120.000 Quadratmetern Obstgehölze, Heckenpflanzen, Rosen, Laubgehölze, Koniferen sowie Schling- und Kletterpflanzen. Als anerkannter Ausbildungsbetrieb lernen dort seit 1992 junge Menschen den Beruf des Baumschulgärtners.
Quelle: BdB