Grüne Branche

Zecken: Blutsauger sind wieder unterwegs

Mit dem Frühling beginnt auch die Zeckensaison wieder. Besonders ernst zu nehmen ist die Zeckengefahr für Menschen, die überwiegend im Freien arbeiten – wie es bei vielen Gärtnern der Fall ist. Auf dem 1. Süddeutschen Zeckenkongress an der Universität Hohenheim in Stuttgart wurde deshalb eine bundesweite Borreliose-Meldepflicht befürwortet und neue Verfahren zur biologischen Zeckenbekämpfung vorgestellt. 

Zecken können gefährliche Krankheiten wie FSME oder Borreliose übertragen. Foto: https://zeckenkongress.uni-hohenheim.de/

Kein anderes Tier in Deutschland verursache jährlich so viele Erkrankungen wie die Zecke, so das Resümee der Pressekonferenz zum 1. Süddeutschen Zeckenkongress an der Universität Hohenheim vom 21. bis 22. März. Lyme Borreliose und die gefährliche Hirnhautentzündung FSME seien nur zwei bekannte Krankheiten, die durch die winzigen Blutsauger übertragen werden. Der wirksamste Schutz gegen FSME bleibt die Impfung, so die Ansicht aller Teilnehmer.

Schwieriger sei die Strategie bei der Bekämpfung der Borreliose, der häufigsten durch Zecken übertragenen Krankheit. Für diese Krankheit gäbe es keinen Impfstoff aber eine antibiotische Behandlung. Eine nach Infektionschutzgesetz bestehende Meldepflicht für die Borreliose-Erkrankung Lyme Borreliose gibt es derzeit nur in einem Teil der Bundesländer. „Wir gehen heute jedoch von einer deutschlandweiten Infektionsgefahr aus“, so Dr. Wagner-Wiening. Zu einer Verbesserung der Datenlage zur epidemiologischen Situation der Lyme Borreliose in Deutschland könnte, aufgrund der Vergleichbarkeit der Daten, nur eine bundesweite Meldepflicht führen. Das Land Baden-Württemberg setze sich deshalb für eine bundesweite Meldepflicht für Borreliose ein.

Beim Schutz der Bevölkerung vor FSME ist Österreich europaweiter Vorreiter: 86 Prozent der Einwohner hätten inzwischen zumindest eine Impfung erhalten. Daraufhin sei die Zahl der FSME-Erkrankungen von 700 auf 50 bis 100 pro Jahr gesunken. Rund um die Alpenrepublik sei die Entwicklung weniger positiv, so Prof. Dr. Jochen Süss vom Friedrich-Loeffler-Institut in Jena. „Im 10 Jahres-Vergleich hat die Zahl der Erkrankungsfälle in Deutschland, Polen, Tschechien und Skandinavien signifikant zugenommen“, so Prof. Dr. Süss. Heute gäbe es Zecken mit FSME-Erregern in 27 europäischen Ländern, doch leider gibt es nur aus 19 Ländern verlässliche Daten. Und die Ausbreitung nähme zu: „In den vergangenen drei Jahren entstanden neue Risikogebiete in Österreich, Deutschland, der Slowakei, Estland, Finnland, Schweden, Russland und der Schweiz, bzw. wurden diese dort entdeckt.“

In Deutschland führt Baden-Württemberg die Krankheits-Statistik an, dicht gefolgt von Bayern. Doch auch in sogenannten Nicht-Risiko-Gebieten treten inzwischen 5 Prozent aller Krankheitsfälle auf. So gelten den Angaben zufolge bundesweit 137 von 440 Stadt- und Landkreisen als Risikogebiete. 2011 sei die Zahl der FSME-Erkrankungen auf bislang 423 gemeldete Fälle gestiegen. Im Vorjahr seien es noch 256 gemeldete Fälle gewesen. Jede zweite Erkrankung sei in Baden-Württemberg gemeldet worden. Im „Ländle“ gelte deshalb flächendeckend die Impfempfehlung ab dem 1. Lebensjahr, so Dr. Christiane Wagner-Wiening vom Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg. Dadurch würden die Kosten auch von der Krankenkasse übernommen.

Impfen auch bei Auslandsreisen oder Ausflügen in Risikogebiete – so lautete das einheitliche Credo der anwesenden Neurologen, Kinderärzte und Virologen. Dabei berufen sie sich auch auf die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Institutes. „In Risikogebieten sind etwa zwei Prozent der Zecken mit FSME befallen. Jede dritte Infektion führt beim Menschen zur Erkrankung“, erläuterte Prof. Dr. Reinhard Kaiser, Chefarzt der Neurologie-Klinik in Pforzheim.

Von den erwachsenen Patienten erlebe jeder zweite einen schweren Krankheitsverlauf: erhebliche Kopfschmerzen, hohes Fieber, Bewusstseinsstörungen, Gleichgewichtsstörungen und Lähmungen von Armen und Beinen. Schwere Verläufe einer FSME hinterließen bei mehr als der Hälfte der Betroffenen Dauerschäden mit nachfolgender Berufsunfähigkeit. „Neue Studien haben gezeigt, dass drei Jahre nach der akuten Erkrankung kaum noch mit einer Besserung der Beschwerden zu rechnen ist“, berichtete der Neurologe.

Bei Kindern verlaufe die FSME-Krankheit meist milder als bei Erwachsenen. Doch auch im Kindesalter können bereits schwere Krankheitsverläufe auftreten: „Dazu gehören Lähmungen, Koma, Krampfanfälle, Defektheilungen und vereinzelt auch Todesfälle“, erklärte Prof. Dr. Ulrich Heininger, vom Universitäts-Kinderspital beider Basel. Im stark betroffenen Baden-Württemberg seien im Schnitt jedoch nur 30 bis 40 Prozent der Erstklässler geimpft, ergänzte Frau Dr. Wagner-Wiening vom Landesgesundheitsamt. Im Schwarzwald und auf der Schwäbischen Alb stiegen die Impfzahlen auf maximal 60 Prozent. Unter den Erwachsenen sei nur jeder vierte gegen FSME immun. „Tatsächlich haben die Impfstoffe fast 100 Prozent Wirkung“, bestätigt Prof. Dr. Heininger. Komplikationen seien extrem selten: „Etwa 1,5 Fälle bei einer Million Impfungen“, berichtet Prof. Dr. Kaiser. „Das ist sechsmal seltener als bei Tetanus.“

Neue Wege, Risikogebiete schneller und einfacher zu erkennen, stellte Prof. Dr. Ute Mackenstedt vor. Die Parasitologin der Universität Hohenheim forscht seit Jahren zur Biologie der Zecke und ist Organisatorin des 1. Süddeutschen Zeckenkongress. Eine Möglichkeit sei, Füchse und andere Wildtiere auf FSME-Erkrankungen zu untersuchen. „Im Naturzyklus der Zecken dienen Wildtiere als sogenannte Reservoir-Wirte“ erläuterte Prof. Dr. Mackenstedt. Risikogebiete ließen sich leichter identifizieren, wenn erlegte Wildtiere konsequent auf Antikörper gegen FSME untersucht würden – „ein Verfahren, das wesentlich weniger aufwändig und viel erfolgreicher ist, als die FSME-Viren in der Zecke selbst nachzuweisen.“

Daneben arbeitet die Zecken-Expertin mit weiteren Fachkollegen der Universität Hohenheim an mehreren Verfahren zur biologischen Zeckenbekämpfung. „Dazu setzen wir natürliche Feinde der Zecken in Deutschland ein: Würmer, Pilze oder Schlupfwespen, die die Tiere von Innen heraus zersetzen.“ Im Labor hätten sich die Versuche als wirkungsvoll, aber aufwändig erwiesen. Seit einiger Zeit liefen weitere Untersuchungen in Freiland-Parzellen.

Der 1. Süddeutsche Zeckenkongress bildet den Auftakt einer periodischen Tagungsreihe im Süddeutschen Raum. Er umfasst eine ärztliche Weiterbildung und eine breit gefächerte Fachtagung, an der Mediziner, Veterinäre, Biologen, Klimatologen und Vertreter von Politik und Ämtern den Bogen von Prävention über Therapie bis zur Zeckenbekämpfung spannen. Ergänzt wird der 1. Süddeutsche Zeckenkongress durch eine Bürgerveranstaltung mit öffentlicher Ausstellung, Vorträgen und Fragestunden. Insgesamt nehmen über 160 Wissenschaftler an den Veranstaltungen teil. (ts/idw)