Grüne Branche

Vom Flug- zum Fluch-Hafen

Berlin Brandenburgs Großprojekt - auch mit einer grünen Sorge
Der Flughafen Berlin-Brandenburg, einst ersehnter Wirtschaftsmotor der Region Berlin-Brandenburg, hustet und stottert wie ein rostiger Ferienflieger, der schon vor dem Jungfernflug knöcheltief im märkischen Sand feststeckt. Hoch- und Tiefbau produzieren eine Schlagzeile nach der anderen. Und auch die grüne Branche scheint dank einer populistisch und oberflächlich geführten Berichterstattung in den Strudel der Bruchlandung zu geraten.

Dabei begann alles so hoffnungsvoll. Nach den Entwürfen der Planungsgemeinschaft ARGE Freiräume BBI, bestehend aus den Büros WES & Partner LandschaftsArchitektur (Oyten), Josch Bender Landschaftsarchitekten und Ingenieure und der PST GmbH (Werder) wurden etwa 120 ha Freiflächen im Auftrag der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH gestaltet. WES LandschaftsArchitektur erhielt den Auftrag als Generalplaner im Rahmen einer bundesweiten VOF-Ausschreibung. “Als Vorlage gab es ein Gestaltungshandbuch und einen Masterplan für den Gesamtflughafen,” sagt Peter Schatz von WES. „Auf der Basis des Masterplans haben wir unsere Ideen entwickelt und in unsere Vorplanung einfließen lassen.”

Stadt und Land
Das planerische Konzept sieht dabei eine typisch Märkische Landschaft vor, die sich wellenförmig entlang der Zufahrtstrassen für Auto- und Zugverkehr zum Flughafen von einer kieferbesetzten Dünenlandschaft, dem so genannten Midfiled Garden, in eine mondäne Großstadtatmosphäre mit einem lindengesäumten Boulevard entwickelt und vor dem Hauptterminal in ein fußballfeldgroßes Plateau ergießt. „Kernbereich des Flughafens ist die Airport City mit einer Gesamtfläche von 30.000 m² und die mittig angelegte Plaza, der Willy-Brandt-Platz mit Seitenstraßen,“ führt Peter Schatz aus. „Der Willy-Brandt-Platz ist mit etwa 8000 m² das Zentrum des urbanen Raumes der Airport City direkt vor dem Terminal und ist das Entree zu den verschiedenen Ebenen des Terminals. Der steinerne Platz wird begrenzt durch Hotel und Bürogebäude, sowie mit Doppelreihen aus Linden.“



Die Kaiserlinde Tilia intermedia ’Pallida‘, ist hierbei die vorherrschende Baumart der Airport City und wurde mit einer Größe von 500 bis‑700 cm und einem Stammumfang von 40–45 cm gepflanzt. Der Midfield Garden wird von der Kiefer als zweite Baumart dominiert. Zwischen dem Willy-Brandt-Platz und den Seitenstraßen liegt an der Südseite des Platzes das dreigeteilte 110 m lange und 8 m breite Wasserplateau. Dieses besteht aus dunkelgrauem Naturstein, in dem 18 Fontainenbänder integriert sind.

Pünktliche Landung
Etwa 20 Millionen Euro Budget standen den Planern und GaLaBau-Unternehmen dabei zur Verfügung. Rund 200 Mitarbeiter der Alpina AG (Ludwigsfelde) beispielsweise schufteten in Spitzenzeiten auf der Baustelle, um die etwa 1300 Bäume in die Erde zu bringen, die von namhaften Baumschulen wie Bruns, Lorberg, Lappen und Lorenz von Ehren geliefert wurden. Auch etwa 350.000 m² Rasenfläche gehören zu dieser Erfolgsbilanz, die innerhalb des geplanten Zeitraumes von zwei Jahren angesät wurden und die karge Sandwüste termingerecht zur geplanten Eröffnung in eine grüne Landschaft verwandelt haben.

Punktlandung trotz vieler Turbulenzen geglückt! Seit der Fertigstellung dümpeln die Freiflächen um den Flughafen jedoch ungenutzt in einer Art Dornröschenschlaf und warten darauf endlich bespielt und benutzt zu werden.


Ausgleich für die Natur
Enorme Flächen wurden mit dem Neubau des neuen Flughafens versiegelt. Aus diesem Grund ist die Flughafenbetreibergesellschaft FFB GmbH dazu verpflichtet Ausgleichsflächen und Ersatzmaßnahmen zu schaffen. Diese Ausgleichsflächen befinden sich nicht nur in der unmittelbaren Umgebung des Flughafens, sondern umfassen auch beispielsweise die Wiederherstellung der verwilderten Gutsparks von Großziethen und Dahlewitz, sowie unter anderem drei Landschaftsparks, die am südlichen Berliner Stadtrand angelegt wurden.

Weitere Projekte wie die Zülowniederung werden folgen. Die 35 Millionen Euro, die die Flughafenbetreiber für die Naturschutzpflege aufwenden, könnten auch für andere Fördermaßnahmen im Land Brandenburg eingesetzt werden. Im Zuge der Renaturierungsmaßnahmen sind insgesamt 6000 Kompensationsbäume vorgesehen. Davon wurden 2010 auf den Rieselfeldern bei Ragow neben Eichen und Weißdorn unter anderem bereits 1050 Winterlinden gepflanzt.


Alarmstufe Rot
Im Leistungsverzeichnis der Planungsgemeinschaft wurde für die Ausgleichsflächen Winterlinde Tilia cordata, Güte Hochstamm, mit einem 65 Liter Inhalt Container, und einem Stammumfang von 18 bis 20 cm als vorherrschende Baumart ausgeschrieben. Bei der Baumauswahl ging es den Planern weniger um die Verwendung von gebietsheimischen Gehölzen, sondern um gestalterische Aspekte. Doch dann die Hiobsbotschaft: statt der Winterlinde Tilia cordata wurde versehentlich Tilia cordata ’Greenspire’, veredelte Sorte, die gerne als Straßenbaum verwendet wird, geliefert und gepflanzt. Im Gegensatz zu dem breit ausladendem Wuchs der ungezüchteten Lindenart unterscheidet sich die Züchtung durch eine schmale und hochwüchsig ausgebildete Krone.

„Den Flughafenbetreiber trifft keine Schuld,“ sagt Diplom Forstwirt Helmut Häberle vom verantwortlichen Unternehmen Rudolf Schrader Pflanzenhandelsgesellschaft GmbH (Ingolstadt). „Auch wir hatten nicht bemerkt, dass uns die Lieferanten mit einer falschen Sorte beliefert hatten. Im Zuge der Ausschreibung hatten wir verschiedene Baumschulen angefragt, die uns eine Verfügbarkeit zusicherten. Selbst für Fachleute ist es schwer zu erkennen, wenn die Bäume wurzelnackt und ohne Laub geliefert werden, ob es sich tatsächlich um den richtigen Baumtyp handelt.”


Der Maulwurf
Aufgedeckt wurde der Fehler erst durch eine Anzeige eines Wettbewerbers aus der Branche, der wohl über Insiderwissen verfügte. Anscheinend gab es bei Tilia cordata zu diesem Zeitpunkt Lieferengpässe, zum anderen musste der Maulwurf wissen, dass in Baumschulen mit der Unterscheidung zwischen Art und Sorte manchmal nicht so sensibel umgegangen wird. Dennoch eine fragwürdige Methode, mit Konkurrenten umzugehen, zumal hier keine unmittelbare Gefahr für Leib, Leben oder die Natur bestand. Für das verantwortliche Unternehmen Rudolf Schrader ein Desaster, nicht nur finanziell gesehen.

Zum einen geht es hier um einen erheblichen Imageschaden für den Flughafen und auch den GaLaBau, zum anderen steht ein sechsstelliger Betrag auf der Uhr, der durch eine kleine Nachlässigkeit mal eben so durch den Häcksler gedreht wird. Eigentlich wäre dieser Fauxpas gar nicht ans Licht der Öffentlichkeit gekommen, hätte es nicht den Prüfbericht des BER-Untersuchungsausschusses zu den anderen Mängeln am Flughafen gegeben, denn das Unternehmen Rudolf Schrader wollte ursprünglich ohne viel Aufhebens nachbessern.

Kein Pardon
Bis zuletzt hatte Schrader versucht, die Bäume vor der Abholzung zu retten, in dem man als Kompensation für die Kompensationsbäume die Anpflanzung von 200 alten Obstbaumsorten angeboten hatte. Doch die Auftraggeber bestanden auf Erfüllung des Vertrages – „juristisch gesehen einwandfrei,“ wie Häberle bemerkt. Somit mussten Anfang des Jahres rund 460 der Neupflanzungen wieder entfernt werden.

Bei den restlichen Bäumen konnte eine fachliche Begründung für den Erhalt der Falschpflanzungen gefunden werden. Glaubt man den Werbeslogans der Versicherungen, kann man sich gegen nahezu jeden Schaden versichern. Nicht jedoch in diesem konkreten Schadensfall - der Betrieb bleibt auf den Kosten sitzen. Die Lieferanten haben Gesprächsbereitschaft für ein Entgegenkommen signalisiert, aber diese ganz in die Pflicht zu nehmen, sei aus mehreren Gründen auch nicht möglich, so Häberle.