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WGT: Bereicherung für Leipzigs Bestattungswesen

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Alljährlich zu Pfingsten trägt Leipzig schwarz. Mehr als 20.000 Anhänger der Gothic-Szene strömen an dem verlängerten Wochenende zum Wave-Gotik-Treffen – kurz WGT – und verwandeln die Messestadt in ein Meer aus Dunkelheit. Friedhöfe sind seit jeher fester Bestandteil des schaurig-schönen Spektakels. Doch wie nimmt das Bestattungswesen daran teil?

Südfriedhof im Fokus der WGT-Besucher

Obwohl das internationale Szenetreffen mit einem äußerst vielfältigen Musik- und Kulturprogramm aufwartet, kommen die meisten Besucher getreu dem Motto „sehen und gesehen werden“ nach Leipzig. Teilweise allein, aber zumeist in kleineren Gruppen flanieren die Festivalteilnehmer in ihren aufwendig gestalteten Roben durch das gesamte Stadtgebiet.

Neben öffentlichen Parks zieht es viele WGT-Besucher auf die Friedhöfe. Im Fokus steht dabei – aufgrund seiner Größe und der Vielzahl historischer Grabmale und Gruften – der Südfriedhof. Umso auffälliger die Grabstätte, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass davor Damen in prachtvollen viktorianischen Gewändern für ein professionelles Fotoshooting posieren.

Deutlich mehr Besucher zu Pfingsten

Im Laufe der Zeit hat auch die Kommune gelernt, sich selbst im Rahmen des Festivals in Szene zu setzen. So gewährt etwa der Südfriedhof während des Wave-Gotik-Treffens allen Interessierten einen Einblick in die Trauerhallen sowie das Krematorium. „Wir öffnen diesen Bereich auch zu anderen Anlässen, doch nie ist der Besucherandrang so stark wie zu Pfingsten“, zeigt sich der als Verwaltungsamtmann für die städtischen Friedhöfe zuständige Volker Mewes erfreut.

Es seien überwiegend die Leipziger selbst, die das WGT als Anlass nehmen, um neue Ecken ihrer Stadt kennenzulernen. Daher betrachtet Mewes das Festival in erster Linie als gute Gelegenheit, um den Bekanntheitsgrad seiner Einrichtungen zu steigern. Zusätzlich stellt die Kommune die Räumlichkeiten auf dem Südfriedhof den Veranstaltern des Wave-Gotik-Treffens für Konzerte, Lesungen und weitere Events bereit.

Wie alle Besucher müssen auch die Festival-Besucher die vor Ort geltenden Verhaltensregeln respektieren. „In der Summe ist es ein tolles und faszinierendes Publikum, das sich zumeist angemessen verhält“, betont Mewes.

Friedhofsführungen mit der Schwarzen Witwe

Ein überaus positives Auftreten bescheinigt auch Dr. Anja Kretschmer den Szene-Anhängern. Die in Rostock lebende Kunsthistorikerin – mit dem Fokus auf Sepulkralkultur und Denkmalpflege – führt an den vier Veranstaltungstagen mit zwei verschiedenen Programmen über Sachsens größtes Freiluftdenkmal. Zwischen 100 und 150 Gäste folgen ihr dann jeweils über das weitläufige Areal.

„Die Festivalbesucher sind sehr herzlich und aufgeschlossen und überaus diszipliniert, wenn man die Gruppengröße bedenkt“, berichtet Kretschmer, die sich während des Rundgangs in die Kunstfigur der Schwarzen Witwe verwandelt. Optisch passt sie damit perfekt in das WGT-Szenario. „In diese Rolle schlüpfe ich allerdings immer bei dieser speziellen Führung, auch wenn ich sie in anderen Städten durchführe“, sagt Kretschmer.

Seifenblasen-Ritual bleibt in Erinnerung

Schon mehrfach nahm die Akademikerin wissbegierige Besucher mit in die mystische Welt von Totenkronen, Wiedergängern und Leichenwachen. Besonders in Erinnerung dürfte den Teilnehmern vermutlich das Abschlussritual ihrer Friedhofsgeflüster-Tour sein, bei dem die Besucher Seifenblasen in den Himmel pusten.

„Die Idee kam mir, als ich einst auf einem Kindergrab aus der Barockzeit einen Putten-Jungen mit einem Seifenblasenrohr sah. Die Figur symbolisiert, dass das Leben so leicht wie eine Seifenblase zerplatzen kann.“ Normalerweise bereitet Kretschmer mit dem Ritual Kindern, die an ihren Führungen teilnehmen, eine kleine Freude. Aber auch die WGTler genossen den schönen Moment.

Premiere hatte vor zwei Jahren ein Leichenwagentreffen auf dem Vorplatz des Südfriedhofs. Eine Gruppe von rund 20 Fahrzeugenthusiasten präsentierte dort ihre eindrucksvolle Wagenflotte. Zum Hingucker des Events avancierte allerdings ein wahrer Kenner der Branche – Bestatter Oliver Dunker.

Bestatter ist Star beim Leichenwagentreffen

Der in Leipzig beheimatete Unternehmer erfuhr kurzfristig über einen Bekannten von der Veranstaltung und entschied sich spontan, daran teilzunehmen. Mit seinem 1963er Mercedes-Benz der Baureihe W111 machte er sich auf den Weg zum Treffen. „Ich war total überrascht von dem großen Besucherinteresse. Das Fahrzeug wurde regelrecht von einer Menschentraube belagert“, berichtet Dunker.

Trotz seines stattlichen Alters ist der Oldtimer in makellosem Zustand. „Der Wagen wurde in Italien umgebaut und war dort bis 2004 als Leichenwagen im Einsatz. 2005 habe ich ihn dann erworben“, sagt der Geschäftsführer des gleichnamigen Beerdigungsinstituts. Seit 2014 ist das historische Gefährt nun im Dienste Dunkers auf den Straßen Leipzigs und Dresdens unterwegs.

Leipziger Bestattungswesen nutzt WGT für sich

„Von den Besuchern habe ich sehr viel Lob für das Fahrzeug erhalten, buchen wollte es jedoch keiner. Es sind zumeist ambitionierte Kunden, die einen besonderen Bezug zu Oldtimern oder der Marke Mercedes haben, die sich dafür entscheiden“, so Dunker, der einzige Bestatter unter den Teilnehmern.

Das Wave-Gotik-Treffen verdeutlicht jedenfalls, dass das Bestattungswesen die außergewöhnlichen Aktivitäten auf ihrem angestammten Terrain durchaus als Bereicherung empfindet und für sich zu nutzen weiß.