Grüne Branche

Wertschätzung von Stadtgrün zu gering"

Stadtbäume werden weiter unterschätzt, ausserdem gibt es Defizite bei der Pflege und Risiken durch neue Schädlinge, meint Prof. Dr. Hartmut Balder, wissenschaftlicher Referent der ISA Deutschland (International Society of Arboriculture) und Professor für Urbanen Gartenbau an der Technischen Fachhochschule Berlin in einem Statement in der TASPO, zu dem die Fachzeitung gerne Leserbriefe entgegen nimmt:

"Die Wertschätzung der Stadtbäume ist immer noch zu gering! Und dies trotz der aktuellen Diskussion um die CO2-Bindung im Rahmen der Klimaentwicklung sowie zur Reduktion der Feinstaubbelas-tung in unseren Städten. Weder Politik noch Öffentlichkeit sehen in Bäumen eine günstige natürliche Lösung der Umweltproblematik, sondern streiten ausschließlich über technische Lösungen. Es ist dringend erforderlich, den Blick zu weiten, um das Stadtgrün in seinen Funktionen zu erhalten oder zu unterstützen und dabei neue Einflüsse wie neue aggressive Schädlinge einzubeziehen.

Notwendig ist ein nachhaltiges Qualitätsmanagement bei der Anlage und Betreuung urbaner Grünflächen durch entsprechendes Fachpersonal. Die Forschung der letzten Jahre hat immer wieder deutlich gezeigt, dass eine erfolgreiche Bepflanzung städtischer Freiräume nur gelingt, wenn geeignete Pflanzen an den richtigen Ort verplant, die Böden nachhaltig in ihren Strukturen verbessert und die Betreuung mit Hilfe eines modernen Grünflächenmanagements erfolgt. In der Praxis geschieht leider Gegenteiliges, wie Untersuchungen der TFH Berlin immer wieder zeigen konnten. Viel zu häufig steht das Gründesign zu Las-ten des Wachstums im Vordergrund, werden Billiganbieter mit Pflanzenanlieferung, Pflanzung und Pflege beauftragt und in Städten und Kommunen Fachpersonal und Finanzmittel zusammengestrichen. Hieraus folgen nicht nur enorme Folgekos-ten für die Besitzer der Gehölzbestände, sondern auch zunehmend Gesundheitsbelastungen für die Stadtbewohner. So führt beispielsweise die Verwendung von Birken und Hasel in der Stadtbegrünung zu hohen Allergiebelastungen durch Pollen, desgleichen die hohe Verunkrautung der Grünanlagen durch Gräserpollen und die unzu-reichende Bekämpfung eingeschleppter Pflanzen wie die Herkulesstaude oder das Ambrosia-Beikraut. Völlig unzureichend ist auch die Überwachung der Bäume auf Schädlinge, die als Lästlinge eine enorme Bedeutung haben, unter anderem zur Kontrolle der Raupen von Eichenprozessionsspinner oder Goldafter mit hohem Allergiepotenzial. Hinzu kommt die Verschleppung von aggressiven Schädlingen als Folge der Globalisierung. Die Forschung zur Entwicklung von effizienten Gegenmaßnahmen beispielsweise gegen die Kastanienminiermotte oder rindenbrütenden Holzinsekten wie Blausieb, Prachtkäfer, Splintkäfer oder chinesische Bockkäfer ist völlig unzureichend, was bei dem hohen Zerstörungspotenzial dieser Insekten völlig unverständlich ist. Erforderlich sind hier mehr vorsorgende Entwicklungsarbeiten, bei den zu erwartenden Baumschäden kommt ansonsten jede Hilfe zu spät."